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66 Jahre FG „Getzemer Narre“ Mit dem Ziel der Erhaltung einer seit langem gepflegten Tradition gründete man im Jahre 1954 in Götzingen eine Fastnachtsgesellschaft

Bewegte und erfolgreiche Vereinshistorie

Götzingen.„Weiber, Glück und Gold sind dem Narren hold sagt man, also kann es doch nichts Klügeres geben, als eben ein Narr zu sein?“, ironisierte einst der Satiriker und Kritiker Moritz Gottlieb Saphir. Freilich ist das Leben nicht so einfach, doch Narrentum und Fastnacht können durchaus Leben und Alltag etwas erleichtern und auflockern. Und das sollte man in gebotenem Maße gerne auch nutzen. In diesem Sinne und verbunden mit dem Ziel der Erhaltung einer seit langem gepflegten Tradition gründete man im Jahre 1954 in Götzingen eine Fastnachtsgesellschaft. Zuvor wurde die „Getzemer Faschenoacht“ unorganisiert und auf weitgehend privater Basis als Brauchtum gepflegt. Also seit nunmehr sechs mal elf Jahren sorgt nun die FG „Getzemer Narre“ für die Wahrung dieses Brauchtums und organisiert das inzwischen allerdings deutlich veränderte Geschehen während der närrischen Kampagnen.

Anlässlich ihres 66-Jahr-Jubiläums darf die FG „Getzemer Narre“ auf eine bewegte und erfolgreiche Vereinshistorie zurückblicken. Zwar liegt der Ursprung der Fastnacht in Götzingen noch weitgehend im Dunkel der Geschichte, doch ist es überliefert, dass dieser Brauch seit vielen Generationen gepflegt wurde. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Namensgebung der Gesellschaft. „Getzemer Narre“ wählten die Gründerväter 1954 als Namen für den Karnevalsverein, der dann später in Fastnachtsgesellschaft umbenannt wurde. Immer wieder kommen beim Befassen mit der Vereinsgeschichte Fragen auf wie: Warum „Getzemer“ und nicht „Götzinger“? Warum „Getzi“ und nicht „Götzi“? Oder auch warum gerade Narren?

Die Antworten auf diese Fragen sind für Außenstehende meist etwas verblüffend. Das „e“ geht zurück auf die ursprünglichen Schreibweisen des Dorfnamens wie beispielsweise Gezenkeim (1256, erste urkundliche Erwähnung) oder Getzingen (1347) oder Getziken (1554) und hat sich in der mundartlichen Bezeichnung interessanterweise bis heute erhalten. Das „ö“ im Dorfnamen erscheint erstmals im Jahre 1592 auf einer Jagdgrenzkarte des Erzstiftes Mainz, welche die wohl älteste bildliche Darstellung von „Götzigen“ enthält. Die Bezeichnung Narren geht keineswegs, wie es naheliegend erscheint, auf den Narr oder Possenreißer zurück, sondern gründet vielmehr in einer Eigenart der Götzinger – oder besser „Getzemer“ – nämlich einer Charakterisierung durch die Nachbargemeinden, denen ein ganz spezielles „Närrisch-Sein“ in Götzingen auffiel.

Nie mit Reichtum gesegnet

Die Einwohner, Bauern und Handwerker, waren nie mit Reichtum gesegnet, aber sehr strebsam und fleißig bemüht, durch Zu-verdienste ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Möglicherweise haben sie das gar auch etwas übertrieben, denn in den Nachbargemeinden lächelte man über die „Getzemer Narren“ und reimte ironisierend über sie: „Die Getzemer Narre, schiebe selbst ihr’n Karre, schiebe ‘n nuff d’ Höi (Höhe) und fange Flöi (Flöhe)!“. Schon in einer Urkunde aus dem Jahre 1597 berichtet der Chronist seinem Fürsten unter anderem: „ . . . in diesem Ort spinnen beide Geschlechter, jung und alt, machen meistentheils das Thuch dann selber, verkaufen es; so suchen sich die meisten Leute durch spinnen so viel zu verdienen, dass sie ihre Abgaben bezahlen und auch ordentlich leben können . . .“ Hatten die Nachbarn also Recht? Selbstkritisch und realistisch sowie mit Humor arrangierten sich die Götzinger mit diesen Umständen. Dies dokumentiert ein Mundartgedicht von Rosa Bechtold über Petrus, der durch Wetterkapriolen zur Erntezeit die „Getzemer“ aufscheucht, sich an ihrer dadurch ausgelösten „Narretei“ ergötzt und dafür vom Herrgott getadelt wird. Da heißt es unter anderem: Mit eme heiliche Zoorn dut de Herrgott erscheine „Ja Petrus, ja Petrus, was fellt dir dann ei? Du duscht mir de Gehorsam verweichern? Glei muscht du do drei Doag ins Fechföer nei!“ Demütich sejcht de Petrus do: „Sofort gej i noab, lieber Herrgott verzeih’, i wäß was schi g’hört, äbber konn i ma Getzemer Noarre widder emol sähe, sou is mer des drei Doach Fechföer wert!“. Im Übrigen war Götzingen früher weit und breit als Kirschendorf des Baulandes be-kannt, daher hat man sich bei der Vereinsgründung dafür entscheiden, künftig über die Kampagnen als „Herzkerschehausen“ zu firmieren.

Über die Aktivitäten der Fastnachtsgesellschaft in den 66 Jahren liefern die zu früheren Jubiläen herausgegebenen sechs Festschriften recht ausführliche und zudem interessante Rückblicke in die Tradition der „Getzemer Faschenoacht“ vor der FG-Ära. Gar manches aus dieser Zeit ist schon etwas in Vergessenheit geraten oder auch den sich ändernden Zeitläufen zum Opfer gefallen. So beispielsweise das nur in Götzingen früher übliche Fitzeln oder Peutschen junger Mädchen mit Birken- oder Weiden-Ruten durch maskierte Burschen, das ihnen Fruchtbarkeit bringen sollte. Oder der Domino, ein einst für jede Getzemer Familie obligatorisches Kostüm, das heute kaum noch anzutreffen ist.

Reines Männerfest

Interessanterweise war die „Faschenoacht“ einst ein reines Männerfest, Domino und Masken wurden früher ausschließlich von Männern getragen. Die Frauen spielten damals eine passive und beobachtende Rolle, was sich natürlich deutlich verändert hat. So ist auch das Schnorren der Maskierten durch die Häuser, ausschließlich dort, wo sich Frauen und Mädchen versammelt hatten, oder die ehemals sechs Gasthäuser „Goldene Bretzel“, „Adler“, „Engel“, „Lamm“, „Schwanen“ und „Deutscher Hof“ inzwischen ebenso Geschichte wie der Strohbär, das Teufelsrad oder das Narrenschiff. Dafür sind heute neuzeitliche Veranstaltungen wie Prunksitzung, Bälle, Kappenabend oder Narren-Dance-Night aktuell. Die Historie der „Getzemer Faschenoacht“ und speziell der Fastnachts-gesellschaft liest sich jedenfalls interessant und präsentiert sich abwechslungsreich.

Ja, es war also 1954 schon eine ganz bewusste Namenswahl, der Name ist heute in Fastnachtskreisen ein Begriff. Und bis heute ist allen Veränderungen zum Trotz die „Getzemer Faschenoacht“ ein wichtiger Aspekt im Jahresverlauf. So steigen die „Getzemer Narre“ in ihre 66-er Jubel-Kampagne, die unter dem Motto steht „Jubiläum – mir losse’s krache! Segsch mol elf Johr – kaum zu fasse!“, ein mit einem Jubiläumsumzug am 11. Januar durch Herzkerschehausen. Er startet um 14.71 Uhr am Ortsausgang nach Sindolsheim unter dem Slogan „66 Jahre Getzemer Narre“ und wird zum Abschluss bei der Turn- und Festhalle in eine stimmungsvolle „After-Ümzuch-Party“ in der Halle sowie dem Areal „drümrüm“ ausklingen.

Weitere Höhepunkte der Jubiläumskampagne in Götzingen stehen dann mit der Prunksitzung (25. Januar), der Narren-Dance-Night (1. Februar), der Kinder-Fastnachts-Party (9. Februar), dem TSV-Kappenabend (15. Februar), dem MGV-Jägerball (22. Februar) dem Gänschmarsch (23. Februar), dem Rosenmontagsumzug (24. Februar) und der Herzkersche-Tanzgaudi (29. Februar) auf dem närrischen Programm. jm

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