Buchen

Neckar-Odenwald-Kliniken Bundestagsabgeordnete Nina Warken (CDU) informierte sich am Standort Buchen über die aktuelle Situation

„Für den Erhalt der Strukturen kämpfen“

Buchen.Bundestagsabgeordnete Nina Warken (CDU) hat sich am Dienstagnachmittag gemeinsam mit Kreisräten über die Situation der Neckar-Odenwald-Kliniken informiert. Anschließend besichtigte sie die Geburtshilfeabteilung am Krankenhaus in Buchen.

„Die Kliniken waren niemals so wertvoll wie heute’“, sagte Landrat Dr. Achim Brötel in seiner Begrüßung. Der Kreistag habe beschlossen, im Neckar-Odenwald-Kreis mit den Kliniken eine wohnortnahe und bezahlbare Gesundheitsvorsorge erhalten zu wollen. Brötel kritisierte den vom Gesetzgeber vorgegebenen Abrechnungsmodus für Krankenhäuser. Dieser habe für die Neckar-Odenwald-Kliniken zur Folge, dass sie mit stationären Leistungen im Bereich der Inneren Medizin einen Jahresverlust erwirtschafteten, obwohl die Jahresbelegung bei mehr als 100 Prozent liege. Das hänge mit den insgesamt relativ niedrigen Fallschweregraden der Patienten zusammen. „Man muss das Krankenhaussystem neu justieren“, forderte der Landrat.

Geschäftsführer Frank Hehn stellte der Abgeordneten die Kliniken vor. So seien im vergangenen Jahr in Buchen rund 8800, in Mosbach 9000 Patienten stationär behandelt worden, außerdem rund 43 000 ambulant. Das Buchener Haus verfüge über 195, das Mosbacher über 182 Planbetten. Insgesamt seien an beiden Standorten 961 Mitarbeiter beschäftigt. Die Gesamtauslastung der Kliniken lag mit rund 76 Prozent etwas unter dem Bundesdurchschnitt. Der Jahresverlust habe im Jahr 2018 rund sieben Millionen Euro, im vergangenen Jahr rund 14 Millionen Euro betragen. Ab dem Jahr 2023 will man das Defizit auf unter fünf Millionen Euro reduzieren.

Hoher Altersdurchschnitt

Als typisch für ein Krankenhaus im ländlichen Raum beurteilte Hehn den relativ hohen Altersdurchschnitt der behandelten Patienten. Dieser wachse jährlich leicht und lag im Jahr 2019 bei 61,2 Jahren. Nach den Worten des Geschäftsführers arbeiten die meisten Krankenhäuser in Baden-Württemberg mit Verlust. Es falle auf, dass die Krankenkassen hierzulande im Verhältnis zu ihren Einnahmen am wenigsten für die Krankenhäuser ausgeben im Vergleich zu Kassen in anderen Bundesländern.

Chefarzt Dr. Harald Genzwürker wies auf die Umstrukturierung der Kliniken hin. Um Kosten zu vermeiden, biete man viele Leistungen nur noch in einem der beiden Häuser an. Außerdem informierte er die Abgeordnete über die Lage wegen Corona. So seien die Fallzahlen „deutlich rückläufig“. Im Juli habe man 53 Verdachtsfälle behandelt. Davon sei einer positiv getestet worden. Seit Beginn der Pandemie wurden in die Kliniken mehr als 500 Verdachtsfälle eingeliefert. Davon wurden 67 Infektionen bestätigt, 15 Patienten starben an Corona. Das Durchschnittsalter der Corona-Patienten lag nach den Worten von Genzwürker bei rund 72 Jahren. Den Kliniken seien durch die Pandemie Mehrausgaben in Höhe von rund 930 000 Euro entstanden.

„Wir sind uns unserer guten Strukturen im Gesundheitswesen während Corona bewusst geworden“, sagte Nina Warken. Darin schloss sie die Gesundheitsverwaltung und das System der niedergelassenen Ärzte ein. „Ich stehe dazu, dass wir kleinere Häuser erhalten.“ Man müsse sich das Finanzierungssystem der Kliniken ansehen wegen der unterschiedlichen Patientenstruktur.

Abrechnungssystem geändert

Von Frank Hehn wollte die Abgeordnete wissen, ob das seit Januar leicht geänderte Abrechnungssystem sich positiv auf die Neckar-Odenwald-Kliniken ausgewirkt hätte. Hehn wies darauf hin, dass man dies erst unter Normalbetrieb, also in der Nach-Corona-Zeit, feststellen könne. Von Politikern forderte er, zu entscheiden, welche medizinischen Leistungen man in ländlichen Gebieten anbieten wolle. Im nächsten Schritt müsse man auch die Vergütung dafür regeln. Der Geschäftsführer freute sich über den Sicherstellungszuschlag in Höhe von 400 000 Euro, den die Kiniken vom Bund erhalten hätten. „Allerdings ist er nicht auskömmlich“, stellte er fest. „Und die Beantragung ist schwierig.“

Bürgermeister Roland Burger erinnerte daran, dass man sich darin einig sei, gleichwertige Lebensverhältnisse in der Republik zu schaffen. Viele Bundes- und Landespolitiker wollen die Zahl der Kliniken reduzieren, seien aber nicht bereit, die Verantwortung für eine neue Grundstruktur zu übernehmen. Zu diesen gehöre auch Landessozialminister Manne Lucha.

„Man will die Kliniken aushungern“, ist Burger überzeugt. Es sei dem Zufall überlassen, welche Kliniken wirtschaftlich diese Phase überstehen würden. Stattdessen forderte Burger ein Konzept, das die Erfahrungen aus der Corona-Krise berücksichtige. „Politiker aus dem ländlichen Raum müssen sich in Berlin zusammenschließen“, schlug er vor.

„Man hängt den ländlichen Raum ab“, pflichtete Bürgermeister Dr. Norbert Rippberger seinem Kollegen aus Buchen bei. „Dann sollte man besser einen Schnitt auf 600 Häuser bundesweit machen und auch dazu stehen.“

Landrat Dr. Brötel forderte einen Perspektivenwechsel. Statt allein Zahlen und wirtschaftliche Ergebnisse im Blick zu haben, sollte man fragen: „Was braucht der Mensch?“ Er stellte fest, dass viele Politiker die „Krankenkassenbrille“ aufhätten und nicht die „Patientenbrille“. Die Krankenkassen hätten 20 Milliarden Euro angespart, die sie besser in das Wohl der Menschen investieren sollten. Und wenn das Geld eines Tages nicht ausreiche, müsste man die Sozialversicherungsbeiträge erhöhen, statt an der medizinischen Versorgung zu sparen.

Politischen Druck ausüben

Harald Genzwürker wies darauf hin, dass man auch als Mediziner Verantwortung für die Ressourcen übernehmen müsse. Er stört sich außerdem an der „Abqualifizierung kleiner Häuser“ und fragte: „Was für eine Krankenhausfabrik würde das sein, die die Patienten aller kleineren Häuser in der Metropolregion aufnehmen müsste?“

Nina Warken zeigte Verständnis für die vorgebrachten Anliegen. „Es geht darum, politischen Druck über die Gesundheitspolitiker hinaus aufzubauen“, stellte sie fest. „Für den Erhalt der Strukturen muss man kämpfen.“

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