Buchen

Burghardt-Gymnasium Holocaust-Zeitzeugin Eveline Goodman-Thau sprach im Bezirksmuseum Buchen mit Schülern der 12. Klassen

Erinnern ist mehr als in die Vergangenheit zu blicken

Buchen.„Das Vergessenwollen verlängert das Exil – das Geheimnis der Erlösung lautet Erinnerung“, so lautet eine jüdische Weisheit. Am Donnerstag besuchte die Holocaust-Überlebende Prof. Dr. Eveline Goodman-Thau das Burghardt-Gymnasium Buchen, um ihre persönliche Geschichte zu erzählen und dadurch gleichsam gegen das Vergessen anzukämpfen.

In einem Zeitzeugengespräch im Audienzsaal des Bezirksmuseums Buchen mit Michael Kolbenschlag, Deutsch- und Geschichtslehrer am Burghardt-Gymnasium, berichtete sie vor den versammelten 12. Klassen in anschaulichen Worten aus ihrem Leben.

Goodman-Thau wurde 1934 in Wien geboren – nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich flüchtete ihre Familie in die Niederlande. Im Mai 1940 überfiel das Deutsche Reich die Niederlande, im Sommer 1942 begannen die massenhaften Deportationen aus den Niederlanden. Eveline Goodman-Thau überlebte den Holocaust mit ihren Eltern in einem Versteck. Mit großer Energie setzt sie sich schon seit Jahrzehnten für die Erinnerung, den Dialog und die Verständigung zwischen den Religionen ein. In Buchen gründete sie die Hermann-Cohen-Akademie für Religion, Wissenschaft und Kunst, der sie noch heute als Direktorin vorsteht. Seit Jahren schon besucht sie regelmäßig das Burghardt-Gynasium, um ihr Wissen und ihre Lebenserfahrungen mit Schülern zu teilen.

„Ihre Stimme hat viel Gewicht – weil sie so viel zu sagen hat“, so schrieb einmal ein Rezensent über eines ihrer Bücher. Und tatsächlich streifte Goodman-Thau in einer intellektuellen „Tour d’Horizon“ viele Themengebiete: von theologischen Fragen über gesellschaftspolitische Themen bis hin zur Politik in Europa und im Nahen Osten. Wie nahe die nationalsozialistischen Verbrechen, von denen sie berichtete, der Lebenswelt der Schüler waren, verdeutlichte Michael Kolbenschlag: Er verknüpfte die Redeblöcke des Gesprächs und stellte einen regionalgeschichtlichen Bezug her, indem er Fotografien aus dem Nachlass des Buchener Fotografen Karl Weiß (1876 bis 1956) und Quellen zur Geschichte des Nationalsozialismus im Raum Buchen präsentierte. Ein Schwerpunkt lag auf dem Fallbeispiel der Jüdin Susanna Stern aus Eberstadt, die nach der Reichspogromnacht am 10. November 1938 in ihrem Haus von NS-Ortsgruppenleiter Adolf Heinrich Frey erschossen wurde.

„Erinnerung“, so berichtete Eveline Goodman-Thau, bedeute im Jüdischen zugleich „Erneuerung“. Ihre Lebenserfahrungen und ihre daraus abgeleiteten politischen Statements machten ebendies sehr anschaulich: Sich zu erinnern, heißt nicht, nur in die Vergangenheit zu blicken. Der Blick in die Vergangenheit hilft uns vielmehr, die Gegenwart besser zu verstehen und die Zukunft bewusst zu gestalten. Im Erinnern schärft sich der Blick für das Neue; im Erinnern liegt in diesem Sinne die Chance auf Erneuerung. In dieser engagiert-optimistischen, zukunftsgerichteten Haltung spiegelt sich nicht zuletzt ihre nahbare und fröhliche Persönlichkeit.

Zum Thema