Boxberg

Kommunalpolitik In Boxberg entscheiden seit fünf Jahren ausschließlich Männer über die Geschicke der Stadt / Vera Herzog widerspricht Mobbing-Vorwürfen

Ein Gemeinderat ganz ohne Frauen-Power

Archivartikel

Wenn die Wahl zum Gemeinderat am 26. Mai stattfindet, steht im Vorfeld schon eines fest: In Boxberg sitzt wieder keine Frau im Gremium.

Boxberg. Wer einen Blick auf die beiden Kandidatenlisten für die Wahl der Boxberger Stadträte wirft, wird schnell erkennen: Im Umpfertal werden in der kommenden Legislaturperiode nur Männer im Gremium sitzen. Das war in den vergangenen fünf Jahren nicht anders. Laut Statistischem Landesamt gibt es in den 1101 Kommunen in Baden-Württemberg genau 26 ohne weibliche Mandatsträger. Boxberg ist eine von ihnen.

Doch warum lehnen die Frauen den Einsatz für die Stadt ab? Kein Interesse? Zu viele andere Aufgaben? Mit der Frage haben sich jüngst sogar überregionale Blätter beschäftigt und einigen Staub aufgewirbelt – denn die Boxberger fühlen sich als „rückständig“ und „frauenfeindlich“ diffamiert.

Neue Blickwinkel eröffnen

Vera Herzog ist die letzte Frau, die im Boxberger Stadtrat mitentschieden hat. Fünf Jahre lang, von 2009 bis 2014, hatte sie ein Mandat. Die einzige Frau in einer sonst nur aus Männern bestehenden Runde. Damit hatte sie nicht immer einen leichten Stand. „Wir Frauen müssen uns an die eigene Nase fassen“, meint die Betriebswirtin und ist überzeugt, dass frau besser netzwerken müsse. „Man braucht einfach Mitstreiter. Wenn drei oder mehr Frauen im Rat sind, ist vieles einfacher.“ Allein sei es sehr frustrierend gewesen, gibt die frühere Kommunalpolitikerin, die 2013 den Posten als Rathauschefin angestrebt hat, unumwunden zu.

Sie saß alleine im Gremium und hatte mit sozialen Themen wie Schulsozialarbeit, Mittagstisch oder Bürgerbus eigene Schwerpunkte gesetzt. „Dass Ältere, die nichts mit Schule zu tun haben, da nicht sofort anspringen, liegt ja in der Natur der Sache“, sagt Vera Herzog. Sie wollte neue Blickwinkel eröffnen. Daher hätte sie es als erstrebenswert gefunden, mehr Termine vor Ort mit dem Gremium zu haben, gerade was das Thema Schule anbelangte.

Gab es Mobbing, weil sie eine Frau ist? „Nein“, betont sie entschieden. „Das habe ich nicht erlebt.“ Auch persönliche Anfeindungen habe es nicht gegeben, erzählt sie. Warum es trotzdem aktuell keine Frau in den Gemeinderat zieht, darauf weiß auch sie keine Antwort. Viele Frauen seien in Vereinen, in Schule und Kindergarten engagiert. Und die andere Herangehensweise an Themen oder Aufgaben würde aus ihrer Sicht dem Gremium gut tun. „Aber die gleiche Frage könnte man auch bei Jung und Alt aufwerfen.“

Eine, die ihren Mann in der Riege der Boxberger steht, ist Karin Körner. Die Ortsvorsteherin von Kupprichhausen wird im Kreis der 13 Ortsvorsteher und im Gemeinderat respektiert. Da meldete sie sich oft zu Wort, macht ihre Meinung deutlich. Und die gelernte Schreinerin weiß sich durchzusetzen. „Es liegt nicht am Gemeinderat, es liegt an den Frauen selbst.“ Auch die 48-Jährige findet, dass Frauen im Rat andere Themen ansprechen. „Und die würden dann öfter im Gremium behandelt.“ Ein bisschen resigniert klingt sie schon, wenn sie anmerkt: „Was will man tun, wenn sich niemand meldet.“

Frauenquote nicht sinnvoll

Als sie vor fünf Jahren in die Kommunalpolitik eingestiegen ist, wollte sie eigentlich in den Gemeinderat. Weil man ihr aber die Position der Ortsvorsteherin so schmackhaft gemacht hatte, entschied sie sich anders. „Ich pflege mit dem Gemeinderat von Kupprichhausen, Frank Wagenblast, ein sehr gutes Miteinander.“ Alle Themen würden offen besprochen. „Und ich kann mich auch als Ortsvorsteherin mit Themen durchsetzen“, fügt sie mit einem Lächeln an. Schule und Kindergarten liegen ihr dabei besonders am Herzen.

„Ihr“ Ortschaftsrat ist übrigens fast paritätisch besetzt: Mit zwei Frauen und drei Männern. „Ich habe damals gezielt Frauen, und auch jüngere für die Arbeit im Ort angesprochen.“ Bei der Verwaltung habe man stets ein offenes Ohr für ihre Anliegen.

„Ich fühle mich wohl, sonst würde ich nicht weitermachen.“ Warum sie nicht für den Gemeinderat kandidiert? Für kleine Stadtteile wie Kupprichhausen steht nur ein Sitz zur Verfügung. Mit dem Modell Gemeinderat-Ortsvorsteherin habe man zwar nur eine Stimme, aber mehr Möglichkeiten, den Ortsteil zu vertreten. Eine Frauenquote lehnt Karin Körner kategorisch ab. „Was soll das bringen, wenn die Leute nur deswegen im Gremium sitzen? Man muss das aus Überzeugung und mit Leib und Seele machen.“

Kritik am Umgang miteinander

Mit Leib und Seele war auch Waltraud Herold aus Schweigern in der Kommunalpolitik aktiv. 20 Jahre Gemeinderat, 30 Jahre Ortschaftsrat, davon 15 Jahre Ortsvorsteherin und zudem noch 30 Jahre im Kreistag. In der Stille habe sie gearbeitet, um ihrer Ortschaft zu dienen. Etwas bewegen, sich in die Gemeinschaft einbringen, helfen, wo man gebraucht wird: Für Waltraud Herold ganz wichtige Bausteine ihres Lebens. Sie beklagte die manchmal zu geringe Unterstützung im Gemeinderat und die Art, dass „Frauen runtergebügelt werden, sie hätten keine Ahnung“. In ihren Augen „hat das etwas mit Mobbing zu tun“. Im Kreistag habe eine andere Atmosphäre geherrscht, da habe man keinen Unterschied zwischen Frau und Mann gemacht. Deshalb ist Herold, die auch als Präsidentin des Badischen Sängerbunds viel mit Männern zu tun hat, überzeugt: „Wenn der Umgang mit Frauen besser wäre, würden sich mehr für Kommunalpolitik interessieren.“

Interessiert für das Geschehen in der Stadt hat sich auch Ilona Wild. Als die Leiterin der Mediothek ihr neues Aufgabengebiet übernommen hat, schied sie als städtische Mitarbeiterin 2008 aus dem Gemeinderat aus. „Man braucht viel Energie“, sagt sie und verweist auf die vielfältigen Aufgaben – gerade weil es in Boxberg keine Ausschüsse gab.

Sie führt ins Feld, dass sich viele Frauen gerade im sozialen Bereich und in vielen Gremien an vorderster Front zeitintensiv einbringen. Auch sie arbeite gerne an der Basis.. „Frauen streben oft nicht nach den Plätzen in der ersten Reihe, obwohl sie die Fähigkeiten dazu haben.“

Dass die Listenführer von Bürgerliste und Freie Wählervereinigung es sich bei der Kandidatensuche für den 26. Mai einfach gemacht haben, lassen sie nicht gelten. Gerne hätte man Frauen im Gemeindeparlament.

Auf die Aufrufe im Amtsblatt hatte sich niemand gemeldet. Also wurden Boxberger aktiv angesprochen. Ferdinand Eck von der Bürgerliste hatte sich dabei gezielt auch an Frauen gewandt, die sich in der Gesellschaft engagieren. Es habe Interesse gegeben, aber keine Zusagen. Neben Beruf, Familie und Vereinen noch ein weiteres ehrenamtliches Engagement? „Die Begründung war oft, dass die Frauen schon stark engagiert sind und keine Zeit haben.“ Er würde sich freuen, wenn sich bei der Wahl in fünf Jahren einige als Bewerber zur Verfügung stellten.

Allgemein wenig Interesse

Roland Throm von der Freien Wählervereinigung, Ortsbeauftragter von Boxberg und Mitglied im Gemeinderat, zieht ein ernüchterndes Fazit: „Das Interesse an der lokalen Politik ist bei den Bürgern nicht sehr groß“, bezieht er sich auf Männer und Frauen gleichermaßen. Kritisiert werde schnell, Verantwortung wollten aber nur wenige übernehmen.

Dass man Frauen und ihre Themen nicht ernst nehme, bestreiten Throm und Eck energisch. „Wir hätten uns über Frauen auf der Liste gefreut“, sagen sie unisono und bekräftigen, immer ein offenes Ohr für ihre Belange zu haben.

„Beide Listen haben sich bemüht, Frauen für das Amt zu begeistern.“ Bürgermeister Christian Kremer erzählt die Geschichte einer Kandidatensuche. Bernhard Bundschuh sei bei einer engagierten Frau und jungen Mutter vorstellig geworden. Die habe dankend abgelehnt, trotz Zureden ihres Manns. Letztendlich stelle er sich nun der Wahl.

„Nicht frauenfeindlich“

Woran es liegt, dass sich die Frauen für die Kommune nicht engagieren, weiß auch das Stadtoberhaupt nicht. „Vielleicht wollen sie sich Arbeit und Ärger nicht aufhalsen“, mutmaßt er. „Aber wir sind nicht frauenfeindlich“, wehrt er sich. Boxberg sei auch nicht die einzige Kommune im Land ohne weibliche Räte. „Und wir sind keine Hinterwäldler.“

Man könne aber niemanden zwingen. So sehen das auch frühere Gemeinderäte. Beim Pressegespräch zum Boxberger Maimarkt erregt das Thema auch die Gemüter. „Es gab kein Mobbing“, sagen Karl Hofmann und Dr. Dieter Thoma. Und Stadtarchivar Thoma verweist auf engagierte Frauen aus Boxberg, wie die Landwirtin Dora Flinner, die nach den Protesten um die Daimler-Teststrecke in den Bundestag eingezogen war, oder Dr. Renate Heinisch, die im Europaparlament Sitz und Stimme hatte.

Sie alle hoffen, dass man beim Urnengang in fünf Jahren wieder Frauen dazu bewegen kann, sich als Kandidatinnen für das Amt des Gemeinderats zur Verfügung zu stellen. „Aber es wird allgemein immer schwieriger, überhaupt Bewerber zu finden“, sagen die langgedienten Stadträte.