Boxberg

Besonderes Sicherheitstraining Lkw-Fahrer testeten auf dem Parcours des Bosch-Prüfzentrums Extremsituationen

Mit dem 40-Tonner durch den Slalom

Archivartikel

Sicherheit im Straßenverkehr ist für alle Fahrzeuglenker wichtig. Mit einem speziellen Training auf dem Oval des Bosch-Prüfgeländes erhielten Lkw-Fahrer viele hilfreiche Tipps.

Boxberg. Die roten Pylonen für den Slalom stehen aufgereiht hintereinander. Respekt vor der Aufgabe, aber auch genug Neugierde auf die Grenzen ihrer Lkw haben die 16 Fahrer der Krautheimer Spedition Rüdinger. Zusammen mit einem Instruktor von Driving Concept werden sie einen Tag lang die acht Fahrzeuge „auf Herz und Nieren“ für den Straßenverkehr testen. „Um im Ernstfall die richtigen Entscheidungen zu treffen“, wie Instruktor Rainer Krewinkel von Driving Concept in Boxberg erklärt. Denn auf dem Parcours werden auch falsche Aktionen verziehen, im Straßenverkehr nicht unbedingt. Und daraus könnten die Männer viel lernen. Das ist ebenso die Zielrichtung von Firmengründer Armin Eckl: unter professioneller Betreuung das eigene fahrerische Können im Blick zu haben.

Theorie aufgefrischt

Zunächst einmal wird die Theorie aufgefrischt: Bremsweg und Anhalteweg, Untersteuern und Stabilität. Für die Speditionsmitarbeiter sei dies nicht allein eine wichtige Fortbildung, erklärt Thomas Zach, Fuhrparkleiter bei Rüdinger. „Sie sollen auch Spaß haben und mal mit dem Lkw das ausprobieren, was auf der Straße natürlich nicht geht.“

Dann geht es auf die Strecke. Slalom ist angesagt – mit einem kleinen Lkw, einem Zwölf-Tonner und auch einem 40-Tonner. „Im Ernstfall rasch reagieren und ausweichen können“, ist die Devise, die Rainer Krewinkel ausgegeben hat. Möglichst schnell mit möglichst wenig Lenkbewegungen sollen die Brummifahrer den Parcours bewältigen. „Da darf auch mal der Reifen quietschen“, sagt der Instruktor. Aber: Kontrolliert muss das Lenken sein. „Sonst landet ihr mit dem Auflieger im Kartoffelacker neben der Fahrbahn“, scherzt er. Mit 45 Stundenkilometer ist der Slalom-Parcours für alle gut zu meistern. Die „Hütchen“ bewegen sich nicht. Anders sieht es bei höheren Geschwindigkeiten aus.

Es wird viel gelacht an diesem Tag auf dem Oval des Bosch-Prüfzentrums. Für die Lkw-Fahrer und auch für die Firma Rüdinger ist das eine Win-win-Situation. „Die Mitarbeiter lernen so die Grenzen ihres Fahrzeugs kennen“, erklärt Zach, der 180 Fahrzeuge und rund 200 Mitarbeiter betreut. Krewinkel ergänzt, dass die Fahrer so ein Gefühl dafür bekommen, was sie ihrer Maschine und den Reifen abverlangen können. Und die Männer loten mit Begeisterung genau diese Bereiche aus. Das Sicherheitstraining sei ein Modul von mehreren, um sich stets weiterzubilden. Auch auf die Reifenkunde werde ein großes Augenmerk gelegt, so Zach.

Jeder ist mit dem Lkw vor Ort, mit dem er auch im Arbeitsleben ständig unterwegs ist. Um optimal lenken zu können, ist die richtige Sitzposition wichtig. „Beim Bremsen muss im Bein ein Winkel entstehen, die Arme sind ebenfalls leicht angewinkelt und greifen in der Viertel-vor-Drei Stellung am Lenkrad“, erklärt der Instruktor. Lässig nur mit einer Hand gehe gar nicht. Auch der Sitz muss möglichst gerade sein, da man sich beim Bremsen „abdrückt“. Ob man so ein Gefährt auch umwerfen kann, wollen die Teilnehmer wissen. „Wenn mehrere unglückliche Faktoren zusammenkommen, kann dies unter Umständen passieren. Wobei die Fahrzeugentwicklung hier immer mehr mit verschiedenen Fahrassistenzsystemen gegensteuert“, macht Krewinkel deutlich. Bei einem rutschigen Belag sei trotzdem Vorsicht geboten.

Danach stehen Kurvenfahren und vor allem Kurvenbremsen für die 16 Lkw-Lenker des Krautheimer Unternehmens an. Ein Platzregen setzt ein und sorgt für eine zusätzliche Herausforderung. Für die Speditionsmitarbeiter ist das gewünschte kontrollierte Untersteuern ohne Sicherheitssysteme wie ABS oder EPS eine spannende Erfahrung. Sie simulieren das zu schnelle Abfahren von einer Autobahnausfahrt.

Krewinkel erklärt die Gründe für ein eventuelles Untersteuern in der Kurve und erarbeitet mit den Fahrern die nötigen Gegenmaßnahmen, um auch hier schnellstmöglich das Fahrzeug unter Kontrolle zu bekommen. „Dann macht der Kamerad auch wieder, was ihr wollt.“

Extremsituationen simuliert

Auch für das Bremsen in der Kurve hat der Instruktor, der selbst viele Jahre „auf dem Bock gesessen war“, einige Tipps. Das Fahrzeug werde vorne eintauchen. Um dann ein Ausbrechen zu verhindern, müsse der Fahrer über ein unter Umständen schnelles Lenken wieder die Kontrolle erhalten. Das A & O sei dabei die Blicktechnik: „Wohin ich schaue, dahin lenke ich auch.“

Aufschlussreich ist für die Brummifahrer vor allem das Bremsen auf nasser gerader Fahrbahn. Die Strecke bis zum völligen Stillstand unterschätzt jeder. Krewinkel lässt die Fahrer raten. Rund 70 Meter vermuten sie bei einer Geschwindigkeit von 70 Stundenkilometern. Tatsächlich sind es mindestens 90 Meter, einige lassen sogar die roten Pylonen an der 100-Meter-Marke „fliegen“. „Ein Fußgänger, der schnell noch über die Straße huschen wollte, wäre jetzt wohl tot“, betont der Instruktor und ergänzt, dass gerade die Fußgänger den Bremsweg eines Sattelschleppers nicht richtig einschätzen.

Die 16 teilnehmenden Fahrer der Spedition Rüdinger haben jede Menge Spaß bei ihrer Fortbildung. Das Grinsen will gar nicht mehr aus den Gesichtern weichen. So finden sie ihren Arbeitstag einfach klasse. Und sie hoffen, dass sie das Gelernte so selten wie möglich anwenden müssen.