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Kundgebung in Mosbach Katholische Frauengemeinschaften des Dekanats Mosbach-Buchen kämpfen für „geschlechtergerechtere Kirche“ / Interview mit Elisabeth Hell

„Die Kirche braucht die Charismen von Frauen“

Archivartikel

Neckar-Odenwald-Kreis.„Macht euch stark für eine geschlechtergerechte Kirche!“, lautet das Motto der bundesweiten Aktionswoche der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) vom 23. bis 29. September. Mit von der Partie ist auch der kfd-Dekanatsverband Mosbach-Buchen. Auf dem Marktplatz in Mosbach findet am Samstag, 28. September, um 10.30 Uhr eine öffentliche Kundgebung ähnlich wie bei „Maria 2.0“ im Mai statt. Zuvor sprachen die FN mit der kfd-Vorsitzenden Elisabeth Hell (Götzingen) über die Aktion und Forderungen nach Veränderungen.

Frau Hell, wie würden Sie die aktuelle Situation der Frauen in der katholischen Kirche kurz beschreiben?

Elisabeth Hell: Frauen haben es zwar „Gott sei Dank“ heutzutage bereits in Führungspositionen in der Kirchenverwaltung geschafft, aber selbst hier herrscht noch lange keine Gleichberechtigung, geschweige denn in den Weiheämtern. Dabei darf und muss auch die Machtfrage gestellt werden. Wer Entscheidungen trifft und das Geld verwaltet, hat Macht. Es ist sehr, sehr mühsam. Frauen in der Kirche hatten bisher einen langen Atem und große Geduld. Es wird langsam höchste Zeit, konsequente Schritte zu gehen, damit Partnerschaftlichkeit und Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche Wirklichkeit wird. Die Kirche braucht die Charismen von Frauen. Sie braucht Diakoninnen und Priesterinnen, Bischöfinnen und Päpstinnen, die endlich ihre gottgegebenen Talente einbringen dürfen.

Welche Folgen sehen sie, wenn die Frauen als tragende Säule, die sie in der katholischen Kirche zweifellos sind, nicht mehr wie momentan noch präsent wären?

Hell: Die pastorale Basisarbeit würde in allen Feldern (Taufkatechese, Erstkommunion-, Firmvorbereitung, Wortgottesdienste) schwinden. Vieles würde nicht mehr geschehen, was eben noch von Frauen geleistet wird.

„Frauen, worauf wartet Ihr?“ heißt es in großen Buchstaben auf dem Werbeplakat zu der Aktion. Haben die Frauen in Anbetracht der drängenden Fragen nicht schon zu lange gewartet?

Hell: Wir sind nicht die ersten Frauen, die versuchen Gleichberechtigung zu erlangen. Schon Theresa von Avila hat im 16. Jahrhundert darauf aufmerksam gemacht. Das Netzwerk Diakonat der Frau beginnt demnächst mit dem dritten Ausbildungskurs für Diakoninnen. Es stehen also schon Frauen für diese Aufgabe bereit und arbeiten auch ohne offiziellen Auftrag der Kirche im diakonischen Feld. Frauen feiern Gottesdienste, besuchen Kranke, halten Beerdigungen. Es braucht auch eine gewisse Bewusstseinsbildung dafür. Leider sind auch nicht alle Frauen untereinander solidarisch und nicht alle wünschen sich Priesterinnen. Natürlich geht es uns zu langsam, aber Hauptsache wir bleiben auf dem Weg und es bewegt sich was.

Glauben Sie, dass der kfd-Forderung nach Verantwortung und Zugang von Frauen zu allen Diensten und Ämtern in der katholischen Kirche in Fulda bei der aktuellen Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe wirkungsvoll Gehör verschafft werden kann?

Hell: Ich denke, dass die Bischöfe es auf jeden Fall wahrnehmen. Bei einigen löst das Angst aus und Unverständnis oder den Wunsch am Bisherigen festzuhalten. Die werden sich darauf berufen, dass ohne die Zustimmung Roms ja nichts geändert werden darf. Andere spüren wohl selbst schon seit langem, dass da was nicht stimmt, dass die Kirche ohne die Frauen nicht vollständig ist. Dass es auch unter Frauen fähige und berufene Seelsorgerinnen gibt. Dass die Machtstrukturen der Kirche kritisch hinterfragt werden müssen. Einen ganz eigenen deutschen Weg in diesen Fragen wird es nicht geben. Wir wollen auch keine Kirchenspaltung. Wir wünschen uns, dass die Bischöfe die Zeichen der Zeit erkennen und sich mit uns Frauen solidarisieren und über neue Wege nachdenken. Wir wünschen uns, dass die Bischöfe mutiger für Reformen eintreten und mutig als Ortsbischöfe vorangehen, wo immer sie dies können.

Nachdem der Vatikan in Rom einen eigenen Weg der Teilkirche in Deutschland erst kürzlich untersagt hat, dürfte es kein einfacher und vor allem kein schneller Weg zu mehr Gleichberechtigung von Frauen in der von Männern dominierten katholischen Kirche werden. Haben sie diesbezüglich ein Zeitfenster?

Hell: Bei der Kirche brauche ich immer einen langen Atem, einen sehr, sehr langen Atem. Ich hoffe, dass bei der Amazonas-Synode im Oktober 2019 neben dem Klimaschutz auch die kirchlich brisanten Themen auf den Tisch kommen und dass von dort Impulse ausgehen, die uns weiterbringen.

Die Frage ist, ob es künftig noch genügend Kämpferinnen für eine geschlechtergerechte Kirche geben wird, nachdem immer mehr Kirchenaustritte und weniger Neuzugänge zu verzeichnen sind.

Antwort: Die Frauen, die im Moment noch kämpfen, sind aktive Christinnen. Ich hoffe, dass die sich nicht allzu leicht aus der Kirche vertreiben lassen. Sie stehen für ihren Glauben ein. Sie kämpfen für die Sache! Es bleibt tatsächlich die Frage, wie lange wir all das noch aushalten. Viele Frauen (auch Männer) sind entweder resigniert und des Streitens müde oder empört und zornig. Beides ist auf Dauer nicht gut und wird dazu führen, dass noch mehr von ihnen der Kirche den Rücken kehren.

Haben Sie in ihrer langjährigen kfd-Arbeit schon einmal eine solch spannende und im Umbruch befindliche Zeit erlebt?

Hell: Nein, ich muss ehrlich sagen, ich habe mich auch noch nie mit einer Sache so identifiziert.

Zum Schluss: Wie optimistisch sehen Sie der Zukunft der katholischen Kirche entgegen?

Hell: Die Kirche wird weiter leben, nur eben anders, als wir es uns in unseren Köpfen vorstellen.

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