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Tagebuch von Dietmar Riemann In seinem Eintrag vom 15. April 1986 geht es um seinen ganz persönlichen und gefährlichen „Mauerfototag“

Immer auf der Hut vor den auffällig Unauffälligen

Dietmar Riemann – heute Fotograf in Mosbach – floh mit seiner Familiekurz vor dem Mauerfall aus der DDR. Sein Leben und die Ausreise hielt er in einem Tagebuch fest. Die FN berichten daraus.

Berlin, 15. April 1986: „Heute bin ich nicht nur körperlich völlig kaputt nach Hause gekommen, sondern auch noch seelisch schwer angeschlagen. Um ein Haar wäre ich nämlich ins offene Messer unserer allgegenwärtigen Staatssicherheitsorgane gelaufen.

Nachdem ich pünktlich um 6.30 Uhr unser Auto in der Klempnerei abgegeben hatte, lag der ganze Tag zum Fotografieren vor mir. So war es auch geplant. Ich wollte mit meiner Bildfolge, Wände, Mauern, Zäune – und andere Begrenzungen’ ein nennenswertes Stück weiter kommen und hatte mir vorgenommen, endlich auch die Mauer selbst zu fotografieren, denn um meinem inhaltlichen Anliegen visuell gerecht zu werden, musste mindestens ein ,echtes Mauerfoto’ in meiner Serie vorkommen.

Morgen beginnt der elfte Parteitag der SED. Die Stadt, die ohnedies permanent von uniformierter und nichtuniformierter Polizei und Stasispitzeln wimmelt, war heute regelrecht übersät mit auffällig unauffälligen Zivilisten. Man erkennt die jungen Männer – seltener sind es Männer mittleren Alters – recht schnell. Sie sind nach standardisierter DDR-Mode gekleidet und tragen kurz geschnittenes Haar. An ihren Armen schlenkert immer eine kleine Handgelenktasche oder ein Regenschirm, selbst wenn Regen nicht in Sicht ist, und ihre Physiognomien spiegeln oft allzu deutlich wider, wes Geistes Kinder sie sind. Sie treten meist im Duo auf und mimen Wartende. Bei Sprechversuchen tönt’s statt berlinisch fast immer sächsisch.

Vorsicht ist geboten

Trotzdem ist Vorsicht geboten! Man sollte diese Zuträger der Macht nicht unterschätzen, sondern ein gesundes Maß an Angst aufbringen.

Die Stadt ist in diesen Tagen des Parteitages der SED und der im Juni bevorstehenden sogenannten Wahlen außerdem voller martialischer Spruchbänder und Plakate.

Vom Alex bin ich über die Linden bis zum Brandenburger Tor gelaufen. Dann bin ich in unmittelbarer Grenznähe am Reichstagsufer entlang zum Bahnhof Friedrichstraße gegangen. Hier bin ich in den Linienbus gestiegen und bis zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße gefahren. Dort verläuft nur wenige Minuten Fußweg vom Übergang entfernt die unmittelbar an der Grenze verlaufende Fritz-Heckert-Sraße.

In dieser Straße habe ich mit meiner sehr kleinen, schwarzen Sucherkamera ,Olympus XA’, die ich mir für meine ,Wände’ und ,Schaufenster’ aus dem ,Westen’ habe besorgen lassen, aus einem Hauseingang heraus blitzschnell ein Foto ,geschossen’. Trotzdem bin ich beobachtet worden. Nur ganz wenige Minuten nach meinem sicher auch noch unbrauchbaren ,Schuss’ kam auf mich ein Mann im Anzug mit Parteiabzeichen zu. Er fragte mich barsch, ob ich hier wohl ,Schwierigkeiten’ machen wolle, indem ich an dieser Stelle fotografiere? Ich muss kreidebleich geworden sein. Jedenfalls habe ich nur ,Nein, nein, nein’ gestammelt – und bin sofort eiligst weitergelaufen. Der aufgebrachte, dienstgeile Mann hat mit den Armen gefuchtelt und mir noch laut nachgerufen, dass er sonst Meldung machen müsse.

Nur einen kurzen Augenblick später bog eine Doppelstreife Schutzpolizei von einer Seitenstraße kommend in die Fritz-Heckert-Straße ein. Ich habe in diesem Moment nur gedacht, dass die ja eigentlich noch nichts wissen kann. Ich bin beherzt und jetzt normalen Schrittes an den beiden Vopos vorbeigelaufen. Ich habe aber große Angst gehabt. Das hätte böse ausgehen können.

Nur wenige Straßen vom ,Tatort’ entfernt habe ich mich dann einige Zeit auf einer Baustelle versteckt, der eine Bushaltestelle gegenüber lag, und die Gegend aufmerksam beobachtet.

Nach etwa einer halben Stunde bin ich zu einem ankommenden Bus gerannt und im letzten Moment aufgesprungen. Trotz meiner Angst bin ich umgehend zur Brunnenstraße gefahren, um von da entlang der Mauer Richtung Eberswalder Straße zu laufen.

Dort gibt es eine ganz schlimme Stelle an der Grenze zum Wedding. Da laufen die Straßen Oderberger, Schwedter und Eberswalder im spitzen Winkel aufeinander zu, treffen zusammen und verenden vor der Mauer. Der graue Ort wirkt schrecklich. Natürlich kann man dort keinesfalls fotografieren. An eben dieser Stelle erhebt sich auf westlicher Seite eine große, hölzerne Aussichtsplattform über die Höhe der Mauer. Auf diesem Touristengerüst standen ein paar Jugendliche. Sie waren laut, locker und fröhlich. Sie haben nur einen kurzen Blick auf unsere Seite getan, so, wie man eben im Zoo in einen langweiligen Käfig hinein schaut, in einen Käfig, in dem scheinbar nichts passiert. Und schon war die seltsame Konstruktion wieder leer. Die erlebte Situation erschien mir absolut surreal.

Dann bin ich weiter zum S-Bahnhof Schönhauser Allee gelaufen. Dort, wie anderswo auch, wird man von staatsverordneten Großschildern erschlagen, die mit hirnrissigen Superlativen bepinselt worden sind, wie beispielsweise ,Das Beste zum XI.’. Oder man wird mit der platten Versicherung konfrontiert ,Mit der Sowjetunion auf ewig verbunden’. Anschließend bin ich vom Bahnhof Schönhauser Allee mit der S-Bahn mehrmals die bedrückende Strecke nach Pankow und wieder zurück gefahren. Zwischen diesen beiden Bahnhöfen rollt man nämlich über eine kurze Distanz direkt durch das innerstädtische Grenzgebiet hindurch, man bewegt sich gewissermaßen auf der Mauer. Auch hier ist es nicht einfach, ein Foto zu machen. Die Strecke wird von vielen Menschen frequentiert, selbst in der Mittagszeit, wie ich feststellen musste. Auf den Bahnsteigen laufen immer mehrere Transportpolizisten herum.

Dazu kommt, dass der Zug aus ,Sicherheitsgründen’ diesen Abschnitt wahnsinnig schnell durchfährt. Es besteht ja Fluchtgefahr! Außerdem: Hat man mehrere S-Bahnen abgewartet und ein vermutetermaßen freies und damit unbeobachtetes Abteil gefunden, kann man doch nur ganz, ganz schnell durch die schmutzigen Scheiben des Zuges knipsen und muss bebend immer auf der Hut sein.

Beim dritten Mal meines Zusteigens in der Schönhauser Allee ist im letzten Moment einer der ,Trapos’ vom Bahnsteig mitgekommen. Er hat sich demonstrativ vor meiner Bank aufgepflanzt und mich ins Visier genommen. Ich bin innerlich erstarrt und natürlich ganz brav sitzengeblieben. Ob der Mann beobachtet hatte, dass ich die Strecke bereits mehrfach abgefahren war? Der Transportpolizist ist in Pankow ausgestiegen. Ich dagegen bin dieses Mal weiter gefahren.

Nein, auch hier kann man kein brauchbares Foto machen, obwohl ich bei meinen Fahrten mehrfach ,draufgedrückt’ habe. Der große französische Fotograf Henri Cartier-Bresson hat 1963 von der Berliner Mauer ein Bild gemacht, das in seiner Aussage kaum zu übertreffen ist. Obwohl ich also zu keinem gültigen Bild gekommen bin, habe ich heute meinen ganz persönlichen .Mauertag’ gehabt.

Für heute bleibt mir nur noch anzufügen, dass die Valutaläden der DDR, also die sogenannten ,Intershops’, für die Zeit des Parteitages der SED nicht öffnen dürfen. Das wusste eine Mitarbeiterin des Henschel-Verlages zu berichten. Sie hatte beim Übermitteln dieser Nachricht ein breites Grinsen im Gesicht. Haben unsere Oligarchen etwa Angst bekommen? Oder schämt man sich einfach nur? Ersteres wird stimmen, denn Scham kennen die Machthaber ganz sicher nicht.

Bemerkenswerter Gedanke

Mir fällt eine Stelle aus Christa Wolfs Buch „Kein Ort Nirgends“ ein. Und bevor ich mein Tagebuch für heute wirklich schließe, will ich diesen bemerkenswerten Gedanken der im Volk geachteten ostdeutschen Schriftstellerin noch zitieren: ,Wenn die Menschen gewisse Exemplare ihrer eigenen Gattung aus Bosheit oder aus Unverstand, aus Gleichgültigkeit oder aus Angst vernichten müssen, dann fällt uns, bestimmt, vernichtet zu werden, eine unglaubliche Freiheit zu. Die Freiheit, die Menschen zu lieben und uns selbst nicht zu hassen.’

Und noch ein anderer Satz geht mir jetzt auf einmal wieder und wieder durch den Kopf. Als mir heute in der S-Bahn der blau uniformierte ,Trapo’ gegenüberstand und mich eindringlich ansah, habe ich auf meiner Bank sitzend krampfhaft in eine aufgeschlagene Romanzeitung gestarrt, die auf der Fensterbank des Zuges liegengeblieben war. In diesem Heft habe ich zwar nur einen einzigen Satz gelesen, diesen aber dafür immer und immer wieder. Da stand geschrieben: ,Die Wut des Königs kannte keine Grenzen’.“

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