Buchen

Genossenschaft in Götzingen Mit der Schließung der Bankstelle der Volksbank endete eine lange Tradition

Eine Geschichte mit Höhen und Tiefen

Archivartikel

Götzingen.Als die Volksbank Franken am 31. Dezember 2019 ihre Bankstelle in Götzingen schloss, bedeutete dies das Ende einer 125-jährigen eigenständigen Genossenschaftstradition in der Kommune, die mit der Gründung der GmbH „Ländlicher Kreditverein Götzingen“ am 13. Dezember 1894 ihren Anfang genommen hatte.

Genossenschaft gegründet

Sicher bedingt durch die Erkenntnisse aufgrund der Sorgen und Nöte der damaligen Zeit und daher im Visier die Vorteile einer genossenschaftlichen Einrichtung, schritten 45 Bürger vorausschauend und mutig zur Tat und beschlossen diese Gründung. Zum Gründungsvorsitzenden wurde Karl Horn gewählt. Emil Öppling wurde als Kontrolleur bestellt, als Rechner Hermann Holderbach, als Beisitzer Franz Heß und Ignatz Heffner, den ersten Aufsichtsrat bildeten Johann Philipp, Johann Heß, Josef Ignatz Fischer, Wilhelm Leist, Hermann Bauer und Josef Anton Schifferdecker. Der damals mit 2,75 Mark beschlossene Geschäftsanteil lässt wohl einiges über die bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse erahnen.

Trotz des sicher nicht leichten Starts nahm der Kreditverein offensichtlich eine positive Entwicklung. Bei einer Bilanzsumme von 500 000 Mark im Jahre 1920 konnte das Institut 1922 immerhin schon 1,5 Millionen Mark bilanzieren. In diesem Jahr entschloss man sich dann auch zur Gründung einer eigenständigen Milcherzeugergenossenschaft mit Hermann Heffner als Vorsitzendem. Diese entwickelte sich ebenfalls recht positiv und übernahm bald auch Ein- und Verkaufsgeschäfte für ihre Mitglieder. Die dann folgenden schwierigen Jahre mit schweren wirtschaftlichen Rückschlägen forderten natürlich auch bei diesen beiden Einrichtungen leider ihren Tribut. Beispielsweise musste 1923 wegen der ausufernden Inflation der Geschäftsanteil auf sage und schreibe 100 000 Mark hochgesetzt werden. Erst nach Überwindung der Weltwirtschaftskrise gegen Ende der 1920er-Jahre verzeichnete man wieder einen Aufschwung. Als Folge des Zweiten Weltkrieges waren dann aber erneut schwere Rückschläge hinzunehmen, die 1948 mit der Währungsreform ihren Höhepunkt erreichten. In diesem Jahr 1948 startete dann aber erfolgversprechend auch eine neue Ära im genossenschaftlichen Geschehen in Götzingen, denn der „Ländliche Kreditverein“ fusionierte mit der „Milcherzeugergenossenschaft“ zur firmierte fürderhin als „Spar- und Darlehnskasse“.

Regelmäßige Einnahmen

Mit dieser Fusion begann für die Genossenschaft sowie die Götzinger Landwirte ein neuer vielversprechender Zeitabschnitt. Während bisher die erzeugte Milch von den Erzeugern weitgehend dem Eigenbedarf – für Ernährung, als Getränk, zur Viehfütterung – zugeführt wurde und nur in sehr begrenztem Rahmen privat verkauft werden konnte, eröffnete ihnen die genossenschaftliche Neuerung eine regelmäßige Einnahmenquelle. Sie konnten nun täglich ihre Milch bei einer Sammelstelle abgeben.

Die erste Sammelstelle wurde auf dem Hof von Landwirt Ambros Künkel eingerichtet. Recht bald wurde dann aber eine Holzhütte für die Entgegennahme und Lagerung der einmal täglich anzuliefernden Milch errichtet. Per Pferdefuhrwerk wurde diese jeden Tag nach Buchen gebracht zur Milchzentrale im Trunzerhaus gegenüber dem Museum. Bis zu 700 Liter lieferten die Götzinger Landwirte täglich dort an, der Fuhrlohn betrug einen Pfennig je Liter. Als diese Sammelzentrale in Buchen Ende der 1920er-Jahre geschlossen wurde, mussten die Götzinger ihre Milch dann täglich nach Osterburken transportieren.

Wenig später errichtete die Genossenschaft ein neues größeres Milchhaus. Auch wieder in Holzbauweise, jedoch größer und den neuen Erfordernissen angepasst, beispielsweise mit einer Rampe, die den Umgang mit den schweren Milchkannen erleichterte. Errichtet wurde dieses schon am heutigen Standort der kürzlich geschlossenen Bankstelle, wo dann in den 1930er-Jahren auch erstmals ein „Milchhäusle“ in Massivbauweise erstellt wurde.

Die Nachfrage wuchs

Die deutliche Steigerung der Milcherzeugung machte Ende der 1950er-Jahre den Bau einer erweiterten und leistungsfähigeren Sammelstelle erforderlich. 1960 wurde das Vorhaben in Angriff genommen, 1962 konnte das neue Projekt seiner Bestimmung übergeben werden. In dem neuen Gebäude fand damals auch die Spar- und Darlehnskasse ihr Domizil und außerdem war darin noch eine Gemeinschaftsgefrieranlage untergebracht, mit angeschlossenen Kühlräumen eine fortschrittliche und für die Einwohner hilfreiche Einrichtung in der damaligen Zeit. Die Bilanzsumme wurde in diesem Jahr mit zwei Millionen Mark ausgewiesen. Auf rund 2000 Liter Tagesanlieferung war die Milcherzeugung inzwischen angewachsen. Der monatliche Umsatz durch den Verkauf von Trinkmilch, Butter, Käse und Quark betrug im Jahre 1970 durchschnittlich 2500 Mark. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft zeichnete sich um diese Zeit aber auch schon deutlich ab. Zwar blieb die Milcherzeugung relativ konstant, doch die Zahl der Milcherzeuger ging rapide zurück. Während in der Hochzeit die Genossenschaft über 120 Milchanlieferer verzeichnete, waren es 1966 nur noch 64. Bis 1977 halbierte sich deren Anzahl auf dann 32 und reduzierte sich drastisch weiter bis auf fünf Milcherzeuger im Jahre 1987. Aufgrund der nur noch wenigen Milcherzeuger wurde damals auf die Direkterfassung durch die Milchzentrale umgestellt, am 30. April 1985 schloss die Milchsammelstelle aber endgültig.

Ära ging zu Ende

Damit ging in Götzingen eine Ära zu Ende mit Konsequenzen für die Bevölkerung: Die Schließung bedeutete eine Zäsur im nun ausschließlich auf den Bankenbereich konzentrierten Genossenschaftswesen. Außerdem musste die Bevölkerung Abschied nehmen von einer über Jahrzehnte zur festen Einrichtung gewordenen und als „Nachrichten-Umschlagsbörse“ lieb gewonnenen Einrichtung.

Inzwischen gibt es nun aber schon seit einigen Jahren überhaupt keine Milchkühe mehr in dem ursprünglich rein landwirtschaftlich geprägten Götzingen. Auch die allgemeine wirtschaftliche Fortentwicklung hinterließ natürlich im Genossenschaftswesen der damals noch selbstständigen Gemeinde deutliche Spuren. Die bei der Verschmelzung 1948 begründete Spar- und Darlehnskasse sah sich den Zwängen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung ausgesetzt, insbesondere auf dem Internet-Sektor, zur Konzentration folgend, veranlasst zur Kooperation mit der Volksbank Franken. Zum 1. Januar 1973 wurde dies Fusion dann vollzogen. Bei dieser Gelegenheit er-folgte gleichzeitig der Übergang in die Ära der Elektronik und damit verbunden eine Verbesserung des Kreditwesens sowie eine Erweiterung des Kunden-Service. Die weitere Entwicklung erforderte bald eine erneute Generalsanierung des Genossenschaftshauses.

Die feierliche Einweihung des modernisierten Bankgebäudes erfolgte am 3. Juni 1984 in Verbindung mit dem Anschluss der Bankstelle Götzingen an den Zentralcomputer. Sie erwies sich, zu diesem Zeitpunkt sicher so nicht vorhersehbar, quasi auch als Einstieg ins letzte Kapitel der eigenständigen Götzinger Genossenschaftstradition mit dem offiziellen Ende am 31. Dezember 2019. jm

Zum Thema