Buchen

Land und Leute Irina Peter erzählt in der neuen Folge „Steppenkinder – Der Aussiedler-Podcast“ über das Aufwachsen in Buchen

Eine Deutsche aus Kasachstan

Archivartikel

„Ist Buchen deine Heimat?“, werde ich oft gefragt. Ja, ist sie. Weil es dort Menschen gab, die meine Familie in der Anfangszeit nach der Ankunft in Deutschland im Herbst 1992 unterstützt haben.

Buchen.Deutschland schmeck nach Schokolade, Haselnusscreme und Wiener Würstchen. Ich bin neun und könnte mich nur von diesen Köstlichkeiten ernähren. Wir wohnen seit einigen Tagen in einer Art Hotel. Meine beiden Geschwister, meine Eltern und ich in einem Zimmer. In dem Gebäude wohnen nur Familien wie wir. Sie kommen aus Kasachstan, Russland, Polen oder Rumänien. Es ist Herbst 1992 und Deutschland ist Eberstadt. Die Tropfsteinhöhle, neben der unser „Hotel“ ist, sehe ich erst zehn Jahre später von innen. „Dafür haben wir kein Geld“, sagt Mama.

Einige Wochen später ziehen wir in das benachbarte Buchen. Hier leben wir fünf, eine meiner Tanten und eine andere siebenköpfige Familie in einer Dreiraum-Wohnung. Sechs Monate später finden wir eine eigene. Ich komme in die dritte Klasse. Meine neuen Mitschüler heißen Nicole oder Patrick, es gibt aber auch Swetlanas aus Kasachstan und Thams aus Vietnam. Ich bin Irina und gehöre zum Team Swetlana, den russlanddeutschen Aussiedlern aus der gerade zerfallenden Sowjetunion.

Wie ein Schwamm sauge ich diese neue deutsche Sprache auf. Denn „Daitsch“ klang zu Hause anders. Bis heute sagen meine Eltern „Emmer“ statt „Eimer“ oder „grien“ statt „grün“. Der Sprachförderunterricht mit den Swetlanas und Thams ist nach einem Monat überflüssig.

Beim Spiel auf dem Pausenhof lernen wir Kinder mit Migrationshintergrund, diesen Ausdruck lerne ich erst als Erwachsene, schneller Deutsch als im Klassenzimmer. Zwei Jahre später komme ich auf das Burghardt-Gymnasium. Hier gibt es fast nur Nicoles und Patricks. Heimlich wünsche ich mir nun auch so einen Namen. Er würde mir eine Frage ersparen, die mich bis heute begleitet: Woher kommst du?

Möchte klingen wie die anderen

Mit „Buchen im Odenwald“ geben sich die meisten nämlich nicht zufrieden. Schließlich klinge Irina russisch, und ich spreche keinen süddeutschen Dialekt. Dabei bemühe ich mich auf dem Gymnasium intensiv um die badische Mundart. Ich möchte so klingen wie die anderen Kinder, möchte zu Hause das essen, wovon die anderen in der großen Pause erzählen.

Vor allem möchte ich, dass meine Eltern auch Lehrer oder wenigstens Verkäufer sind. Und nicht wie Mama putzen gehen nach der Schicht in der Fabrik. Ausweichend antworte ich immer: In Kasachstan war meine Mutter Buchhalterin, sie hat studiert und hoffe dann, dass niemand fragt, welche Arbeit sie in Deutschland hat.

Auch wenn „Irina“ bleibt: Neun Jahre später bei der Abiturfeier, bin ich von meinen Mitschülern nicht zu unterscheiden. Statistisch gesehen gehöre ich somit zu der Mehrzahl der Russlanddeutschen, die sich gut integriert haben. Zu den „Strebermigranten“ – wie die Autorin Emilia Smechowski sie nennt, auch eine Aussiedlerin, jedoch aus Polen.

Insgesamt leben heute rund 2,3 Millionen russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler in Deutschland. Es sind Menschen, die in ihren Herkunftsländern im ehemaligen Ostblock zur deutschen Minderheit gehört hatten. Dort wurden sie während des Zweiten Weltkriegs aus ihren deutschen Siedlungen deportiert. Sie standen unter dem Generalverdacht, mit Hitlerdeutschland zu kollaborieren. So auch meine Großeltern, die in einem Viehtransport aus der Kolonie Gottliebsdorf in der Ukraine nach Nordkasachstan gelangten.

„Faschist“ war selbst in meiner Schulzeit in Kasachstan ein gängiges Schimpfwort. Das Bundesvertriebenengesetz sah diese Menschen als von den Folgen des Zweiten Weltkriegs betroffen und ermöglichte ihnen seit 1953 die dauerhafte Einreise nach Deutschland. Die meisten kamen jedoch erst nach 1987 im Rahmen der neuen Ost West Politik unter Gorbatschow und Kohl.

Abstand in Frankreich gewonnen

Selbst während meines Studiums in Heidelberg habe ich immer das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen – für meinen russisch klingenden Vornamen und den deutschen Nachnamen, meinen unaussprechbaren Geburtsort und den deutschen Pass. Erst als ich einige Zeit in Frankreich lebe, Abstand gewinne zu Deutschland, entziehe ich mich diesem Druck. Ich lerne mich als „eine andere Deutsche“ zu bezeichnen. Eine Deutsche aus Kasachstan. Nicht, weil ich es mit Anfang Zwanzig aufgebe, so deutsch wie meine Freunde ohne Migrationsgeschichte zu sein. Sondern weil ich aufhöre, mich für meine Herkunft zu schämen.

„Ist Buchen deine Heimat?“, werde ich oft gefragt. Ja, ist sie. Weil es dort Menschen gab, die meine Familie gerade in der Anfangszeit unterstützt haben – bei Behördengängen oder dem Finden einer Wohnung. Weil dort Lehrer waren, denen es egal war, woher ich komme. Weil es dort Freunde gab.

All diese Menschen sind zu meiner Heimat geworden. Auch wenn ich nie den „Buchemer“ Dialekt beherrschen werde und kein Huddelbätzkostüm besitze – die elf Jahre in Buchen waren die wichtigsten in meinem Leben. Ich bin dankbar, dass es so glückliche waren. Und ich bin dankbar, dass ich weitere Heimaten gefunden habe: An anderen Orten und in anderen Menschen.

An Weihnachten werde ich bei meiner Familie in Buchen sein. Wie jedes Jahr an Heiligabend wird es zu viel zu essen geben. Denn das hatten wir damals irgendwie falsch verstanden mit den Festessen: Dass es bei „Deutschen“ nur Kartoffelsalat und Würstchen an Heiligabend geben soll, erfuhren wir erst später. Neben Klößen, Rotkraut und Braten wird Mama auch „Pelmeni“, sibirische Tortellini, und „Plow“, ein usbekisches Reisgericht mit Fleisch, auf den Tisch stellen. So schmeckt für mich Heimat – eine Mischung aus Kulturen und Geschichten.

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