Boxberg

Erntedank 1960 Festlicher Umzug in der Gemeinde Wölchingen / Auch auswärtige Kommunen beteiligt

Farbenprächtig durch die Ortschaft gezogen

Archivartikel

1960 erlebte die Gemeinde Wölchingen einen prächtigen Erntedankfest-Umzug. Er gründete auf dem gewonnenen Philipp-Adam-Ulrich-Wanderpreis.

Wölchingen. Wer war Philipp Adam Ulrich (1692 bis 1748)? In Lauda geboren, Sohn eines begüterten Weinbauers in einem stattlichen Fachwerkhaus (heute Sitz des Laudaer Heimatmuseums). Ulrich studierte an der Juristischen Fakultät Würzburg. 1719 wird er vom Fürstbischof auf den Juristischen Lehrstuhl der Uni Würzburg berufen. Sein Auftrag: das fränkische Gewohnheits- und Landesrecht mit dem Römischen Recht in Einklang zu bringen. Bis 1739 ist er lehrender Professor beider Rechte.

Ackermethoden gesucht

Ulrichs Leidenschaft ist die Landwirtschaft – bereits geweckt durch Erfahrungen auf den Flächen in Lauda.

Ab 1734 sucht er bessere Ackermethoden und ertragreichere Futterpflanzen, um den Wohlstand der Bevölkerung zu heben. Dazu gehören: Anbau des „Türkischen Klees“ (Luzerne); die Königin der Futterpflanze wirkt bodenverbessernd, erlaubt mehr Futterbau, damit größere Tierhaltung; Reform der mittelalterlichen Dreifelder-Fruchtfolge (Winterung, Sommerung, Brache): statt Brache wird Luzerne angebaut; Förderung von Rotklee- und Kartoffel-Anbau; Konstruktion von arbeitserleichternden Maschinen und Geräten: Pflug- und Dreschmaschine („Strohmühl“), Milchgefäße für schnelleren Rahm, sparsamere Brennöfen.

Ulrich demonstriert auf Versuchsgütern den Erfolg seiner Reformen. Doch durch den Fürstbischof und Bürokraten erfährt er mehr Ablehnung als Förderung. Auch bei den Bauern findet er wenig Beachtung und Gegenliebe. Stattdessen muss er sich mit Nachbarprozessen herumschlagen. Erst nach Ulrichs Tod verbreiten sich seine Reformen. Bis 1800 setzen sich Luzerne- und Klee-Anbau im Frankenland durch; viele Dörfer können ihren Viehbestand verdoppeln und verdreifachen.

„Professor juris und ruris“ (Professor der Rechte und der Landwirtschaft), so lautet der Spitzname des Gelehrten, auch „Kartoffelheiliger“ und „Kartoffelprofessor“. Privat erlitt Ulrich schwere Schicksalsschläge: Binnen fünf Jahren verliert er seine Familie (Frau und beide Töchter). 1740 wird seine Mutter im Elternhaus in Lauda beim Kleesamen-Verkauf ermordet. Ulrich stirbt 1748 in Würzburg.

Zu seinem 200. Todestag stiftete Landrat Anton Schwan den Philipp-Adam-Ulrich-Wanderpreis als Fördermaßnahme für die Landwirtschaft. Es sollte ein „friedlicher Wettbewerb zur Schaffung eines fortschrittlichen Bauernstandes“ entstehen. Die Landkreis-Selbstverwaltung lobte ein jährliches Preisgeld aus, gedrittelt vergeben an je eine Gemeinde in den ehemaligen Amtsbezirken Wertheim, Tauberbischofsheim und Boxberg. Leistungsziele wurden jährlich festgelegt, wobei es Sofortziele (binnen Jahresfrist) und Dauerziele (zu erreichen im Fünf-Jahres-Zeitraum) gab.

Die Teilnahme am Wettbewerb war anfangs auf alle Gemeinden bezogen. Ab 1952 mussten sich die Gemeinden aktiv bewerben. Die Preisträger erhielten neben Preisgeld und Urkunde einen Ehrenwimpel, der ein Jahr lang in der Gemeinde blieb. Bei dreimal erfolgreicher Teilnahme durfte die Gemeinde den Wimpel ganz behalten (zum Beispiel bei Dertingen oder Schwabhausen). Die Preisübergabe erfolgte meist im Herbst. Den Wimpel sollte ein Jungbauer entgegennehmen, der „schwarze Stiefelhose, weißes Hemd und schwarze Krawatte“ trägt.

Im Schulbezirk Boxberg beteiligten sich die meisten Gemeinden eifrig und recht erfolgreich am Wettbewerb um den Wanderpreis. Wölchingen gewann zwei Urkunden: 1953 „für vorbildliche Leistungen . . . die besondere Anerkennung“ und 1959 „für hervorragende Leistungen“ den Wanderpreis selbst. Die Auszeichnung würdigte vor allem die Nebenerwerbssiedlung Kirchbergreben-Herrenberg und mehrere Aufforstungen.

Gleich drei Umzüge

Die Siegergemeinden veranstalteten im Folgejahr meist das Erntedankfest für den landwirtschaftlichen Schulbezirk. So fanden 1960 im Landkreis drei Festumzüge statt: in Brehmen (Bezirk Tauberbischofsheim), in Höhefeld (Bezirk Wertheim) und terminlich zuletzt am 2. Oktober 1960 in Wölchingen (Bezirk Boxberg). Auswärtige Gemeinden beteiligten sich am Umzug mit einem oder mehreren geschmückten Wagen. Die schönsten auswärtigen Wagen wurden prämiert.

Der Wölchinger Festzug begann mit Vorreitern, Unterschüpfer Fanfarenzug und dem stolz getragenen Wanderpreis-Wimpel. Motivwagen präsentierten das Wölchinger Wappen, die Namenssage (Totenwegsage) und die Reißholz-Sage. Nach den Ehrengästen (darunter Landrat Schwan) folgte die Landjugend Assamstadt mit einem Bändertanz um die Erntekrone. Kindergartenkinder präsentierten Themen wie „Bauer bin i!“ und zahlreiche Märchen. Schülerinnen zeigten in Kostümen eine farbenprächtige Blumenwelt. Den Wald stellten die Schüler in Gestalt von Jäger, Tieren, Pilzen, Sägern und Bäumen dar.

Den eigentlich landwirtschaftlichen Festzug führte Ilse Freudenberger mit dem Siegermotiv an: Der Herrnberg-Siedlungswagen zeigte zwischen den Schildern „Ernte 1950“ und „Ernte 1960“ modellhaft die Veränderung.

Wo früher Grashecken standen, waren nun Häuser, Autos, Gärten, Treppen. Darüber der Slogan: „Aus Ödland entstand die Nebenerwerbssiedlung“ – der Hauptgrund für den Preisgewinn.

Erika Wolfert führte ein kraftstrotzendes Kuhgespann mit Ackerwagen. Dahinter ging Kaspar Draxler als pfeiferauchender Sämann zu Fuß. Viele weitere Pferdegespanne, Traktoren und Fußgänger folgten mit landwirtschaftlichen Geräten und Motiven. Den Abschluss bildete das Pferdegespann mit der Erntekrone, Festmädchen und der aus Hagebutten erstellten Schrift „Danket dem Herrn“.

Auswärtige Festwagen und Musikgruppen folgten. Der Festzug führte vom Wölchinger Bahnhof zum Festplatz am Bürtlein. Dort trugen die Wimpel-Träger Klara Demmel und Karl Staubitz das Gedicht „Der Bauer“ vor. Der stolze Bürgermeister Willi Reichert begann seine feierliche Ansprache mit den Worten „Meine hochverehrten Festteilnehmer allesamt!“ – ein Höhepunkt in seiner Zeit als Gemeinde-Oberhaupt.

Der Wölchinger Erntedank-Umzug 1960 war der letzte große Fest-Umzug in der Geschichte der eigenständigen Gemeinde Wölchingen. Auch der Philipp-Adam-Ulrich-Wettbewerb fand bald ein Ende. Die letzte Preis-Verleihung fand wohl im Februar 1964 statt. Danach scheint der Wettbewerb eingeschlafen zu sein. Dies kann mit dem Tod von Landrat Schwan 1964, mit den veränderten Verhältnissen in der Landwirtschaft oder neu entstehenden Wettbewerben wie „Unser Dorf soll schöner werden“ zusammenhängen.