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Obdachlose im Neckar-Odenwald-Kreis Betroffener ist froh über die Angebote des DRK / Kaum Angst vor einer Ansteckung

„Ich muss damit jetzt zurechtkommen“

Archivartikel

Wie bleibt man zu Hause, wenn man kein zu Hause hat? Die Coronakrise trifft viele Obdachlose besonders hart. Die Hilfsangebote sind stark reduziert.

Neckar-Odenwald-Kreis. Zuhause bleiben – das ist derzeit oberstes Gebot. Doch wie bleibt man zuhause, wenn man keines hat? Eine Frage, die sich in Deutschland rund 678 000 Menschen ohne ein Dach über dem Kopf stellen, so die Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe für 2018. Einer von ihnen ist Dieter Röhrig. Seit nunmehr zehn Jahren lebt er auf der Straße.

Der Wohnsitzlose, der sonst mit seinem Fahrrad in der Region unterwegs ist, ist froh, dass er beim DRK-Kreisverband Mosbach die noch immer offenen Aufenthaltsräume tagsüber nutzen kann. Die Nächte verbringt er an seinen „üblichen Plätzen“. Dass sich die Situation für viele Obdachlose verschärft hat, weiß auch er. Die Innenstädte sind leer, um Spenden bitten oder aber Flaschen sammeln, für viele eine zusätzliche Einnahmequelle, ist so gut wie unmöglich.

14,40 Euro am Tag

Damit sind die Wohnsitzlosen auf die Auszahlung ihres Tagessatzes von 14,40 Euro angewiesen. Im Neckar-Odenwald-Kreis ist die „Versorgung der Obdachlosen nach wie vor über das DRK gewährleistet“, ist vom Landratsamt zu erfahren. Die Auszahlung der Tagessätze erfolge beim Deutschen Roten Kreuz an jedem Werktag unter Einhaltung hygienischer Vorgaben. Des Weiteren könnten Obdachlose, die zum Beispiel Sozialhilfe oder die Grundsicherung im Alter erhielten, diese Leistungen nach wie vor beim Landratsamt in Empfang nehmen. Seit der Krise müssen sie sich jedoch über eine Türklingel anmelden.

In Kreisen, in denen Gemeinden die Tagessätze auszahlen, wurden die Auszahlungsstellen aus Sicherheitsgründen jedoch teilweise geschlossen, weiß Röhrig. Ebenso wie viele Aufenthaltsmöglichkeiten. „Groß weg kann ich ja gar nicht. Darmstadt, Bensheim, ist ja alles zu.“ So wie er trauen sich viele, die sonst in ganz Deutschland unterwegs sind, nicht mehr auf Wanderschaft. Denn keiner weiß, wo er im Notfall unterkommen könnte und ob Hilfsangebote geöffnet haben. „Die Tagesangebote und Notquartiere brechen überall weg“, weiß auch Gerhard Weidner, Leiter Soziale Dienste beim DRK-Kreisverband Mosbach.

Manche Städte, wie etwa Mainz, werden erfinderisch und weisen ein Hotel zur dauerhaften Wohnstätte aus. Dies würde sich Gerald Weidner auch für das DRK-Aufnahmehaus wünschen. Doch bisher gilt für das Mosbacher Aufnahmehaus: Eine Nacht pro Monat kann ein Obdachloser in diesem mit einem Unterbringungsschein von Polizei oder Ordnungsamt unterkommen. „Mit ärztlichem Attest auch mal eine Woche“, so Weidner.

Keine Isolationsmöglichkeit

Sollte ein Wohnsitzloser jedoch am Coronavirus erkranken, hat auch der DRK-Kreisverband Mosbach keine Möglichkeit, ihn isoliert unterzubringen. „Und was macht er dann? Wer versorgt ihn der Zeit?“, fragt sich der Leiter Soziale Dienste ebenso wie viele Obdachlose. „Eine dauerhafte Unterbringung im Quarantänefall wäre Angelegenheit der Ortspolizeibehörde am jeweiligen Aufenthaltsort“, heißt es hierzu beim Landratsamt.

Bei der Stadt Mosbach sieht man die Lage der Obdachlosen eher als untergeordnetes Problem. Dauerhafte Wohnmöglichkeiten mit entsprechenden Hygienemöglichkeiten will man hier vorerst nicht anbieten. Mit 15 Übernachtungen im Aufnahmehaus im Monat März, für die die Stadt aufkommt, handle es sich um eine „überschaubare Zahl“ an Wohnungslosen.

Infektionsgefahren und Probleme gebe es eher in großen Städten, die „meist eine große Zahl“ an Obdachlosen hätten. Die meisten Wohnungslosen im Großraum Mosbach seien Durchwanderer und „gewollte Obdachlose“, die nicht in festen Unterkünften leben wollten, so Joachim Weis, Abteilungsleiter Sicherheit und Ordnung bei der Stadt Mosbach. Da die meisten von ihnen zudem „allein und zurückgezogen“ lebten, sehe man derzeit keine Probleme.

Lebensumstände noch schwieriger

„Ich muss damit leben“, meint Röhrig mit Blick auf die für ihn schwierigeren Lebensumstände seit des Shutdowns. In den letzten Wochen hat er sowohl schlechte als auch gute Erfahrungen gemacht. „Manche machen einen extremen Bogen um einen seit Corona, wechseln sogar die Straßenseite“, erzählt Röhrig. Ganz anders dagegen eine Begegnung kurz nach Ostern. „Auf der Platte“, also an seinem Schlafplatz, habe ihm eine Frau noch ein nachträgliches Osternest hingestellt, erzählt er und lächelt bei der Erinnerung.

Bisher macht sich Dieter Röhrig wenig Sorgen, dass er sich mit dem neuartigen Virus infizieren könnte. „Ich halte mich an die Abstandsregeln.“ Zudem habe er auf dem Fahrrad immer einen Wasserkanister mit dabei. So könne er sich zumindest die Hände waschen.

Doch nicht alle sind wie er allein unterwegs. Röhrig berichtet von einem Fall, in dem die Polizei drei Obdachlose mit dem Hinweis auf die Zwei-Personen-Regelung trennte. „Die Beamten waren freundlich, aber die drei durften nicht weiter zusammen sitzen.“

Schwieriger als Abstandsregeln und Hygieneempfehlungen findet er, und da spricht er für viele seine Kollegen, dass die Möglichkeiten, unterwegs etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen, deutlich eingeschränkt sind. „Noch nicht mal ’nen Kaffee kann ich trinken gehen“, meint Röhrig. Als billige Alternative bliebe ihm nur der Kaffee aus dem Automaten beim Discounter. „Und selbst der war jüngst kaputt.“

Dieter Röhrig selbst findet seine Situation noch recht gut. „Hier ist es optimal“, meint er zum noch immer geöffneten Angebot des DRK Mosbach. Tagsüber könne er die Aufenthaltsräume nutzen und der weiterhin geöffnete Tafelladen sorge dafür, dass er günstig etwas zu essen bekomme.

Gern würde er zwar sein Leben von vor der Krise wieder aufnehmen und mit dem Fahrrad durch die Region radeln, doch dies ist derzeit nicht möglich. „Wo sollte ich auch hin?“, fragt Röhrig. Und fügt etwas resignierter hinzu: „Ich muss damit jetzt zurechtkommen!“

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