Buchen

Bücherei des Judentums in Buchen Tag stand unter dem Motto „Erlesenes und Erlebtes – Frauen erzählen aus ihrem Leben“

Geschichten stimmten nachdenklich

Archivartikel

Mehrere Vorlesungen über jüdische Kulturschaffende standen am Sonntag in Mittelpunkt der Buchener Bücherei des Judentums. Anlass war ein europäisches Gemeinschaftsprojekt.

Buchen. Als Gemeinschaftsprojekt 34 europäischer Staaten verstand sich der am Sonntag ausgerichtete „Tag der jüdischen Kultur“. Heuer stand er unter dem Motto „Geschichtenerzählen“, was die Bücherei des Judentums in Buchen dazu nutzte, den Leitsatz „Erlesenes und Erlebtes – Frauen erzählen aus ihrem Leben“ aufzugreifen.

Prägende Begegnungen

Nach kurzer Begrüßung wartete Gisela Brech mit der ersten Lesung auf. Aus der von Hermann Simon herausgegebenen Biografie-Reihe „Jüdische Miniaturen“ hatte sie die Ausgabe über Helene Weigel ausgewählt, die als „große Mimin und Wiener Jüdin“ beschrieben wurde. Geboren 1900 in Wien, gelangte Weigel über Frankfurt am Main nach Berlin. Früh erwachsen geworden durch die Schule der Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald, des Malers Oskar Kokoschka und des Komponisten Arthur Schönberg und geprägt durch die Ansichten jüdischer und nichtjüdischer Intellektueller, wollte sie Schauspielerin werden. 1919 kam sie ans Neue Theater Frankfurt. In Berlin wirkte sie fortan am Staatlichen Schauspielhaus und an Max Reinhardts Theater.

Schließlich lernte sie Bertolt Brecht kennen, der sie 1929 heiratete. Bereits wenige Jahre zuvor war Sohn Stefan (1924-2009) geboren worden, dessen Existenz Weigel bis zur Hochzeit vor ihrer Wiener Familie geheim hielt – unehelich geborene Kinder galten als unschicklich. Die Ehe mit Brecht war durch eine gewisse Freizügigkeit gekennzeichnet: Zwei liebeshungrige, von Theater und Kunst besessene Seelen, die sowohl bürgerliche als auch avantgardistisch-neuzeitliche Lebensphilosophien kannten, atmeten Berliner Luft zwischen Arbeiter- und Künstlermilieu. 1930 kam ihre Tochter Barbara zur Welt. Zwei Jahre später wollte sie sich von Brecht scheiden lassen, vollzog diese Trennung jedoch nie. Nach der Verhaftung im Januar 1933 weilte sie fünfzehn Jahre im dänischen, finnischen, schwedischen und US-amerikanischen Exil, ehe die Rückkehr nach Ost-Berlin 1948 den Aufbruch in ihre zweite Schaffensphase markierte.

Sinnbild für das spätere Leben

Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ wurde neben dem Aufbau des Berliner Ensembles zum Sinnbild für die späten Lebensjahre der Helene Weigel, die dreimal den Nationalpreis der DDR entgegennahm. Bereits von einer schweren Erkrankung gezeichnet und vom jungen Kunstnachwuchs als „die Olle“ abgetan, spielte sie bis zuletzt auf der Bühne und starb 1971 wenige Wochen nach einer Gastspielreise anlässlich des 100. Jahrestages der Pariser Kommune.

In der zweiten Lesung näherte sich Hermann Schmerbeck dem Leben und Wirken der 1997 im Alter von nur 55 Jahren gestorbenen Autorin Marianne Wallach-Feller. Bei ihren Vortragsreisen durch Deutschland und die Schweiz brachte die von liberal-jüdischer Haltung geprägte Wallach-Feller die orthodoxen jüdischen Traditionen mit feministischen Gedanken in Verbindung.

Nach den tiefsinnigen und zu Herzen gehenden Lesungen gewährten Schmerbeck und Brech Einblicke in das aktuell 9700 Medien jüdischer Kulturschaffender umfassende Sortiment der 1998 eröffneten Bücherei. Dabei erwähnten sie, dass die Einrichtung weit über die Grenzen Buchens hinaus bekannt ist: Regelmäßig würden auch Stammleser aus dem Rhein-Neckar-Raum oder dem Taubertal begrüßt. ad