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Tagebuch von Dietmar Riemann Einträge des Fotografen über Vorfälle an der Mauer sowie über den Ausreisetag und die ersten Eindrücke auf der anderen Seite

„Das andere Berlin war gar keine andere Stadt“

Archivartikel

Berlin/Mosbach.Dietmar Riemann flüchtete mit seiner Familie auf legalem Wege aus der DDR, kurz vor dem Mauerfall. Für die Reise in den Westen mussten die Riemanns alles aufgeben und einen steinigen, gefährlichen Weg gehen, der sich über mehrere Jahre hinzog. Dies zeigen auch die folgenden Einträge aus dem Tagebuch „Laufzettel“, welches Dietmar Riemann in seiner DDR-Zeit führte:

20. Juni 1988: „In Ostberlin beginnt heute die von Erich Honecker initiierte „Internationale Konferenz über kernwaffenfreie Zonen“. Man brüstet sich, friedliebend zu sein und hofft, damit von innerstaatlichen Problemen ablenken zu können. Die Nachrichtenmeldung Nummer Eins heute früh im freiheitlichen Sender RIAS-Berlin war allerdings eine ganz andere.

Anlässlich eines Konzertes des amerikanischen Popstar Michael Jackson vor dem Berliner Reichstag, also auf Westberliner Territorium, fanden sich gestern Abend auf Ostberliner Seite der Mauer etwa 5000 Jugendliche ein. Sie wollten die Klänge der „anderen Welt“ über unser menschenverachtendes Betonmonstrum hinweg hören. Sie kamen so zahlreich trotz weiträumiger Abriegelungsmaßnahmen und trotz einer massiven Durchsetzung des gesamten Gebietes mit Stasi-Leuten.

Es kam zu tätlichen Auseinandersetzungen. Polizei und Stasi griffen ARD- und ZDF-Kamerateams an. Offenbar wollte man jegliche westliche Berichterstattung unterbinden. Die Staatssicherheitsleute zerschlugen eine Fernsehkamera und hieben auf die westlichen Journalisten mit Elektrostöcken ein. Nur noch fluchtartig konnten die westlichen Berichterstatter unter dem Schutz von DDR-Jugendlichen ihre in der Nähe gelegenen Büroräume erreichen. Tonfragmente dieser aufregenden Geschichte habe ich soeben im westlichen Rundfunk gehört.

Es ist immer wieder das gleiche beschissene Spiel, das hier abläuft. Ich glaube wirklich nicht, dass sich bei uns im Osten Europas in absehbarer Zeit etwas Nennenswertes ändern wird. Dazu müßte nämlich erst einmal das Kernland dieses Sozialismus, also die „unbesiegbare Sowjetunion“, die Segel streichen. Aber genau das ist einfach unvorstellbar.“

13. August 1988: „27 Jahre auf den Tag genau steht unsere Mauer jetzt schon. Für eine Generation setzt man 30 Jahre an. Nur Unglück hat dieses menschenverachtende Betonmonster gebracht. Unsere Zeitungen spucken heute Gift und Galle über die angeblichen Falschmeldungen der westlichen Medien zum „Jahrestag“ des Mauerbaues.

Aber Tatsache ist: Diese sogenannte „Sicherung der Staatsgrenze“ galt und gilt nur uns, uns im Inneren des Mauerrings. Im offiziellen Sprachgebrauch der DDR werden die perversen Grenzbefestigungsanlagen natürlich nach wie vor als „Antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnet. Das hässliche Wort „Mauer“ ist tabu.

Einfach weglaufen, das Land verlassen, kann seit dem 13. August 1961 niemand mehr.“

28. September 1988: „Auch heute versuchten drei junge Menschen, die Mauer zu überwinden. Und es fielen Schüsse. Zwei Männer entkamen in die ersehnte Freiheit, aber eine Frau blieb verletzt im Todesstreifen zurück.

Ich kann nur deshalb immer und immer wieder so „plastisch“ von diesen perversen Geschehnissen berichten, weil sie oft von der anderen Seite aus beobachtet werden. Manchmal gelingt sogar eine filmische oder fotografische Dokumentation.“

23. Februar 1989: „Unter einem außergewöhnlich großen Aufgebot an Staatssicherheitskräften fand heute in Ostberlin eine tragische Beerdigung statt. Zu Grabe getragen wurde ein nur 20 Jahre junger Mann mit dem Namen Chris Gueffroy. Man hat ihn bei einem Fluchtversuch über die Mauer in Treptow in der Nacht vom 5.2. zum 6.2. erschossen. Ein ebenfalls an diesem tödlichen Unternehmen beteiligter zweiter junger Mann ist schwer verletzt worden.

Das unselige Drama wurde erst heute in den westlichen Medien bekannt gemacht. Wir hier in Ostberlin wären sowieso nicht über diesen „tragischen Unglücksfall“ gestolpert, wenn die Nachricht dieses feigen Mordes an der innerstädtischen Grenze nicht auf „Umwegen“ an westliche Stellen gelangt wäre. Die Todesanzeige für Chris Gueffroy war vorgestern in unserer Berliner Zeitung abgedruckt worden, „unauffällig formuliert“ versteht sich.

Heute traf der CDU-Landesvorsitzende und Ministerpräsident von Baden-Württemberg Lothar Späth mit Erich Honecker zusammen. Er sprach den tödlichen „Grenzzwischenfall“ an.

Honecker und einer seiner Generäle haben den geschilderten „Vorfall“ jedoch dementiert. Laut Aussage der beiden „Herren“ gab es diesen Fluchtversuch gar nicht. Ich bin wütend und zugleich unendlich traurig.“

28. September 1989 (der erste Tag auf der „anderen Seite“): „Ich beginne mit den ersten Aufzeichnungen im „Westen“: Termingemäß um 9.30 Uhr haben wir uns im Köpenicker Rathaus unsere Entlassungsurkunden abgeholt, um danach beim zuständigen Polizeirevier unsere Ausweise abzugeben. [...] Gleich hinter der Grenze, auf dem abgetrennten Teil des Bahnhofes, der für westliche Besucher gedacht ist und den man von Ostberliner Seite aus nur über die von uns passierte Grenzübergangsstelle erreichen kann, der aber sehr wohl noch zu Ostberlin gehört, wurden wir von T.s und L.s empfangen. Dann sind wir alle zusammen in die S-Bahn gestiegen und bis zum Bahnhof Zoo gefahren. Ich sehe mich noch immer in der vollen S-Bahn stehen. Ich war abwesend – wie benebelt.

Am Bahnhof Zoo sind dann noch Ö.s und Uta Schö. dazugekommen. Uta Schö. war sowieso nur besuchsweise in Westberlin, und Ö.s durften als Flüchtlinge auf gar keinen Fall das Gelände des Bahnhofes Friedrichstraße betreten, auch nicht auf der abgetrennten „freien“ Seite. Man hätte sie dort kontrollieren, erkennen und verhaften können. Das gesamte Bahnhofsgelände wird von ostdeutscher Transportpolizei und Stasi kontrolliert. Die gesamte Berliner S-Bahn gehört zum Besitz der Deutschen Reichsbahn, auch wenn man sich auf Westberliner Bahnhöfen frei bewegen kann.

Am Bahnhof Zoo sind wir in die Autos von T.s und L.s verfrachtet worden und zu T.s in die Zahnarztpraxis gefahren. Etwa 15 Uhr haben wir uns im zentralen Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde gemeldet. Matthias T. hat mir sein Auto überlassen, er hat es mir regelrecht aufgedrängt. Ich wollte eigentlich gar nicht selbst fahren. Ich habe gezittert. Ich war richtig fertig, physisch und psychisch. Gegen 21.30 Uhr waren wir in Marienfelde endlich mit der Aufnahme unserer Personalien an der Reihe. Das Lager war total überfüllt. Überall befanden sich wartende Menschenmassen, vor allem Flüchtlinge, die aus Polen kamen und natürlich die ständigen Neuzugänge aus Ungarn.

Später haben wir im Lager Ö.s wieder getroffen. Sie hatten ebenfalls Aufnahmeformalitäten zu erledigen. Etwa 23.30 Uhr sind wir dann zu S.s gefahren, um unseren „letzten Koffer“ zu holen, den Dr. J. noch einmal aus Ostberlin heraus gebracht hatte.

Meine ersten Eindrücke von der Stadt Westberlin habe ich als sehr unwirklich wahrgenommen, wie losgelöst von der Wirklichkeit.

In der S-Bahn vom Bahnhof Friedrichstraße zum Bahnhof Zoo wollte ich noch nicht einmal aus dem Fenster sehen. Und vor dem Bahnhof Zoo kam ich mir wie in einen Film versetzt vor, an dem ich selbst aber gar nicht beteiligt war. Dabei habe ich an diesem Ort auch noch einen mir bestens bekannten Ostberliner Fotografen mit seinem Auto beobachtet, einen VBK-Kollegen, der offensichtlich dienstlich in den Westteil der Stadt darf.

Das andere Berlin war gar keine andere Stadt. Die Ausgrenzung dieses Gefüges durch eine Mauer kam mir jetzt noch irrsinniger, noch unwirklicher vor.“

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