Buchen

Leserbrief Zu „Er und kein anderer passt hierher“ (FN, 6. Oktober)

„Chance verpasst, offen, lebendig und nicht alltäglich zu sein“

Archivartikel

Konrad Koch, besser bekannt unter dem Namen Konrad Wimpina, war zweifelsohne eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Sowohl seine Ambitionen, als theologischer Gelehrter bis zur Spitze der Universität in Frankfurt (Oder) aufzusteigen, oder seine Großzügigkeit gegenüber seiner Geburtsstadt Buchen in Form von Stipendien für Studierende oder Zahlungen für die Krankenpflege sind nicht zu vergessen. Dass der Versammlungssaal der katholischen Kirche nach ihm benannt ist, verwundert also nicht; ebenso wenig die Präsenz seines Epitaphs in der Pfarrkirche St. Oswald.

Gegen die Aufstellung einer Statue des Priesters auf dem Rathausbrunnen spricht aber doch einiges. So war Wimpina nicht irgendein katholischer Gelehrter oder Geistiger. Er war einer der erbittertsten Gegner der Reformation und Martin Luthers, vor allem kritisierte er den Reformator für seine Haltung zu Ablässen. Wimpina selbst war überzeugter Anhänger des Ablasshandels, also des Missbrauchs des Glaubens durch die Institution Kirche und der Bereicherung ebenjener. Zusätzlich bildete er seine Schüler zu Ablasspriestern aus.

Weiterhin leben wir in Deutschland in einer Republik ohne Staatskirche. Die Trennung von Kirche und Staat ist eine Errungenschaft der Aufklärung und wurde in Deutschland nie so strikt vollzogen wie beispielsweise in Frankreich. Jedoch hat der Staat weltanschaulich neutral zu sein, während für alle Religionen Freiheit besteht. Ungern erinnert man sich an Aussagen und Debatten rund um das Errichten der Glaubensstätten anderer Religionsgemeinschaften in Buchen. So verwundert es doch sehr und man kommt nicht umhin, Doppelmoral zu wittern, wenn nun auf dem weltlichsten Platz der Stadt, nämlich dem vor dem Rathaus, ein äußerst streitbarer katholischer Geistlicher aufgestellt wird und sich keine kritische Stimme hebt.

Wäre dies anders gewesen bei der Aufstellung von jüdischen, muslimischen, buddhistischen Theologen und Theologinnen? Sollte dieser Platz nicht symbolisch für alle in der Stadt stehen, unabhängig ihrer Religion? Sollte neben Wimpinas Ehrenbürgerschaft nicht auch sein kritisches, religiöses Wirken in Betracht gezogen werden? Und die wichtigste aller Fragen: Hätte man nicht auch eine andere Persönlichkeit in Stein hauen und vor dem Rathaus Buchens Bürgern und Bürgerinnen und Gäste begrüßen lassen können?

Dafür muss man nicht lange suchen: Jakob Mayer, bedeutender Lokaldichter und Sohn der Stadt, prägte die Tradition und Mundart Buchens wie kein Zweiter im 20. Jahrhundert; in den Tod getrieben wurde er von den Nazis. Oder wie wäre es mit einer Frau, die in Buchen gewirkt hat? Kaum eine weibliche Persönlichkeit wird in Buchener Straßen-, Gebäude- oder Institutionsnamen geehrt, obwohl der weibliche Anteil der Bevölkerung schon immer um die 50 Prozent betragen haben dürfte.

Wieso wurde nicht gemeinsam überlegt, wer den Brunnen zieren könnte? Hier wurde eine Chance, „offen, lebendig und nicht alltäglich zu sein“, verpasst. Schade!

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