Buchen

Kriegsende 1945 in Buchen Das Finanzamt wird „erobert“ / Akten und Beamte waren ins Hinterland verlegt worden

Dokumente in der Heizungsanlage verbrannt

Buchen.Was sicherlich manchen Steuerzahlen freuen würde, wenn „sein“ Finanzamt „erobert“ wurde, das geschah beim Einmarsch der US-Armee im Amtsstädchen am 31. März 1945. Beim Näherrücken der amerikanischen Streitkräfte hatte der Oberfinanzpräsident im Februar 1945 seine Karlsruher Behörde in das „sichere Hinterland“ verlegt. Während seine Besitz- und Verkehrssteuerabteilung nach Mosbach kam, wurde die Personalabteilung an das Finanzamt Buchen verlegt. Aber nicht nur die Akten mussten hierher, sondern auch die Beamten. Um für „einige Dutzend Gefolgschaftsmitglieder“ entsprechenden Wohnraum bereitzustellen, wandte sich der Landrat an die Bürgermeisterämter der umliegenden Gemeinden um Unterstützung.

Während der letzten Kriegsjahre hatten die Bediensteten des Amtes nicht nur an den Samstagen und Sonntagen Dienst zu verrichten; die Begründung dafür lautete, wenn die Kameraden im Felde tagtäglich im Kriegsdienst seien, müssten das die Beschäftigten an der „Heimatfront“ ebenfalls tun. Dass es sich bei Leo Eisenhauer aus Schweinberg und Josef Böhrer um mehrfach schwer verwundete Kriegsteilnehmer handelte, war nebensächlich. Sie waren unverheiratet und darum auch dafür geeignet, in den Nächten Dienst im Amtsgebäude zu verrichten, denn dort war beim Bau in 1937 „aus weiser Voraussicht“ ein großer Luftschutzkeller eingerichtet worden, den die diensteingeteilten Beamten für die Nachbarschaft zu öffnen hatten und mögliche Brände durch Bombenangriffe im Amtsgebäude gleich zu bekämpfen.

Rege Tätigkeit

Bevor die amerikanische Armee nun in Buchen einrückte, entstand im Finanzamt eine rege Tätigkeit. Verwaltungsangestellter Leo Eisenhauer, in Schweinberg wohnhaft und täglich mit dem Fahrrad nach Hardheim und von dort mit dem Zug nach Buchen pendelnd, berichtete, dass er und andere Bedienstete des Finanzamts die Personalakten des Landesfinanzamts in der Heizungsanlage habe verbrennen müssen. Die Heizung sei Tag und Nacht gelaufen, während der Kanonendonner der näher rückenden Front aus Richtung Mudau zu hören war. Auf den Fluren seien die Personalakten lose herumgelegen und das Personal mit dem Oberfinanzpräsidenten an der Spitze habe sich über Bad Mergentheim und Dinkelsbühl bis ins Bayerische abgesetzt. Nach dem Bericht von Leo Eisenhauer soll das Personal des Landesfinanzamts in der Nähe von Günzburg von den US-Truppen eingeholt worden sein. Noch vor dem Abrücken ließ der Oberfinanzpräsident die Belegschaft „antreten“ und hielt eine flammende Rede über den „Endsieg“ mittels Wunderwaffen.

Die Stadt Meersburg dagegen wurde dem Finanzamt Buchen als Ausweichstelle zugewiesen. Es war jedem Bediensteten freigestellt, den Dienstort Buchen zu verlassen oder zu bleiben. Lediglich der Vorsteher, Regierungsrat Karl Köhler (geboren 1885), verließ Buchen. Er kehrte nach dem Krieg wieder nach Buchen zurück, wurde jedoch aus dem Staatsdienst entlassen.

Vermögen beschlagnahmt

Mit dem Einzug der US-Truppen musste das Finanzamt mit seinen 26 Bediensteten seinen Dienstbetrieb einstellen. Aufgrund des Gesetztes Nr. 52 der Militärregierung Deutschland wurde das vorhandene Vermögen genau beziffert und beschlagnahmt. Und Ordnung muss sein: Das beschlagnahmte Vermögen in bar und in Schecks sowie die ausstehenden Steuerschulden wurden auf den 28. März 1945 in deutscher und in englischer Sprache fein säuberlich aufgelistet.

Angegeben werden mussten auch die Einheitswerte der staatseigenen Grundstücke mit zusammen 82 300 Reichsmark (die Adolf-Hitler-Straße war gleich nach dem Kriegsende 1945 schon in „Friedensstraße 9“ umbenannt) und jedes einzelne Möbelstück und Gerät (Gesamtwert 7178 Reichsmark) war aufzulisten und einzeln zu bezeichnen. Erst am 4. September 1945 konnte das Amt einen Antrag auf die Freigabe des beschlagnahmten Vermögens stellen. Die Amerikaner fanden zwar einen Teil der noch nicht vernichteten Personalakten vor, konnten aber damit nichts anfangen und weil sie den Platz brauchten, wurden sie einfach auf offenem Feld außerhalb der Stadt verbrannt. Die im Luftschutzraum des Amtes verbliebenen Koffer des evakuierten OFP-Personals wurden von plündernden Ostarbeitern und freigelassenen Gefangenen aufgeschlitzt und geplündert.

Gebäude in Beschlag genommen

Die US-Armee nahm in der Folge das Amtsgebäude in Beschlag, brachte teilweise Evakuierte und Wohnungslose darin unter und verfügte am 1. Juni 1945 mit sofortiger Wirkung die Verlegung des Finanzamts Buchen nach Walldürn. Auf Armeelastwagen der US-Streitkräfte wurden Akten und nur ein geringer Teil der Büroeinrichtung (der Rest durfte nicht entnommen werden) verladen und vor dem ehemaligen Schloss in Walldürn unter freiem Himmel abgeladen und am gleichen Tage wurde auch der Dienstbetrieb dort wieder aufgenommen.

Allerdings konnte die Finanzkasse nicht nach Walldürn mit umziehen, denn es fehlte an Platz, weshalb sie in Buchen verblieb und ab dem 11. Juni 1945 im Schankraum der Gaststätte „Rose“ (Wirt Sebastian Geier) gegen eine monatliche Miete einschließlich Reinigung von 30 Reichsmark untergebracht wurde.

Mit Verfügung vom 11. Juni 1945 forderte der kommissarische Vorsteher des Finanzamts, Britze, die Bürgermeisterämter seines Amtsbezirks auf, durch „Ausschellen“ bekanntzugeben, dass das Finanzamt nun in Walldürn sei und „binnen sieben Tagen alle rückständigen und laufenden Reichs-, Landes- und Kirchensteuern zu zahlen sind“. Bezahlt werden konnte nur in bar oder durch Barschecks; Verrechnungsschecks konnten momentan nicht angenommen werden.

Der Walldürner Bürgermeister zeigte sich erfreut über den Zuwachs in seiner Stadt und gab am 1. Juni 1945 bekannt: „Durch Entschließung der zuständigen Behörde wurde mit sofortiger Wirkung das Finanzamt Buchen nach Walldürn verlegt. Das Finanzamt wird im Schloss, Burgstraße 3, errichtet. Die Gemeindeverwaltung hat von dieser Entschließung dankbar Kenntnis genommen und hofft, dass die gesamte Bevölkerung dies ebenso zu würdigen weiß.“ Die Freude der Bevölkerung wird sich sicherlich in Grenzen gehalten haben, aber der Bürgermeister besaß offensichtlich Weitblick, denn in der Folge befassten sich der Gemeinderat und auch die Verwaltung mit der Planung, für die Bediensteten des Finanzamts und deren Familien Wohnungen bereitzustellen und sie als Neubürger an die Stadt zu binden.

Armseliger Bestand

Nachdem das Personal seinen armseligen Bestand an Mobiliar und Geräten im Haus verteilt hatte, stellte man fest, dass nicht alle Bediensteten einen Stuhl, geschweige einen Schreibtisch hatten. Von der Gaststätte „Klosterstüble“ wurden vom 25. Juli bis 18. September 1945 fünf Stühle und drei Tische für eine monatliche Miete von 6,50 Reichsmark ausgeliehen. Die Stadt selbst half auch dem „armen“ Finanzamt und der Bürgermeister wies am 10. Juni 1945 den Amtsaufseher Berberich an, „aus dem Bestand des Rathauses möglichst Stühle von der gleichen Sorte, die Tische aus den Beständen der Schule. Wenn aber sonst Tische vorhanden sind, in einer Gemeindescheuer oder irgendwo, sind erst diese zu nehmen“. Doch das Elend wollte kein Ende nehmen. Am 13. Dezember 1945 wandte sich der Vorsteher des „Finanzamts Buchen z. Zt. in Walldürn“ – so nannte sich die Behörde fortan - mit folgendem Hilferuf an den Landrat: „Ich bitte Herrn Landrat von den trostlosen Zuständen beim Finanzamt in Walldürn Kenntnis zu nehmen und, wenn irgend möglich, Abhilfe schaffen zu wollen. Ich bekomme trotz dauernder Bemühungen in Walldürn keinen Schlosser, keinen Schreiner, die nur die dringend notwendigsten Arbeiten erledigen sollen.

Die Gangtüren haben außen keine Klinke, die Türen müssen aufbleiben und die wenige Wärme, die das nasse Holz erzeugt und nicht von den dicken Wänden aufgesaugt wird, geht bei dauerndem Publikumsverkehr auf die kalten Gänge. Holz bekomme ich nicht gesägt, nicht gespalten und nicht in den Keller befördert.

Meine Beamten müssen Handwerkszeug mitbringen und laufend etwas Holz zerkleinern. Der Holzsäger Geier hat mir sagen lassen, das Holz sei ihm jetzt zu kalt. Der zweite Säger will kommen, doch entweder ist die Säge kaputt, oder er kann nicht kommen. Bei unserem großen Rückstand an Arbeit, da das Amt fast sechs Monate geschlossen war und dazu eine halbe Belegschaft, fast ohne Fachpersonal, ist es mir unmöglich, mein Personal anders als im Büro zu beschäftigen.

Ich soll, damit die Steuern schneller eingehen, was viel zu wünschen übrig lässt, Einziehungstage in den weiten Orten des Bezirks einrichten. Es ist undurchführbar, weil ein Personenwagen nicht zur Verfügung steht. Auch die Arbeit des Vollziehungsbeamten ist ohne Auto für den Winter fast lahmgelegt. Ich muss der Militärregierung am Monatsende laufend berichten, welche Mängel die Leistung des Steuereingangs hemmen. Wenn die unhaltbaren Zustände hier nicht umgehend abgestellt werden können, werde ich nächste Woche das Amt schließen müssen. Die Gefolgschaft ist jetzt fast vollständig stark erkältet. Ich bitte Herrn Landrat, wenn irgend möglich, eingreifen zu wollen“. Dieser Hilferuf, dem es an Deutlichkeit nicht fehlte, muss gewirkt haben, denn am 16. Januar 1946 notierte sich der Vorsteher, dass der Landrat den Bürgermeister beauftragt hatte, sofort Abhilfe zu schaffen. Der Obermeister der Schlosser schickte daraufhin die Schreiner und anschließend seine Schlosser ins Amt, um die Reparaturen durchzuführen.

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