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Krämermarkt in Götzingen Am Sonntag bereiten wieder Marktbeschicker, Vereine und Einrichtungen ein vielfältiges Angebot

Für die Bevölkerung ein Supermarkt im Bauerndorf

Archivartikel

Götzingen.Der „Getzemer Moarkd“ findet am Sonntag, 27. Oktober, zum insgesamt 217. Mal statt. Urkundlich dokumentiert findet mindestens seit 1803 anlässlich des Festes des Heiligen Wendelinus in Götzingen ein Krämermarkt statt. Zwar hat dieser Tag seine ursprüngliche wirtschaftliche Bedeutung längst verloren, doch noch immer ist er für viele „ausgewanderte Getzemer“ willkommener Anlass für eine heimatliche Stippvisite.

Schwierige Umstände

Für die jüngeren Mitbürger ist es kaum noch einzuschätzen, welche Bedeutung der Wendelinusmarkt für ihre Vorfahren im völlig ländlich strukturierten Umfeld hatte. War er doch für die Einwohner Götzingens und auch der Nachbargemeinden bei den damals sehr bescheidenen Lebensansprüchen über Generationen hinweg so quasi ein „Supermarkt im Bauerndorf“. Der Markt war echter Wirtschaftsfaktor, hier versorgte sich die Bevölkerung weitgehend mit allem, was für Familie und Haushalt sowie Tiere, Stall und Hof vonnöten war. Mal eben schnell „einkaufen fahren“ war aufgrund der gegebenen Verhältnisse einfach nicht möglich. Das war noch über Jahre nach dem zweiten Weltkrieg so. Doch das dann bald einsetzende „Wirtschaftswunder“ und die damit eingeleitete marktwirtschaftliche Entwicklung führten zu völlig veränderten Strukturen und damit zur wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit des Marktes. Seine Wertschätzung heute liegt ausschließlich in der Pflege der Tradition und des Brauchtums, allerdings auch der Beziehungspflege und der Kommunikation.

Heutzutage kaum zu ermessen ist allerdings auch der einstige Wert des Markttages als Nachrichtenbörse und Kommunikationszentrum, war der Markttag doch oft über längere Zeit die einzige Gelegenheit, in den Nachbargemeinden wohnende Angehörige, Verwandte und Bekannte mal wieder zu treffen. Gerne nutzte man die Zeit nach dem Marktbummel zum Austausch von Neuigkeiten, Erfahrungen und Gedanken und traf sich dazu in den ehemals sechs Gastwirtschaften „Bretze“, „Adler“, „Engel“, „Lamm“, „Schwanen“ oder „Deutscher Hof“ zum unterhaltsamen Plausch beim Vesper und Viertele.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Ursprünglich fand der Markt immer exakt am Wendelinustag, dem 20. Oktober, statt. Als ihm bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung das Aus drohte, beschloss die damals noch selbstständige Gemeinde die Verlegung des Markttages auf Sonntag, um so die Tradition zu erhalten. Das Experiment glückte – auch heute noch beschicken „fliegende Händler“ den Markt, wobei das Angebot völlig anders strukturiert ist als ursprünglich. Zudem ergänzen Einrichtungen und Institutionen mit Informationsständen die Angebotspalette, die durch die kulinarischen Angebote örtlicher Vereine abgerundet wird.

Der Wendelinustag hatte im Jahresablauf allerdings noch eine ganz andere Bedeutung: Bis zu diesem Stichtag waren in aller Regel die Feldarbeiten abgeschlossen und viele Bauernregeln ranken sich um diesen Tag. So war der Wendelinustag auch ein willkommener arbeitsfreier Feiertag. Gleichzeitig war er Lohntag für die Helfer in der Landwirtschaft.

Da bei Menschen aber das Zusammenleben nie problemlos ist, gab es im Laufe der Jahre natürlich auch Probleme rund um den Markt. Dazu findet sich mancher Hinweis in Berichten und Urkunden der Gemeinde. Meistens ging es dabei um Geld. Beispielsweise stritten sich im Jahre 1827 die Gemeinde Götzingen und die Leiningsche Herrschaft um das Standgeld. Die Fürstlich-Leiningsche Verwaltung hatte die Frage aufgeworfen, ob dieses überhaupt der Gemeinde zusteht, oder vielmehr in die fürstliche Kasse abzuführen ist. In einem Bericht an das Bezirksamt wehrten sich Ortsvorstand, Gemeinderat und Bürgerausschuss energisch und mit Erfolg gegen dieses Ansinnen. So mühten sich damals wie heute die verschiedenen Institutionen und Verwaltungsebenen um ihre Anteile. Und daran hat sich offensichtlich bis heute nichts geändert.

Trotz dieses Wandels aber freuen sich die „Getzemer“ wie eh und je auf ihren Markt, sind bemüht, ihn zu pflegen und den nachkommenden Generationen zu erhalten. jm

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