Buchen

In Hettingen und Hainstadt Startschuss für das Projekt „Demenzfreundliche Kommune, demenzkranke Menschen mitten im Leben“

Demenz – eine „typische Alterserscheinung“

Archivartikel

Hainstadt/Hettingen.Spätestens, seit Prominente wie Rudi Assauer und Peter „Columbo“ Falk öffentlich zu ihrer Demenzerkrankung standen und das Thema mit Dieter Hallervorden in der Hauptrolle („Honig im Kopf“) verfilmt wurde, war die früher totgeschwiegene Alzheimer-/Demenz-Thematik in der Öffentlichkeit angekommen. Der auch auf dem Land immer größer werdende Stellenwert zeigte sich am Donnerstag, als die Auftaktveranstaltung des Projekts „Demenzfreundliche Kommune, demenzkranke Menschen mitten im Leben“ zahlreiche Interessenten in die Hainstadter Pfarrscheune lockte.

Bürgermeister Roland Burger skizzierte zunächst die Vorgeschichte: Nachdem Dr. Valentin Hoß der Stadt Buchen seine Projektidee vortrug, wurde ein Förderantrag eingereicht. „Unser innovativer Vorschlag vor Ort war erfolgreich“, freute sich Burger angesichts des erhaltenen Bewilligungsbescheids. Sein Dank galt neben Dr. Hoß und Simone Schölch auch Martin Mackert (Hettingen) und Regina Schüßler (Hainstadt), die als Demenzbeauftragte der beiden Ortschaftsräte die Fäden in die Hand nahmen. „Alzheimer und Demenz bedeuten große Veränderungen nicht zuletzt für die Angehörigen der Betroffenen, was Sensibilisierung und Hilfe erfordert“, hielt Burger fest und lobte die Präventionsarbeit als „wertvollen Impuls für die Schaffung gezielter Angebote und neuer Strukturen vor Ort“, um die Notwendigkeit ambulanter Pflege zumindest zu verzögern.

Das Projekt stellte Dr. Valentin Hoß vor. „Eine von steigenden Lebenserwartungen dominierte Gesellschaft mit gehäuften Demenzfällen benötigt gehäufte Hilfsangebote“, stellte er klar. Trotz zahlreicher Medikamente könne man den Verlauf des Krankheitsbilds – Demenz ließe sich als vielfältiger und individuell ablaufender Prozess der Gehirnalterung deklarieren – „bestenfalls verlangsamen“ und müsse trotz 1,7 Millionen Patienten im ganzen Bundesgebiet und 3000 Betroffenen allein im Neckar-Odenwald-Kreis auf steigende Zahlen gefasst sein: „Bundesweit gibt es 300 000 Neuerkrankungen“, so der Mediziner.

Demenz verstehe sich als „typische Alterserscheinung“, wobei der zusehende Wegfall klassischer Familienstrukturen dem Thema zusätzlichen Aufwind schenke. „Die Versorgung durch die Familie ist nur noch selten möglich“, betonte er. Der erste Schritt seien lokale Hilfsangebote wie die zentrale, in Buchen und Mosbach Sprechstunden haltende Beratungs- und Koordinierungsstelle. Wichtig sei weiterhin intensive Öffentlichkeitsarbeit in Richtung einer „demenzfreundlichen Kommune“, um auch die Versorgungsmodelle zu verändern: Nach dem weitestgehenden Scheitern medizinischer und sozialer Sichtweisen, welche die jeweiligen Betroffenen auf Medizin und Staat abzuwälzen versuchten, etabliere sich das „Bürgerrechtsmodell“, das den Betroffenen als Mitglied der Gesellschaft sieht, für das jeder „zuständig“ sei. Dahingehend müsse man sich „vom pathologischen Demenzbild verabschieden“, zumal ein Leben trotz Demenz gut und würdevoll sein könne und jeder in die Lage kommen könnte: „Wir können den Alterungsprozess nicht aufhalten“, merkte Dr. Valentin Hoß an. Gleichsam dürfe man Betroffene nicht auf ihre Erkrankung reduzieren, sondern müsse sie so lange wie möglich im vertrauten Umfeld lassen.

Hier sei die Allgemeinheit gefragt, um mit kreativen Gedanken gemeinsam anzupacken, Worthülsen mit Leben zu füllen, eine Infrastruktur aufzubauen und Aspekte wie die Regelfinanzierung zu klären. „Ziel muss ein menschenwürdiges Leben auch in der Erkrankungsphase sein“, betonte der Arzt und propagierte dahingehend eine demenzgerechte Versorgung auch in Pflegeheimen und Krankenhäusern, sollte die Notwendigkeit derartiger Aufenthalte sich abzeichnen. Lösungswege sehe er gerade für Hainstadt und Hettingen in den regen Vereinslandschaften, nahm jedoch auch Kirche und Kommune in die Pflicht. Um hier Möglichkeiten auszuloten, werden Treffen mit Vereinsvertretern, Kirchen, Schulen und Kindergärten sowie potenziell Interessierten stattfinden. Hier zeigte Hoß sich optimistisch: „Zusammen schaffen wir das!“

Unterhaltsam und nachdenklich zugleich schilderte das kurze Theaterstück „Herzig dement“ vom Clown Seppelino (Josef Stier) und seinen Freunden den Verlauf der Lebenslinie vom quirligen Hausmeister eines Seniorenheims zum Demenzpatienten. Hier wurden die Zuschauer ins Geschehen aktiv mit eingebunden, um tiefere Einblicke zu erhalten.

Vor der Fragerunde informierten noch Hainstadts Ortsvorsteherin Regina Schüßler und Martin Mackert über die Hintergründe des Projekts. ad

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