Buchen

Offener Brief von Bürgermeister a. D. Josef Frank Widerspruch gegen Entscheidung zum Abriss der baufälligen Häuser in der Obergasse 16/18 und 20/22

„Buchen darf Identität nicht verlieren“

Buchen.Die Entscheidung, dass in der Buchener Obergasse die Häuser 16/18 und 20/22 abgerissen werden, hat Altbürgermeister Josef Frank zu einem offenen Brief veranlasst, indem er den Beschluss kritisiert. Jahrelang versuchte die Stadtverwaltung erfolglos, eine Lösung für die beiden Gebäude zu finden. Die Untere Baurechtsbehörde beim Landratsamt verfügte schließlich den Abbruch aufgrund des schlechten Zustands (die FN berichteten).

„Die Entscheidung des Gemeinderates, die Gebäude in der Obergasse abzureißen, kann nicht unwidersprochen bleiben. ,Weg mit dem altem Gelump’, war und ist die überwiegende Meinung der Bevölkerung, wenn es um die Sanierung alter Fachwerkhäuser geht. Diese Meinung ändert sich nach Abschluss der Sanierungsarbeiten, wenn das Gebäude sich im neuen, alten Kleid zeigt. Die vormals Kritiker äußerten sich dann: ,Es wäre doch schade gewesen, wenn man das Haus abgebrochen hätte’. Und damit ist die Sache für sie erledigt. Hätte man diese Meinung umgesetzt, gäbe es nicht mehr die Fachwerkhäuser, die wir nach 1974 saniert haben, auch nicht das heutige Buchen.

Keine Atmosphäre

Für alle Gebäude hätten wir vom Denkmalamt eine Abbruchgenehmigung bekommen und hätten aber dabei der Stadt Identität genommen, denn Neubauten im heutigen Stil bringen keine Identität und keine Atmosphäre. Ensembles wie der Eingang zur Kellereistraße von Hettingen her mit den beiden Häusern der Volkshochschule, dem Altenwohnstift und der Erneuerung der Stadtmauer im Bereich des Josef-Martin-Kraus-Platzes mit dem Einbau von Wohnungen in die dort vorhandenen Scheunen, oder das viel fotografierte Straßenbild Café Riesen, Schuhhaus Farrenkopf, Sanitätshaus Beyer, Schuhhaus Haag und Metzgerei Herkert, das gäbe es nicht, nur um eine paar Beispiele zu nennen.

Wenn ich die Buchener recht beobachte, sind sie doch stolz auf ihre historische Altstadt. Die gäbe es aber nicht, wenn wir dem Druck der Öffentlichkeit nachgegeben hätten. Ich erinnere nur an den Betonklotz, der anstelle des Areals Riesen/Farrenkopf bis zur Bäckerei Müller geplant war.

Für uns war der Satz von einem der bekanntesten Architekten der Nachkriegszeit, Josef P. Kleihus, wegweisend. Er sagte einmal: ,Die alte Bausubstanz ist das Gedächtnis der Stadt, das uns an die Vergangenheit erinnern muss. Eines muss auch jedem Verantwortlichen klar sein, dass mit jedem Gebäude, das abgerissen wird, die Stadt ärmer wird.’ Buchen darf seine Identität nicht verlieren und muss von seiner baulichen Anlage her immer als Buchen erkennbar sein. Die ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth sagte einmal: ,Neubauten bringen keine Atmosphäre, aber der Bürger hat ein Recht auf Atmosphäre, die lassen wir uns von noch so anerkannten Fachleuten der Stadtplaner und Denkmalpfleger nicht nehmen’. Sie ließ ein nach dem Krieg errichtetes Quartier, das Dom/Römer-Viertel, abreißen und im alten Stil, wie vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, wieder aufbauen – gegen die Auffassungen der Denkmalpfleger und der großen Architekten. Diese diffamierten diese Entscheidung mit den Worten: ,Frankfurt, zurück ins Mittelalter’. Die Bürgerschaft gibt aber Petra Roth recht.

Mit Entsetzen habe ich die Entscheidung des Gemeinderates in der Sitzung am 13. Dezember vernommen, dass die Gebäude in der Obergasse, einschließlich der Scheunen, nun endgültig abgebrochen werden sollen, auch die Scheunen mit der Stadtmauer als Außenmauer. Damit wird ein städtebauliches Kleinod unwiederbringlich vernichtet. Mit dem Klösterle und dem Klostergärtle, dem Areal mit dem kleinen Innenhof, hätte dies ein einmaliges Kulturzentrum werden können, das weit und breit seinesgleichen gesucht hätte. Wer Fantasie besitzt und etwas für die Atmosphäre einer alten Stadt übrig hat, wird leicht erkennen, dass das Ensemble um das Klösterle ein besonders schöner Altstadtwinkel ist. Vorgesehen hatte ich dort ein Kulturzentrum mit dem Klösterle als zentralen Ort. In den beiden Scheunen hätte ein Ausstellungsraum Platz finden können. Die übrigen Gebäude sollten entkernt werden, um entsprechende Räumlichkeiten zu schaffen für die Unterbringung des Völkerkundlichen Museums Dr. Hefner und Malerstuben für Bilder von Wilhelm Emelé, Prof. Schnarrenberger, Ludwig Schwerin, Prof. Brand, Elisabeth Gegenbaur, für Vater und Sohn Tschamber und für die Mitglieder der Hollerbacher Malerkolonie. Ebenso mit Arbeiten der drei ungarischen Barone von Somogy, Paluschy und Szbeni, die nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend in Buchen beziehungsweise in Bödigheim eine neue Heimat fanden. Auch Arbeiten von Gertrude Reum, Werner Zeh und auch von Robert Frank und Davor Manovic hätten dort Platz gefunden. Das wäre in meiner Amtszeit geschehen, doch sie ging zu Ende, bevor ich diese Vorstellungen umsetzen konnte. Buchen hat wenig herausragende, baulich historische Ensembles. Deshalb ist größte Sorgfalt und Beachtung geboten. So sind an den Gebäuden in der Obergasse die letzten Buchener Stäffele noch im Original halten.

Bereits 2009 befasst

Bereits im Jahre 2009 hat sich der Gemeinderat mit dem dortigen Areal befasst. Es war seiner Zeiten schon zu erkennen, dass man den Abbruch plant. Von einer Baufälligkeit war noch nicht die Rede. Die Entscheidung des ATU vom 16. September 2009 für den Abbruch dieses Areals war für mich Anlass, die Dokumentation ,Unser Buchen, eine liebenswürdige Stadt sanieren und bewahren: Aufgabe und Verpflichtung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft’ zu fertigen. Meine Empfehlung für den Erhalt dieses Areals vor zehn Jahren war: Wenn schon kein Geld für die Sanierung vorhanden ist, dann empfehle ich den Verantwortlichen: Überlasst die Sanierung denen, die nach euch kommen. Nehmt das Geld, das man für den Abbruch und die Folgemaßnahmen aufwenden müsste und stabilisiert die Gebäude. Habt diese Größe! Auch für das Stadtbild kann etwas getan werden, damit die Stadt nicht mit dem Zustand der Städte in der ehemaligen DDR unmittelbar nach der Wende verglichen wird. Mit wenig Aufwand kann man die Fassaden streichen und die Dächer in Ordnung bringen. Das Zunageln von Fenstern kann nicht die Lösung sein. Hier kann ich der Buchener Bevölkerung nur empfehlen: Rettet unsere Altstadt vor der Abrissbirne. Man hätte die Gebäude mit wenigen Mitteln standsicher machen können. Geschehen ist offensichtlich nichts. Der Betrag, den man jetzt für den Abbruch der Gebäude und die Ordnungsmaßnahmen aufwenden muss, hätte für die Sicherung ausgereicht. Was wird bleiben: Ein Loch! Auch ein baufälliges Gebäude kann man wieder standsicher machen.

Auch wir sind an Abbrüchen von baufälligen Gebäuden nicht vorbeigekommen. Wir haben aber für jeden Abbruch eine Wiederbebauung vollzogen, zum Beispiel die Wiederbebauung der Fläche der Bauernhöfe Schönit und Lemp mit dem Altenwohnstift des Spitalfonds, die Bebauung der Kaiserstraße beiderseits, dort gab es nur Scheunen, jetzt 24 Wohnungen, oder die östliche Seite der Linsengase.

Ideenwettbewerb

Auch die Stadtmauerbebauung im Bereich der Schüttstraße, die Neubauten auf der nördlichen Seite der Haagstraße mit Parkdeck, die nördliche Seite der Vorstadtstraße, das ehemalige Gasthaus „Krone“ und der „Ochsen“ seien genannt. Die Bebauung des Lohplatzes wurde 1995 mit einem städtebaulichen Ideenwettbewerb vorbereitet. Dass man die Gebäude in der Obergasse dem Abbruch preisgegeben hat, ist unverzeihlich, wenn man an die historische Altstadt denkt. Die Verantwortlichen müssen sich fragen lassen, ob sie dies verantworten können. Hat die ,Alte Stadt’ noch einen Anwalt? Ich sehe ihn nicht! Zu meiner Zeit war es der Gemeinderat. Wie geht es weiter? Erleiden zum Beispiel das Alte Spital und das Doppelhaus Nr. 27 und 29 in der Hochstadtstraße das gleiche Schicksal? Es ist zu befürchten. Quo vadis Buchen?“

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