Buchen

175 Jahre Burghardt-Gymnasium Buchen (Teil 1) Wegen der Pandemie müssen im Jubiläumsjahr die Feierlichkeiten ausfallen / Auftaktartikel befasst sich mit der Gründung

Industrialisierung förderte die Bildung

Buchen.Das Burghardt-Gymnasium Buchen feiert im Jahr 2020 sein 175-jähriges Jubiläum: Im November des Jahres 1845 wurde die Schule festlich eröffnet. Die geplanten Jubiläumsveranstaltungen können angesichts der aktuellen Gegebenheiten nicht stattfinden. Die Meilensteine der Schulgeschichte sollen stattdessen in einer Artikelserie beleuchtet werden, die in unregelmäßigen Abständen erscheint.

Der erste Meilenstein führt uns zurück in eine andere Zeit: Die auch in Deutschland an Fahrt aufnehmende Industrialisierung verändert in der Mitte des 19. Jahrhunderts Wirtschaft und Gesellschaft. Unter den Bedingungen der Restaurationspolitik entstehen neue politische Forderungen, alternative politische Ideen, die schließlich in der Revolution des Jahres 1848 postuliert und ausgefochten werden. Auch das Odenwälder Städtchen Buchen muss auf die Veränderung der Lebensbedingungen, auf die Forderungen der neuen Zeit reagieren.

„Die höhere Bürgerschule zu Buchen wurde am 10. November vergangenen Jahres […] feierlich eröffnet. Die Errichtung dieser Schule war für die hiesige Amtsstadt und Umgegend ein durch die Zeitverhältnisse hervorgerufenes tiefgefühltes Bedürfnis.“ Die einleitenden Worte des ersten Jahresberichts der Großherzoglichen Höheren Bürgerschule zu Buchen aus dem Jahr 1846 verdeutlichen, dass die Gründung der Schule im wörtlichen Sinne als ein „Zeitgeschehen“ zu verstehen ist.

Die Industrialisierung bedeutete einen epochalen Wandel: Die neuen Techniken des Fabrikzeitalters setzten auch die Buchener Handwerker unter Druck. Die Veränderung der Lebensverhältnisse zeitigte auch in Buchen ein neues bürgerliches Bildungsbedürfnis. Der Antrag auf die Gründung der Schule war insofern eine Antwort auf den Wirbel der bedrängenden Ereignisse der Jahrhundertmitte.

Die Bildungsaffinität der Buchener Bürger hatte indes eine weit zurückreichende Geschichte. Schon im Mittelalter hatte es in Buchen eine „lateinische Schull“ gegeben, in der begabte Jungen zum Pfarrer ausgebildet wurden. Um 1500 trat daneben eine „teutsche Schull“. Die zahlreichen Buchener Studenten, die für die Frühe Neuzeit erfasst sind, sind in diesen Schulen ausgebildet worden. An diese Bildungstradition wurde angeknüpft, als es die landesherrliche Verordnung vom 15. Mai 1834 den badischen Städten ermöglichte, „Höhere Bürgerschulen“ zu errichten. Den Anstoß zum Buchener Antrag gab der Schlossermeister und Gemeinderat Valentin Kieser. Eine Schule erleichtere den Bürgersöhnen die Berufswahl, junge Leute würden sich nach ihrer Schulzeit möglicherweise dauerhaft in Buchen niederlassen und Lehrer ihre Besoldung vor Ort verzehren, so die Hoffnung.

Das Lebensglück fördern

Der Genehmigungsantrag von 1844 wurde wortreich begründet: „Welche nachteilige Folge die Hemmung der geistigen, das Lebensglück befördernden besonderen Ausbildung eines großen Teiles der hiesigen Einwohnerschaft gehabt hat, zeigt der gesunkene Wohlstand der bürgerlichen Einwohner und insbesondere der gewerbetreibenden Klasse.“ Der Antrag wurde zunächst zwar abgelehnt, die überarbeitete Fassung stieß dann aber auf die erhoffte Resonanz. Am 28. April 1844 erreichte das Buchener Bezirksamt die Nachricht, „daß Seine Königliche Hoheit der Großherzog […] gnädigst geruht haben, die Errichtung einer höheren Bürgerschule in Buchen […] zu genehmigen“.

Es lässt sich festhalten: Das Projekt „Schulgründung“ wurde aus der Bürgerschaft heraus betrieben. Keine Eliteschule für eine adelige Minderheit war das Ziel, sondern eine Bürgerschule im eigentlichen Sinne. Nach der Eröffnungsfeier am 10. November 1845 besuchten 64 Schüler die neue Schule und wurden in Fächern wie Latein, Deutsch, Französisch, Arithmetik, Geografie, Naturgeschichte, Gesang, Schönschreiben und Geschichte unterrichtet.

Das Ziel der Schule, so heißt es im Jahresbericht von 1846, sei es, „bei den Schülern den Sinn und Eifer für das Wahre, Gute, Edle und Schöne zu beleben, zu fördern und erhalten“. Die Gründer stellten ihre Schule rhetorisch in die Tradition des deutschen Idealismus. Man kann vermuten, dass diese hehren Ziele von einer autoritären, den Gepflogenheiten der Zeit entsprechenden Unterrichtspraxis unterwandert wurden. „Man lasse […] die Bürgerzöglinge nicht mehr bloß auswendig lernen, sondern begreifen und empfinden, was sie wissen, werden und tun sollen“, so heißt es in der Chronik von 1848.

Zugleich folgt aber der Hinweis, dass die Schüler sich nicht zu „Schwadronierern und geistigen Quacksalbern“ entwickeln dürften, „die alles durcheinandermischen“ – wohl eine Warnung vor den revolutionären Umtrieben der Zeit.

Die Geschicke der Schule standen von Beginn an im Zeichen der historischen Begleitumstände, so lässt sich resümieren. Bereits die Schulgründung in politisch bewegten Zeiten, am Vorabend der Revolution als bürgerliche Reaktion auf die Industrialisierung, deutete jedenfalls zukunftsweisend an, dass auch die Buchener Bürgerschule auf ihrem Weg in die Moderne vom Auf und Ab der Geschichte nicht unberührt bleiben sollte. Von Michael Kolbenschlag

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