Buchen

Badische Landesbühne Das Stück „nichts, was uns passiert“ von Bettina Wilpert in der Stadthalle Buchen inszeniert

Eine Nacht mit schrecklichen Folgen

Archivartikel

Das Stück „nichts, was uns passiert“ liefert keine allgemeingültigen Antworten, aber tiefe Einblicke in die Auswirkungen einer Vergewaltigung.

Buchen. Ein Mann hat Sex mit einer Frau. Zwei Monate später zeigt diese ihn wegen Vergewaltigung an. Wer hat Recht? Und wie stellen sich Freunde und Bekannte dazu? Dieser Thematik widmete sich die Badische Landesbühne am Dienstagabend mit dem Stück „nichts, was uns passiert“ in der Stadthalle.

Anna lernt Jonas über den gemeinsamen Freund Hannes kennen. Beide haben vor kurzer Zeit eine Beziehung beendet. Sie verbringen eine Nacht gemeinsam und gehen wieder auseinander. Wenig später treffen sie sich wieder bei der Geburtstagsfeier von Hannes. Alkohol fließt. Anna kippt um und ist nicht mehr ansprechbar. Jonas und Hannes schleppen sie auf Jonas’ Zimmer. Dort kommt es zum Sex. Für Jonas war dieser Akt einvernehmlich, Anna erlebt ihn als Vergewaltigung. Die Wochen nach diesem Vorfall werden für Anna zu den schrecklichsten ihres Lebens. Sie verkriecht sich, vernachlässigt ihr Studium. Schließlich spricht sie mit ihrer Schwester über jene Nacht. Diese überzeugt sie davon, Hannes anzuzeigen, zwei Monate nach der Tat.

Die Sache spricht sich herum. Freunde und Bekannte von Jonas und Anna beziehen für den einen oder die andere Stellung. Kann so ein netter Typ wie Jonas so eine Tat begehen? Und tut man nicht unter Alkoholeinfluss leicht Dinge, die man hinterher bereut? Freundschaften zerbrechen. Jonas verliert seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität, angeblich weil keine Finanzmittel mehr zur Verfügung stehen. Jonas verflucht die Nacht, in der er betrunken mit Anna noch nicht einmal besonders guten Sex hatte. Denn sein Leben ist zerstört. Und Anna würde die Anzeige am liebsten rückgängig machen. Sie wünscht sich lediglich eine Entschuldigung von Jonas.

Unterschiedliche Sichtweisen

In der Inszenierung von Ruth Messing nach einer Bühnenfassung von Christine Künzel des Romans „nichts, was uns passiert“ von Bettina Wilpert nehmen die Darsteller Colin Hausberg, David Meyer, Elena Weber und Sina Weiß unterschiedliche Rollen ein. Das Stück beginnt in Form einer Pressekonferenz, bei der über das Geschehen informiert wird. Wenn die beiden unterschiedlichen Sichtweisen von Jonas und Anna dargestellt werden, löst sich dieses starre Format auf. Ein Mann und eine Frau übernehmen jeweils die Rolle der beiden Beteiligten. Andere stellen Schwestern, Freunde und Bekannte dar. So entsteht eine äußerst dichte, intensive und plakative Darstellungsweise der drängenden Fragen: Was geschah in der Nacht? Lässt sich eine Vergewaltigung nachweisen, wenn die Beteiligten sich wegen Trunkenheit nicht an Einzelheiten erinnern können? Wenn ein Paar schon einmal einvernehmlichen Sex hatte, kann der zweite Verkehr dann eine Vergewaltigung sein? Kann ein smarter, netter junger Mann zum Vergewaltiger werden? Wenn Aussage gegen Aussage steht, wer hat dann recht? Wäre es besser gewesen, wenn Anna geschwiegen hätte?

Die Inszenierung zieht den Zuschauer in die Problematik hinein, ohne die drängenden Fragen zu beantworten, weil es keine allgemeingültigen Antworten darauf gibt. Anna und Jonas sind innerlich zerrissen. Ihr Leben und Alltag wird wohl nie mehr sein wie zuvor. Der unbeschwerte, unverkrampfte Umgang mit Freunden und Bekannten ist verloren gegangen. Denn zerbrochenes Vertrauen lässt sich nicht so leicht wiederherstellen, auch nicht nach der Einstellung des Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft. Es bleibt die unbeantwortete Frage danach, was in jener Nacht wirklich geschah.

Die Autorin Bettina Wilpert stellt nicht nur dar, was eine Vergewaltigung mit dem Opfer macht. Sie zeigt auch, wie sich eine Vergewaltigungsanzeige auf das Umfeld des vermeintlichen Opfers und Täters auswirkt. Wilperts im Jahr 2018 erschienener Roman wurde mit dem „aspekte-Literaturpreis“ ausgezeichnet.

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