Boxberg

100 Jahre Bahnhofseröffnung Uiffingen Langersehnter Wunsch hat sich erfüllt / Doch nach 65 Jahren ging die Ära wieder zu Ende

Großereignis 1920 gebührend gefeiert

Archivartikel

Vor gut 100 Jahren feierten die Uiffinger ein großes Fest: Am 1. Juni 1920 wurde die Bahnhof-Haltestelle Uiffingen eröffnet. Damit war ein lang ersehnter, zäh erkämpfter Wunsch in Erfüllung gegangen.

Uiffingen. Die Ortschaft war endlich gleichberechtigt – alle anderen Gemeinden an der Bahnlinie Heidelberg-Würzburg hatten schon ihren Bahnhof. Bereits in den 1850er Jahren hatte Uiffingens Bürgermeister Keller den Amtsbezirk Boxberg im „Spezialcomité“ für den Eisenbahnbau durch den Odenwald vertreten. Voller Energie hatte er sich für die Schienenführung durchs Umpfertal eingesetzt.

Doch als es an die Trassenplanung ging, stellten sich viele Uiffinger quer. Hätte die Bahn nicht sogar mitten durch die Ortschaft dampfen sollen? Lag es am schwierigen Gelände oder am örtlichen Widerstand? Jedenfalls führte die Trasse schließlich von Eubigheim im Bogen über Gräffingen und an Uiffingen eher vorbei.

Der bauleitende Ingenieur, von den Verhandlungen mit den Bauern sihtlich genervt, soll gesagt haben, „er werde dafür sorgen, dass Uiffingen seinen Lebtag keinen Bahnhof erhalte“. Als dann ab 1866 die Züge auf der Odenwaldlinie Heidelberg – Würzburg fuhren, ging Uiffingen leer aus.

Fünf Gesuche eingereicht

In den Jahren 1863 bis 1874 richtete die Gemeinde, unterstützt von Nachbarkommunen, fünf große Gesuche an Regierung und Landtag. Uiffingen verwies auf seine große landwirtschaftliche Bedeutung: 500 Stück Hornvieh, 500 Schafen, eine Jahres-Produktion von 150 Ohm Wein und 80 000 Maß Bier – alles vergeblich. Immer wieder hieß es, die Extrakosten für eine Station seien zu hoch, das Gefälle auf der Strecke zu groß, es könne kein Zug halten.

Mittlerweile hatte Boxberg sein Bezirksamt an Tauberbischofsheim verloren – nach mehreren Petitionen 1898 wieder zurückgewonnen. Nach langer Pause reichte nun auch Uiffingen neue Bittgesuche ein, ab 1902, verfasst von den örtlichen Pfarrern.

Die Landtagsabgeordneten Klein, später Leiser und Hertle, unterstützten die Bitten. Der Landtag überwies sie empfehlend an die Regierung, aber die verwies weiter auf die zu große Steigung bei Uiffingen.

1907 kam die Bitte, wenigstens abwärts fahrende Züge halten zu lassen – worauf das Ministerium erwiderte: Uiffingen wolle dann auch aufwärts haltende Züge. Es folgten weitere Petitionen für die einseitige Haltestelle. Im Juni 1914 befürworteten die Landstände sogar eine Haltestelle bei Gräffingen.

Während des Ersten Weltkriegs sah man viele Züge, aufwärts und abwärts fahrende, die bei Uiffingen hielten, und alle ohne Schaden weiterfuhren. Nach dem Krieg wandte sich die Gemeinde erneut über die Landtagsabgeordneten an die Regierung. Diesmal mit Erfolg: Im Mai 1919 beauftragte Karlsruhe die Eisenbahnbauinspektion in Lauda mit der Errichtung der Haltestelle Uiffingen, und zum Sommer 1920 wurde sie eröffnet. Die Ortschaft wurde endlich wie alle anderen Bahngemeinden bedient.

Im evangelischen Gemeindeblatt „Die Heimat“ (Ausgabe September 1920) finden sich drei Beiträge über die Bahnhofseröffnung. Es auszugsweise der Artikel von Uiffingens Pfarrer Arthur Thiel zitiert. Nach einer sehr poetischen Schilderung des 29./30. Mai beschreibt er den „ersehnten 1. Juni 1920“:

„Die Schuljugend zog gleich am frühen Morgen das Feiertagsgewand an, festlich geschmückt und mit Blumen bekränzt wanderte sie gegen Eubigheim. Etwas später zogen auch des Dorfes würdige Väter gemessenen Schrittes diese Straße. Wo wollt ihr denn heute an eurem Festtage hingehen, hörte man unterwegs fragen. Wir wollen die Freude genießen, heute mit dem Festzuge in unsere eigene Station einzufahren, lautete die Antwort.

Es schlug Mittag. Von Heidelberg her kam der Zug. Mit lautem ,Ui’ empfingen ihn die Uiffinger Kinder. Die Lokomotive ward mit einem großen Kranze geziert. Ein Pfiff – und es begann die unvergessliche Fahrt. Der erste Gruß auf eigener Gemarkung ward uns vom Gräffinger Hof zugewinkt. Schneller fuhr der Zug, da es nun abwärts ging, die Bremsen zogen an, der Zug hielt und zum ersten Male scholl es uns aus Schaffners Munde zu ,Uiffingen aussteigen’.

Festgäste versammelt

An dem neuen von fleißigen Mädchenhänden geschmückten Bahnhof hatten sich bereits die Festgäste und die Gemeindeglieder versammelt. Die Feier begann mit einem frischen herzerfreuenden Wanderlied der Schulkinder. Dann eröffnete Herr Oberbauinspektor Leusler im Namen der Reichseisenbahnverwaltung die neue Haltestelle. Sein Hoch galt dem Blühen, Wachsen und Gedeihen der Gemeinde Uiffingen.

Im Namen der Gemeinde dankte der Ortspfarrer allen, die mitgeholfen haben, der Gemeinde diesen Festtag zu ermöglichen, besonders den Landtagsabgeordneten, der Eisenbahnbauinspektion Lauda mit ihrem ganzen Stabe und allen Bauleuten. Dann trat aus der Schar der jungen Mädchen Fräulein Anna Keller, eine Urenkelin des Bürgermeisters Keller, heraus und trug das Gedicht ,Zur Bahnhofseröffnung in Uiffingen’ vor.

Damit schloss die einfache, aber würdige Feier. Unter den Klängen der Musik setzte sich der Festzug nach dem Dorfe in Bewegung, wo im Badischen Hofe eine Nachfeier stattfand. Auch dieser Feiertag ist ins Meer der Ewigkeit untergetaucht. Aber die ihn miterlebt haben, sprechen: es war ein schöner Tag, der 1. Juni 1920, wir werden ihn niemals vergessen.“

Soweit Pfarrer Thiel. Doch erfreute sich Uiffingen nur 65 Jahre an seiner Haltestelle: Im Sommer 1985 wurden alle Nahverkehrszüge zwischen Lauda und Osterburken gestrichen, auch die Uiffinger Zughalte. Schon im Januar 1986 erfolgte der Abriss des Bahnhofs.

Dieser Schlag gegen den Bahn-Nahverkehr schädigt die betroffenen Gemeinden. Heute wird die früher gleichversorgte Bahnlinie Heidelberg – Würzburg sehr unterschiedlich bedient. Zwischen Heidelberg und Osterburken fährt die S-Bahn im Halbstundentakt, zwischen Lauda und Würzburg die Regionalbahn im gesicherten Stundentakt. Derzeit hält die RB stündlich auch zwischen Lauda und Osterburken, aber nur an fünf Wochentagen, nur an vier (von früher neun) Haltestellen, nur „im vorläufigen Probebetrieb“. Es ist wohl noch ein langer, zäher Weg bis zur fairen Gleichbedienung der Bahngemeinden auch in diesem Abschnitt.