Buchen

In der Buchener Stadthalle Badische Landesbühne zeigte „Der nackte Wahnsinn (Noises Off!)“ von Michael Frayn

Ein Spiegelbild voller Klischees

„Nackte Tatsachen“ zeigte die Badische Landesbühne am Dienstag in der Buchener Stadthalle. Das Chaos um eine Generalprobe begeisterte die Zuschauer.

Buchen. „Wo Menschen sind, da menschelt’s halt“: Die tiefere Bedeutung dieses Ausspruchs erklärte die Badische Landesbühne (BLB) am Dienstag ihren zahlreichen Besuchern in der Buchener Stadthalle. Mit dem von Arne Retzlaff formidabel inszenierten Stück „Der nackte Wahnsinn (Noises Off!)“ des 1933 geborenen Gegenwartsautoren Michael Frayn zündete das Ensemble ein komödiantisches Feuerwerk nach dem anderen und lieferte ein Spiegelbild der Realität.

Anweisungen aus dem Off

Das von subtiler Raffinesse durchzogene Stück begann auf nicht minder subtile Weise: Die aufgebrachte Haushälterin Mrs. Clackett (Evelyn Nagel) könnte einer beliebigen Familienserie entsprungen sein – und ist eine Schlüsselfigur der mit Klischees aller Art spielenden Komödie „Nackte Tatsachen“. Munter verdreht und verwechselt sie Sprüche und Aussagen, bis der versnobte und doch langmütige Regisseur Lloyd Dallas (Markus Hennes) sie mit Anweisungen aus dem Off zurechtweist und schließlich quer durch den Zuschauerraum der Stadthalle auf die Bühne sprintet. Die Zofe sieht keinen Grund zur Sorge. „Macht nix, ist doch nur die Generalprobe“, wiegelt sie ab.

Immer gut für ein „Extra“ ist auch die quietschige, optisch im ockergelben Kostüm an die Requisite früherer „Derrick“-Folgen erinnernde Brooke Ashton (Sina Weiß): Extrem kurzsichtig dank verlorener Kontaktlinsen, kann sie sich kaum auf den Stoff und ihre Rolle konzentrieren. Als Liebschaft von Roger Tramplemain (Martin Behlert) verliert sie mehr und mehr die Orientierung, während aus verlegten Zeitungen vergessene Sardinen werden.

Falsches Timing

Keiner weiß was, und Poppy Norton-Taylor (Elena Weber) stürmt grundsätzlich zur falschen Zeit auf die Bühne. Kein Wunder, dass Lloyd Dalles der Geduldsfaden reißt. Aber Tramplemain kontert auf seine Art: „Du sitzt nur da unten, und wir müssen auf der Bühne springen“, klagt er.

Mrs. Clackett verhilft derweil durch ihr umtriebiges Verhalten der ohnehin windigen Brooke zu weiterer „Schwungkraft“. Gemeinsam mit Tramplemain verschwindet Brooke im Hinterzimmer – und das lachende Publikum denkt sich seinen Teil.

Für noch mehr Verwunderung, Missverständnisse und Hektik sorgen der hünenhafte Frederick Fellowes (David Meyer) und die aparte Belinda Blair (Cornelia Heilmann), die an der Tür des Bühnenbilds verzweifeln: Mal klemmt sie, dann lässt sie sich nicht schließen. Das Chaos komplettiert der Requisiteur Tim Allgood (Tobias Karn). Seit 48 Stunden hat er kein Bett mehr gesehen und geht vor Müdigkeit am Stock, ist aber freilich um keine „freundliche“ Anweisung verlegen. Lloyd greift ein: „Betrachtet die Premiere als Generalprobe! Das ist Theater, das ist Leben“, rät er. Allerdings tut er das rhetorisch so unglücklich, dass er nur noch mehr Unbill stiftet.

Ein „angeheiterter“ Einbrecher

Außerdem fehlt Selsdon Mowbray (Hannes Höchsmann in genialer Paraderolle) alias „der Einbrecher“: Weder in der Garderobe noch auf dem „stillen Örtchen“ ist er zu finden. „Er ist weg“, ächzt Tramplemain, während sich Mrs. Clackett mit schlimmen Vorwürfen konfrontiert: „Man hätte ihn nie aus den Augen lassen dürfen“, wimmert sie und murmelt etwas von Alkoholproblemen. Tatsächlich kommt Selsdon noch – aber eben stark „angeheitert“. So ist er als Schauspieler trotz 60 Jahren Bühnenerfahrung natürlich nicht zu gebrauchen. Ganz davon abgesehen, dass er jeden Einsatz buchstäblich „verpennt“.

Egal, das Leben geht weiter. Zumindest solange, bis die erfrischend arglose Hauptdarstellerin Dotty Otley (Evelyn Nagel) ihre Utensilien vergisst und sich Frederick und Belinda als Steuerflüchtlinge zu erkennen geben. Persönliche Probleme plagen auch Tramplemain: Er erfährt, dass ihn im bürgerlichen Leben seine Partnerin verließ, während er auf der Bühne den feurigen Galan spielen muss. Trotz allem Verständnis lässt die Geduld von Lloyd immer weiter nach. „Ihr habt noch genau zwanzig Seiten Zeit“, schreit er auf die Bühne. Kaum sind diese „zwanzig Seiten“ vorbei, beginnt das Chaos völlig um sich zu greifen. Keiner weiß, um was es geht. Einer versteht das Wort des Anderen nicht mehr, während die Aufführung auch nach der Pause den ersten Akt aus neuer Perspektive aufgreift. Aber immerhin war das Publikum wie die Darsteller dieser etwas anderen „Generalprobe“ bester Stimmung. Das Bühnenbild wirkte für BLB-Verhältnisse ungewohnt opulent, wurde aber grandios umgesetzt. Und womöglich fanden sich die Zuschauer selbst und ihren eigenen Alltag in der dank des Bühnenbilds wirkungsvoll unterstützten Handlung des 1982 verfilmten Stoffs wieder – „denn wo Menschen sind, da menschelt’s halt“.