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Eiserne Hochzeit Vor 65 Jahren gaben sich Christa und Edwin Götzinger das Ja-Wort / Beim Straßenbahner-Faschingsball in Stuttgart kennengelernt / Dankgottesdienst muss entfallen

Die Höhen und Tiefen des Lebens gemeinsam gemeistert

Archivartikel

Götzingen.65 Jahre sind eine beachtliche Zeitspanne. So lange an einem Strang zu ziehen, durch dick und dünn zu gehen und dabei alle auftretenden Konflikte und schwierigen Situationen zu meistern, erfordert sicher oft einen eisernen Willen. Die Bezeichnung Eiserne Hochzeit hat also durchaus ihre Berechtigung. Diesen Jubeltag begehen heute die Eheleute Edwin Götzinger und Christa Götzinger, geborene Kimmig. Sie gaben sich am 5. Mai 1955 in Stuttgart das Ja-Wort.

Früher Verlust

Edwin Götzinger wurde als ältester Sohn eines Landwirtsehepaares am 9. Januar 1928 in Götzingen geboren und lebte zusammen mit drei Geschwistern seine Kinder- und Jugendzeit auf dem elterlichen Hof und besuchte von 1934 bis 1942 die Volksschule. Die kriegsbedingten Umstände ließen eine Berufsausbildung leider nicht zu. Sein Vater musste nämlich bereits bei Kriegsausbruch im Jahre 1939 zur Wehrmacht einrücken und kam von diesem Einsatz bedauerlicherweise nicht mehr zurück. Notgedrungen musste daher Edwin als ältester Sohn in die Bresche springen und führte die elterliche Landwirtschaft, bis schließlich sein jüngerer Bruder 1951 den Hof übernahm. Allerdings musste der Jubilar selbst auch noch Kriegsdienst ableisten, er wurde als 16-Jähriger zur Wehrertüchtigung nach Wertheim einberufen und kam anschließend beim Reichsarbeitsdienst (RAD) in der Rhön zum Einsatz, wo er auch in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet und diese in einem Gefangenenlager in Pfarrkirchen (Niederbayern) verbringen musste.

Das Jahr 1951 brachte für ihn eine Zäsur. Im Februar verließ er seine Heimatgemeinde und schlug seine Zelte in Stuttgart-Hedelfingen auf, wo er beim Maschinenbauer Schaudt Arbeit gefunden hatte. Doch bereits im September wechselte er zur Stuttgarter Straßenbahn und war dort bis Juli 1955 als Schaffner im Einsatz. Die Robert Bosch GmbH in Leinfelden wurde dann sein nächster Brötchengeber. In diesem Unternehmen war der Jubilar dann bis zum Eintritt in den Ruhestand 34 Jahre beschäftigt.

Christa Götzinger erblickte als zweites von sechs Geschwistern am 26. Juni 1938 in Stuttgart das Licht Welt. Als Folge der dramatischen Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges kam sie 1941 als Fünfjährige im Rahmen der Kinderlandverschickung von Stuttgart weg. Im Jahre 1943 wurde ihre Familie ausgebombt und in den Südschwarzwald evakuiert. Dort war die Jubilarin aufgrund der kriegsbedingten Verhältnisse vom zehnten bis zum vierzehnten Lebensjahr auf zwei Bauernhöfen als Hirtenmädchen im Einsatz und besuchte parallel dazu auch die sogenannte Hirtenschule. Im Jahre 1950 kehrte sie nach ihrer Schulentlassung glücklicherweise wieder in ihre Heimat zur Großmutter, die in Stuttgart geblieben war. Dort fand sie bald eine kaufmännische Lehrstelle bei der Firma Defaka. Nach der Hochzeit war Christa Götzinger 15 Jahre als Buchhalterin eines Großhandelsunternehmens und 14 Jahre in der Filderklinik tätig.

Schicksalsschlag

Im Jahre 1953 kreuzten sich die Wege der beiden Jubilare erstmals, und zwar beim Straßenbahner-Faschingsball in Stuttgart. Nach dem ersten Stelldichein entwickelte sich rasch eine tiefere Beziehung, die bereits nach zwei Jahren in der Hochzeit mündete. Dem Paar wurden drei Töchter geschenkt, die jüngste Tochter verstarb aber bereits im Alter von vier Jahren an einer Blutkrankheit. Im Jahre 1984, als die der Ruhestand anbahnte, entschloss sich das Paar zum Bau eines Eigenheimes in Götzingen. Fünf Jahre pendelten sie noch zwischen den Arbeitsstellen in Stuttgart und der Wohnung in Götzingen, ehe der Wechsel 1989 abgeschlossen wurde. Bereut haben sie ihren Entschluss zu keiner Zeit.

So waren sie nach dem Umzug eifrig bemüht, sich aktiv in ihrer neuen Heimat einzubringen. Edwin Götzinger war schon im Jahre 1990 Mitinitiator bei der Gründung des Altenwerkes, in dem er über 15 Jahre als erster und zweiter Vorsitzender engagiert war und dieses ganz entscheidend mitprägte. Außerdem war er viele Jahre Kassenwart des Vinzeniusvereins und ist zudem in anderen örtlichen Vereinen passives Mitglied. Dieses Engagement war für ihn eine Selbstverständlichkeit, so wie er auch schon vor seinem beruflich bedingten Weggang sich bereits beim TSV Fortuna Götzingen und in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert hatte. Und nicht minder groß war das Engagement von Christel Götzinger im Vereinsleben ihrer neuen Heimat. Mit Freude sang sie 25 Jahre im gemischten Chor des Gesangvereins Eintracht, bis sie im Jahre 2015 aus gesundheitlichen Gründen dieses Hobby aufgeben musste. Auch in der Pfarrgemeinde St. Bartholomäus engagierte sie sich. Sie war unter anderem zehn Jahre im Pfarrgemeinderat, wobei sie gar fünf Jahre den Vorsitz innehatte. Im Götzinger Altenwerk war sie bis zu dessen Auflösung im Jahre 2011, als sich kein Vorstand mehr fand, als Schriftführerin tätig. Außerdem war sie fünfzehn Jahre aktives Mitglied bei der TSV-Montagsturnerinnen.

Die beiden Jubilare sind zwar inzwischen leider gesundheitlich angeschlagen, jedoch geistig noch sehr rege und verfolgen das kommunale Geschehen sowie die Entwicklungen in der Welt mit großem Interesse. Sie sind froh und dankbar, diesen ganz besonderen Ehrentag erleben zu dürfen und im Kreis ihrer Lieben begehen zu können. Ein Wermutstropfen ist es dabei allerdings, dass aufgrund der Corona-Krise der vorgesehene Dankgottesdienst nicht stattfinden kann. Zur „Eisernen Hochzeit“ gratulieren dem Jubelpaar neben der Familie auch die Fränkischen Nachrichten. jm

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