Boxberg

Gold der Liebe

Archivartikel

Ein neues Jahr hat begonnen. Auch in diesem Jahr ziehen alle Wege vom Morgenland zum Abendland durch die Wüste des Lebens.

In diesem Jahr stehen gleich zwei freie Tage hintereinander auf dem Kalender. Auf den ersten Sonntag im Jahr 2020 folgt am 6. Januar der Tag der Erscheinung des Herrn, der Epiphaniastag, an dem die Kirche im Matthäus-Evangelium die Geschichte von Weisen aus dem Morgenland bedenkt. Im Urtext steht da Magos. Das ist Persisch oder Babylonisch. Die Weisen kommen vom Orient, wo die Gestirne und die Sonne über dem Horizont heraufkommen. Soweit der Text. Er bietet freien Raum für die menschliche Fantasie.

Mir haben es ganz persönlich immer die Geschenke angetan: Die Weisen brachten Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles! Das wusste Goethe.

Auch ich hänge daran. Eine staatliche Lotteriegesellschaft hat mir zu Weihnachten ein Los angeboten: Ich habe mir ausgemalt, was ich alles mit der gewonnenen Million machen würde, für wie viele Orgeln in welchen Kirchen das reichen würde.

Die Wirklichkeit steht in dem deutschen Wirtschaftsmagazin „Bilanz“. Die tausend reichsten Deutschen werden darin aufgelistet. Mit Geld kann man viel machen, es ist aber nicht immer die Lösung aller Probleme. Der Mensch ist zu Gutem und Bösem fähig. Das Problem beginnt schon mit den Weihnachtsgeschenken.

Unsere Zeitungen haben darüber berichtet: Neurologen empfehlen Eltern, sie sollten den Kindern weniger materielle Geschenke machen. Die Zeitschrift „Euro“, das Magazin für Wirtschaft und Geld, stellt immer auf der ersten Seite den Milliardär des Monats vor.

Das bringt die Politik auf den Plan, sie fordert die Reichensteuer. Das alles kennen wir. Die Bundesregierung lässt sich von den Weisen der Finanzwissenschaft beraten.

Wer berät uns? Die Heilige Schrift, das Matthäusevangelium im zweiten Kapitel: Die Weisen brachten alles, was sie hatten: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Die Amerikanerin Camille Croue-Friedmann spendete ihr ganzes Vermögen von 3,8 Millionen Dollar für die Basilika ihrer Heimatstadt St. Nikolas de Port bei Nancy in Lothringen. An der Außenmauer der Kirche verkündet eine Tafel davon. Das hat mich mehr beeindruckt als alle Wirtschaftswissenschaftler und Neurobiologen.

Dabei weiß ich natürlich auch, dass ich abhängig bin von einer Rente, welche arbeitende Menschen bezahlen müssen, die es unter Umständen schwer haben und die dieses schlaue Wort zum Sonntag nicht brauchen.

Aber auf den russischen Dichter Leo Tolstoi könnten wir hören: Im Himmel sagt der Engel an der Kasse: Sie haben die falsche Währung, im Himmel gilt nur das Geld, das man auf Erden verschenkt hat.

So ist es. Darum lasst auf der Reise durch die Welt zu Gott alles fahren, was uns beschwert. Das Gold der Liebe, den Weihrauch der Sehnsucht und die Myrrhe der Schmerzen wird er annehmen.

Heinz Raulf, evangelischer Pfarrer, Bobstadt