Boxberg

„Wie kann Gott das zulassen?“

Archivartikel

Morgens schlägst du die Zeitung auf. Kaffeetasse auf dem Tisch. Alles wie immer.

Doch die Schlagzeile, die du da liest überrascht dich – zumindest ein wenig: Seit dem Morgen herrscht Krieg.

Du liest – gespannt, nicht unbedingt erschüttert. Zustimmend oder ablehnend. Vielleicht mit der Ahnung, dass du an diesen Tag noch einmal zurückdenken wirst.

Aber für den Moment bleibt alles, wie es ist. Der Krieg ist weit weg. Die Menschen, die darin sterben, kennst du nicht.

Schlimm, das da – aber was soll man machen? Du nimmst einen Schluck Kaffee und gehst deine Kinder wecken.

Erst später – erst zu spät – erkennst du, welches Leid diese Schlagzeile mit sich bringen sollte.

Für dich. Für die, die du liebst. Für Menschen in der ganzen Welt.Der weit entfernte Krieg kam näher und hat alles verschlungen.

80 Jahre ist es nun her. Am 1. September 1939 überfiel das Deutsche Reich Polen. Es folgte unvorstellbares Leid. Immer wieder und wieder mit der Frage verbunden: „Wie kann Gott das zulassen?“

Ich will glauben, dass damals bei weitem nicht alle begeistert waren. Dass viele noch den letzten Krieg vor Augen hatten.

Doch schon bald war der Zeitpunkt verpasst, noch etwas dagegen zu tun. Das deutsche Regime zog die Welt in den Abgrund und veränderte sie für immer. Zeitenwende.

Später haben wir es den Alten vorgeworfen. Dass sie damals nicht aufgestanden sind. Von ihrem Frühstückstisch. Oder schon früher. Dass sie den Moment verpasst haben. Die Lügen geglaubt haben. Einfach weitergemacht haben. Nur gefragt haben: „Wie kann Gott das zulassen?“

Und meistens haben die Eltern und Großeltern geantwortet: „Ein Einzelner konnte nichts dagegen tun.“

Und heute? Es herrscht kein Krieg in unserem Land. Schon sehr lange nicht mehr. Welch ein Segen.

Und dennoch liegt wieder Zeitenwende in der Luft. Neue politische Parteien erlangen zunehmend an Bedeutung.

Aber vor allem wird immer klarer: Die Klimakatastrophe rückt näher und näher. Noch sind es Schlagzeilen. Ein heißer Sommer. Schmelzende Gletscher.

Noch scheint das alles weit weg. Noch kann ich am Frühstückstisch sitzen, die Zeitung aufschlagen und denken: Schlimm, das da – aber was soll ich machen? Hoffentlich wird es nicht so schlimm.

Ich höre heute oft, ein einzelner könne kaum etwas ausrichten. Und jeder Versuch wird hämisch belächelt.

Aber vielleicht, denke ich mir, lese ich schon morgen die Schlagzeile, an die ich mich in Jahren zurückerinnern werde, als den Punkt, an dem ich zum letzten Mal die Chance hatte, etwas zu ändern.

Dann, wenn es zu spät ist. Dann, wenn wieder alle fragen: „Wie kann Gott das zulassen?“

Pfarrer Philipp Hocher, evangelische Kirchengemeinde Boxberg-Wölchingen