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85 Jahre Musikverein Götzingen Am 11. Januar 1935 gegründet / Sechsjährige Zwangspause durch den Zweiten Weltkrieg / Derzeit 225 Mitglieder

Der Teamgeist steht noch immer im Fokus

Götzingen.Seit nunmehr 85 Jahren wird in Götzingen auf Vereinsbasis musiziert. Zwar sind Jubiläumsfeierlichen aufgrund der Pandemielage heuer nicht opportun, doch eine Würdigung verdient eine solche gesellschaftspolitische Leistung auf ehrenamtlicher Basis allemal. Zumal in Götzingen nachweislich sogar bereits in den 1890er-Jahren die Kunst des gemeinsamen Musizierens gepflegt wurde. Götzinger Musikanten frönten damals auf privater Basis ihrem Hobby und warteten bei kirchlichen und weltlichen Anlässen in Götzingen sowie auch bei Nachbargemeinden mit ihren Darbietungen auf. Gefragt waren die Götzinger Blasmusikanten beispielsweise bei Festen wie Fronleichnam oder Patrozinium, aber auch zur „Kerbe“ (Kirchweih) oder „Faschenoacht“ sowie der Amtseinführung eines neuen Bürgermeisters.

„Die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, die den Teufel vertreibt und die Menschen glücklich macht!“, stellte schon Martin Luther fest. Diese Erkenntnis hatten wohl auch die Musikfreunde gewonnen, die im Jahr 1934 zur Einsicht kamen, dass es wohl zweckmäßig wäre, künftig regelmäßig gemeinsam zu proben. Recht schnell gewann man dann die Überzeugung, dass dies zur Verbesserung von Können und Leistung beitrug. So kamen bald Idee und Wunsch auf, alles auf Vereinsbasis betreiben und damit zu stabilisieren. Am 11. Januar 1935 schritten dann zwölf Musikanten zur Tat und wagten die Vereinsgründung. Just also in dem Jahr, in dem beispielsweise im Januar die Bevölkerung des Saarlandes für den Wiederanschluss an Deutschland votierte und Hitler im Mai den ersten Abschnitt der Reichsautobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt eröffnet oder ab März das weltweit erste reguläre Fernsehprogramm ausgestrahlt wurde.

Motivierter Start

Die zwölf Gründerväter waren Franz Schwarz, Initiator und erster Dirigent, sowie Ludwig Biemer, Wilhelm Hartmann, Hermann Jaufmann, Albert Leist, Wilhelm Heffner, Adolf Holderbach, Erich Holderbach, Heinrich Holderbach, Anton Schwarz, Josef Anton Schwarz und Ludwig Schwarz. Alle waren natürlich sehr motiviert und nahmen unverzüglich einen geregelten Übungsbetrieb auf. Die Gegebenheiten waren mit den heutigen Verhältnissen eines Vereinsbetriebes allerdings keineswegs zu vergleichen. Als Probelokal diente eine Schreinerwerkstatt.

Da die neu gegründete Kapelle bereits Ende Januar den ersten öffentlichen Auftritt – die Umrahmung eines Gottesdienstes mit Chorälen – vor sich hatte, musste intensiv geprobt werden. Die Musikenthusiasten übten daher zunächst jeden Abend, egal ob Werk-, Sonn- oder Feiertag. Durch emsiges Üben und Proben kam man flott voran, am dritten Märzsonntag folgte anlässlich des Heldengedenktages beim Kriegerhain der erste Auftritt im Freien und im November wurde im Gasthaus „Zur Goldenen Brezel“ erstmals zum „Kerbe-Tanz“ aufgespielt.

Die Anfänge: 1936 fand bereits das erste Musikfest statt., 1939 kommt das Vereinsleben durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs völlig zum Erliegen. Vorausschauend begann man 1936 auch mit der Ausbildung von Jungmusikanten und konnte so die Kapelle bald erweitern. Rasch erfreute sich die Kapelle eines guten Rufes und war immer mehr gefragt, auch auswärts.

Neben Umrahmung von kirchlichen und weltlichen Festen spielte sie vor allem bei Aufmärschen, Maifeiern, Sonnwendfeuern, Umzügen und Versammlungen sowie vor allem vielerorts zum Tanzen auf. Aufgrund des erreichten Niveaus sollte sie sogar zur SA-Kapelle ‚befördert’ und entsprechend eingekleidet werden, was die Aktiven jedoch ablehnten.

Viel zu schnell und jäh wurde der vielversprechende Aufwärtstrend leider gestoppt, 1939 wurde für den jungen Verein zum Schicksalsjahr. Am 1. April verstarb überraschend Dirigent Franz Schwarz, am 28. November dessen Vater Ludwig Schwarz. Der Tod dieser beiden Hauptstützen traf die Musiker hart. Und durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kam das Vereinsgeschehen sogar völlig zum Erliegen. Nahezu vollzählig wurden die Gründungsmitglieder zu den Waffen gerufen, drei kamen nicht mehr aus dem Felde zurück: Wilhelm Heffner, Eugen Holderbach und Albert Leist.

Reaktivierung nach dem Krieg

Nach sechsjähriger Zwangspause kehrte im Herbst 1945 langsam wieder Leben in den Verein zurück. Die nach Kriegsende beziehungsweise aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Musikanten initiierten die Reaktivierung des Vereins.

Erneut waren Mut und Optimismus gefragt, denn nur mit großem Idealismus war der Neustart möglich, zumal durch die Kriegswirren auch einige der Aktiven an andere Orte verschlagen worden waren und Lücken hinterließen.

Schwungvoll wurde daher vor allem die Ausbildung junger Musiker in Angriff genommen, so dass erfreulich schnell wieder ein 20-köpfiger Klangkörper aufgeboten werden konnte.

Parallel zum Wiederaufbau Deutschlands und dem damit einhergehenden technisch-wirtschaftlichen Aufschwung nahm auch der Musikverein Götzingen eine erfreuliche Entwicklung. Markante Meilensteine auf diesem Wege waren zweifelsohne die Auftritte der Kapelle bei den Heimattagen 1953 oder bei der Halleneinweihung 1959. Nicht minder erwähnenswert sind natürlich die Feste zu den eigenen Vereinsjubiläen, wobei 1985 zum 50-Jährigen gar auch ein Festbuch herausgegeben wurde. Eine mutige und zukunftsweisende Entscheidung wurde im Jahre 1965 mit der Gründung einer Jugendkapelle getroffen. Außerdem wurden seit diesem Jahr auch Frauen mit in der Blaskapelle integriert. Bis heute ist die Jugend- und Ausbildungsarbeit beim Jubiläumsverein von besonderer Bedeutung und auch Garant für seine positive Entwicklung.

55 aktive Musikanten

Viel Wert wurde beim Jubelverein schon immer auch auf die Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen und überregionaler Zusammenarbeit gelegt. Sofort nach der Gründung des Blasmusikverbandes Odenwald-Bauland trat Götzingen diesem bei. Der Verein, der derzeit 225 Mitglieder und davon 55 aktive Musikanten zählt, ist fest in die Dorfgemeinschaft involviert, pflegt neben der konsequenten Fort- und Ausbildung auch Kameradschaft und Teamgeist als Basis erfolgreicher Vereinsarbeit. Die jährlich 40 bis 45 Auftritte bei circa 70 Proben verlangen den Aktiven schon eine bemerkenswerte Leistungsbereitschaft, verbunden mit Freizeitopfern, ab. In achteinhalb Jahrzehnten wurde auch eine ganze Reihe an Musikern mit Ehrennadeln durch Verein und den Blasmusikverband ausgezeichnet. Keinesfalls vergessen werden darf natürlich auch das hinsichtlich einer erfolgreichen Vereinsführung notwendige ehrenamtliche Engagement. In 85 Jahren waren viele Vereinsvorsitzende und Dirigenten aktiv, zudem wurden einige Vereinsangehörige zu Ehrenmitgliedern ernannt (siehe Info-Box). jm

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