Buchen

Schulfilmwoche FN besuchten die Filmvorführung der Zentralgewerbeschule und der Helene-Weber-Schule in Buchen

Der schnelle Abstieg in den Extremismus

Archivartikel

Buchen.Die „Hassjünger“ gastierten in dieser Woche in mehreren Schulen, darunter in der Zentralgewerbeschule (ZGB) und der Helene-Weber-Schule (HWS) in Buchen. Auf Einladung der „Herz statt Hetze“-Initiative wurde der Dokumentationsfilm, der von der Geschichte eines Ex-Salafisten und eines Ex-Neo-Nazis handelt, über 1000 Schülern gezeigt. Eine Aktion, die auch bei den verantwortlichen Lehrern und Schulleitern gut ankam, auch wenn Regisseur Max Damm und der Protagonist Felix Beneckenstein doch nicht anwesend waren.

Feste Strukturen notwendig

„Der Film zeigt auf sehr beeindruckende Art und Weise, wie schnell man in solche extremistischen Szenen abrutschen kann“, meinte etwa HWS-Schulleiter Christof Kieser. Auch Konrad Trabold, Schulleiter der ZGB, sah in dem Streifen eindeutige Botschaften: „Kinder und Jugendliche brauchen Strukturen, an die sie sich halten können.“ Der Film belege, wie wichtig die Arbeit der Vereine sei. Und auch die Lehrerin Dr. Isabell Arnstein befürwortete die Aktion von „Herz statt Hetze“. Sie meinte: „Die Vereine können Halt bieten, denn: Die klassischen Großfamilien, welche die Probleme auffangen und zusammenhalten, gibt es immer seltener.“ Nach der Dokumentation stellten sich Alexander Weinlein und Markus Dosch von „Herz statt Hetze“ den Fragen der Schüler.

Ein Jugendlicher wollte beispielsweise wissen, ob es extremistische Strukturen in der Region gibt. „Soweit wir wissen nicht im ländlichen Raum, jedoch haben Umzüge des ,Dritten Weges’ in Würzburg stattgefunden. Von extremen religiösen Strukturen in der Region ist uns nichts bekannt. In der Region gibt es eher das Phänomen des Rechtspopulismus, das bezieht sich auch auf die Nachbarkreise“, teilten Weinlein und Dosch mit.

Auf die Frage, ob es auch Aussteiger gibt, die rückfällig werden und in die jeweilige Szene wieder eintauchen, antworteten sie: „Wir denken, dass es sicherlich Rückfällige geben kann, die jedoch nie wieder so in die Szene eintauchen können wie vorher. Zum einen werden sie als Verräter bezeichnet und angesehen und zum anderen müssen sie bisweilen auch um ihr Leben fürchten. Es kann eher sein, dass sich ein Linksextremist in der Rechten Szene wieder findet, oder umgekehrt. Oder man taucht einfach in andere extreme Umfelder ein.“ Ob die beiden Protagonisten des Films während ihrer Extremistenzeit einem geregelten Beruf nachgingen, konnten Weinlein und Dosch nicht zweifelsfrei klären. „Eine Aktivität in extremistischen Kreisen lässt nicht viel Raum, sich beruflich zu entwickeln.“

Die knapp 60-minütige Dokumentation „Hassjünger“ berichtet über den Ausstieg aus der Extremistenszene von Dominic Schmitz und Felix Beneckenstein. Ersterer war viele Jahre Salafist und hatte engen Kontakt mit dem Salafistenführer Sven Lau. Beneckenstein dagegen war in seiner Jugend in der rechtsradikalen Szene Bayerns und erarbeitete sich als Liedermacher einen Namen unter den Faschisten.

Probleme mit langfristigem Effekt

Bei Beiden spielten auch familiäre Probleme in ihrer Kindheit und Jugend eine tragende Rolle. So erzählt Schmitz, dass ihn die Trennung seiner Eltern als Kind schwer getroffen habe. Beneckenstein dagegen wurde gehänselt und gemobbt, ehe er das erste Mal zurückschlug – und dadurch ungeahnten Mut fand. Beide rutschten immer tiefer in den Extremismus, weil sie auf einmal einen Zusammenhalt erlebten, der ihnen vorher fehlte.

Umso folgenschwerer war der Ausstieg. „Es gab Situationen, in denen mir Leute an den Kragen wollten, vor meiner Haustür standen und mir gedroht haben“, berichtet Schmitz. Privatleben und Wohnort hält er wie Beneckenstein geheim.

Es sind Szenen und Worte wie diese, die auch bei den Schülern ihre Wirkung hinterlassen. HWS-Schulleiter Christof Kieser beeindruckte vor allem die Angst von Beneckenstein, als dieser im Rahmen der Reportage in Dortmund in einem Szeneviertel unterwegs war. Dort wohnte er jahrelang in einem Szene-Viertel der Rechten.

Der Film zeige deutlich und authentisch, wie wichtig es sei, Kindern und Jugendlichen eine strukturierte Freizeit und Perspektiven im Leben zu bieten. Kieser findet: „Das betrifft nicht nur uns Pädagogen, sondern auch die Gesellschaft.“ ms

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