Boxberg

Chronik Pfarrer Rudolf Bauer dokumentierte die Ereignisse im Main-Tauber-Kreis von vor 75 Jahren / Vom Bangen in den letzten Kriegsmonaten

„Hitler tot – hoffentlich gibt es Frieden“

Archivartikel

Minuziös vermerkten die Pfarrer der Region das Ortsgeschehen in ihren Verkündungsbüchern. Heute sind sie einer der wichtigsten Zeitzeugenberichte.

Kupprichhausen. Das Kriegsende vor 75 Jahren wurde manchmal auch in Kirchenbüchern beschrieben. Pfarrer Rudolf Bauer hat in den Verkündbüchern der katholischen Pfarrei Kupprichhausen, damals auch für Uiffingen und Lengenrieden zuständig, folgendes notiert (Zeitraum Dezember 1944 bis 9. Mai 1945):

4. Dezember 1944: „Am 30. November wurde ein Zug von Osterburken nach Lauda beschossen, auch in Lauda. Unter den Toten ein Mädchen von hier. Auch ist man auf dem Felde nicht mehr sicher, da auch auf einzelne Personen geschossen wird.“

5. Dezember 1944: „Feindliche Flieger über uns, Bomben fallen und Maschinengewehre waren zu hören. Die Bomben fielen nahe Uiffingen und Gräffingen. Ziel war wohl der Bahnhof. Auch ein Zug wurde beschossen, Lok kaputt, Bahnwärterhaus nahe Gräffingen wurde zerstört.“

25. Dezember 1944: „Weihnachtfest, traurig, Feind steht am Rhein. Uiffingen hat von Karlsruhe 200 Flüchtlinge bekommen, Kupprichhausen 75. Täglich feindliche Flieger.“

1. Januar 1945: „Noch nie mit größerer Sorge das Jahr begonnen. Was kommt? Heilbronn wurde zerstört.“

4. Februar 1945: „Der Mangel an Kerzen wird immer größer, es dürfen keine Kerzen mehr für Kirchen hergestellt werden.“

11. Februar 1945: „Uiffingen hat wieder einen Toten zu beklagen. Alois Landwehr, Sohn des Schrankenwärters zu Gräffingen, 23 Jahre, gefallen an der Westfront.“

20. Februar 1945: „Am Abend ging eine feindliche Luftmine bei Boxberg nieder. Viele Dächer in Wölchingen abgedeckt.“

26. Februar 1945: „Heute ist wieder Schulunterricht. Jedes Schulkind muss Holz und Kohle mitbringen.“

20. März 1945: „Amerikaner am Rhein. Reservesoldaten von dort werden ins Frankenland zurückbeordert. Auch hierher kamen 100 Soldaten. Kanonendonner ist zu hören, Schwärme von Fliegern täglich über uns. Würzburg total zerbombt.“

27. März 1945: „Der Rhein ist überschritten, Aschaffenburg und Miltenberg schon eingenommen. Täglich Truppen auf dem Rückzug durch unser Ort. Circa 800 gefangene Russen wurden gestern durchgeführt. Sie sind schon seit zehn Tagen unterwegs, manche können nicht mehr laufen und haben nur Lappen an den Füssen. 450 französische Gefangene kamen in der Nacht und wurden in den Scheuen untergebracht. Die ganze Front im Westen scheint in Auflösung. Trotzdem gibt die Regierung Befehl zum massiven Widerstand. In Heckfeld und auch hier sollen Verteidigungsgräben gezogen werden. Die Pferde werden beschlagnahmt, um die Bagage der Soldaten zu ziehen.“

29. März 1945: „Der allgemeine Verkehr häuft sich. Zurückweichendes Militär. Neue Einquartierung, jedes Haus, jede Scheune belegt. Keine Verpflegung vorhanden, es wird gebettelt um Brot.“

30. März 1945: „Karfreitag. Ständiges Kommen und Gehen. Die Amerikaner vor Buchen. Alle Soldaten sind mutlos und böse auf die Regierung, weil die kein Einsehen hat, dass der Krieg verloren ist.“

31. März 1945: „Karsamstag. Lage verschärft. Alle Soldaten von hier alarmiert und weggekommen. Heute früh kamen noch 100 indische Kriegsgefangene hier durch. Man erwartet die Amerikaner heute oder morgen hier. Hauptsache, dass kein Widerstand geleistet wird, sonst wird das Dorf noch zusammengeschossen. Mittags hörte man Maschinengewehrfeuer, dazwischen Artillerie. Deutsche Soldaten hatten sich im Wald versteckt und geschossen. Ständig kreisten Flugzeuge über uns. Die Bevölkerung versteckte sich in den Kellern. Es wurden weiße Tücher an den Fenstern angebracht.

Man hörte, dass der Amerikaner nach Heckfeld vorstieß. Auf einmal hieß es, sie kommen. Von Uiffingen kam um 21.45 Uhr ein Panzer, der zum Lindenplatz fuhr. Autos folgten, weitere Panzer von Ahorn. Die Häuser wurden nach Soldaten durchsucht, einige als Gefangene abgeführt.“

1. April 1945: „Ostersonntag. Die Nacht im Allgemeinen ruhig. Artillerie der Amerikaner schoss ab und zu gegen Ahorn. Alle einquartierten Soldaten verhielten sich ruhig. Der Gottesdienst war schlecht besucht, da von Lengenrieden und Uiffingen niemand kommen konnte. Das Geknatter der Panzer und Autos war so laut, dass man die Predigt kaum verstehen konnte.“

2. April 1945: „Ostermontag. Aufregung wegen Einquartierung für einige Tage. Mehr als zwei Menschen durften nicht auf der Straße zusammenstehen. Radios und Fotos mussten gemeldet werden. Den Ort nicht verlassen, nachts Ausgangsverbot.

In Heckfeld vier Gebäude abgebrannt, weitere beschädigt. In Königshofen wurde Widerstand geleistet, infolgedessen schossen die Amerikaner, beschädigten viele Häuser. Auch in Boxberg und Wölchingen Widerstand. Es sollen 40 Gebäude zerstört sein. Die Regierung gibt nicht auf, schrecklich.“

8. April 1945: „Weißer Sonntag. Großer Betrieb die ganze Woche auf der Straße. Ständiges lautes Rattern. Etwa 10 Häuser mit Amis belegt. Kein elektrisches Licht, keine Kerzen. 22 Erstkommunion-Kinder, die Kirche überfüllt. Während des Gottesdienstes reisen die Amis ab.“

23. April 1945: „Seit acht Tagen wieder Strom. Die Alliierten haben fast ganz Deutschland überzogen. Wo sich Widerstand zeigte, wurde alles zerstört. Unsere Regierung fordert weiter Widerstand. Die Russen stehen vor Berlin.

Es wird Zeit, dass wieder Normalität einkehrt. Die Jugend verroht zusehends. Gestern wurde ich Zeuge, wie sie geraucht haben, sogar ganz junge.

Da derzeit keine Milch und Fleisch abgeliefert werden kann, geht es der Bevölkerung relativ gut. Jedoch herrscht in den Städten große Hungersnot. Der Bahnverkehr ruht vollständig, ebenso Post und Telefon, so dass man gar nichts erfährt.“

3. Mai 1945: „Wir haben zu früh gejubelt. Gestern kamen circa 80 Amerikaner und beschlagnahmten 16 Häuser, die Bewohner mussten ausziehen, alles zurücklassen. Das Vieh dürfen sie morgens und abends versorgen. Ab 19 Uhr bis morgens 7 Uhr Ausgangssperre. Zweimal in der Woche ist Mai-Andacht erlaubt. Ein Gerücht ist da, dass Hitler tot ist. Hoffentlich gibt es jetzt Frieden.“

7. Mai 1945: „Gott sei Dank, unser Dorf ist wieder frei von Amis. Es war ein unerfreulicher Zustand, die Leute mussten auf engstem Raum miteinander leben.“

9. Mai 1945: „Frieden. Endlich! Heute, eine Minute nach 12 Uhr, werden die Waffen niedergelegt. Bedingungslose Kapitulation, man kann sich noch kein Bild machen.“