Boxberg

Rückblick auf 1937/38 Damals lähmte die Maul- und Klauenseuche das öffentliche Leben in der Region

Durch nordamerikanische Schafe eingeschleppt

Archivartikel

Besuchssperren, Reiseverbote, keine Feste, Märkte, Gottesdienste, ausfallende Maimesse in Boxberg – all das erlebte der hiesige Raum auch 1937/38.

Boxberg. Die Maul- und Klauenseuche lähmte das öffentliche Leben. Spürbar besonders in ländlichen Räumen, wie in den Amtsbezirken Buchen, Tauberbischofsheim, Mergentheim. Im Umpfertal trat die Seuche zuerst in Uiffingen und Wölchingen auf.

Die MKS (Maul- und Klauenseuche) war freilich kein neuer „Gast“. Ein schwerer Ausbruch ist für 1920 dokumentiert – vor genau 100 Jahren. Das Reichsgesundheitsamt in Berlin schickte später Fragebögen, um die Heftigkeit der Seuche zu erfassen. In Wölchingen liest man im Archiv: Die Gemeinde hat 118 Gehöfte (bei 550 Einwohnern hatte fast jede Familie einen kleinen Hof). Bei Seuchenausbruch waren 338 Rinder (18 Schafe, 49 Ziegen, 173 Schweine) im Dorf vorhanden. Der Durchschnittsbetrieb hatte etwa drei Rinder, 1,5 Schweine, eine halbe Ziege. Die MKS erfasste 54 Gehöfte (50 Prozent). Es erkrankten 220 Rinder (13 Schafe, zehn Ziegen, 90 Schweine). Dennoch mussten nur fünf Rinder notgeschlachtet werden.

Schafe aus Nordamerika

1937 war die Maul- und Klauenseuche bösartiger. Aus Nordafrika eingeführte Schafe hatten sie nach Frankreich gebracht, wo sie sich rasant ausbreitete. Im Umpfertal wird MKS zuerst in Uiffingen festgestellt, im Viehbestand des Landwirts Adolf Bauer. Am 24. September 1937 informiert das Bezirksamt in Tauberbischofsheim (TBB): Die Gemeinde Uiffingen bildet einen Sperrbezirk i. S. des Reichsviehseuchengesetz. Um den Sperrbezirk wird ein Beobachtungsgebiet (zumindest alle angrenzenden Gemeinden) gebildet. Im 15-Kilometer-Umkreis werden weitere 25 Gemeinden genannt. Für die Gebiete gelten Maßregeln, die sich zum Sperrbezirk hin verschärfen. Zudem eine Straßensperre: „Das Befahren der Gemarkung Uiffingen mit auswärtigen Fahrzeugen aller Art ist verboten.“ Ebenso dürfen Uiffinger nicht über die Gemarkungsgrenze hinausfahren.

Eine Woche später (30. September 1937) ist MKS auch in Wölchingen, zuerst im Viehbestand von Landwirt Georg Thoma. Boxberg-Wölchingen wird zum Sperrbezirk. Es folgen Straßensperren, Versammlungsverbote, Schulverbote, die Schließung des Kindergartens. Im Sperr- und Beobachtungsgebiet darf Milch von allen Betrieben (auch gesunden) nicht mehr abgegeben werden. Über MKS-Betriebe werden Hofsperren verhängt. Futter und Stallmist dürfen nur unter Auflagen ausgefahren werden. Stalleingänge und Hofwege sind täglich mit Kalkmilch zu übergießen.

Die damals 16-jährige Hoftochter Emilie Thoma erzählt: „Auf einmal wollten die Kühe nicht mehr fressen. Sie „gaaferden“ (hatten Schaum vor dem Maul). Der Tierarzt schaute kurz in den Stall und sagte: „Der Stall ist in Ordnung.“ Aber die Kühe wollten weiter nicht fressen, der Tierarzt wurde nochmals geholt. Er untersuchte die Tiere genauer. Dann erklärte er, dass es sich um Maul- und Klauenseuche handelte. Später kam heraus: Ein Wanderschäfer war mit kranken Tieren über die Wiesen bei Schwabhausen gezogen. Wir hatten im Äußeren Breitfeld Kartoffeln, die hatten wir mit dem Kuhgespann geholt. Die Kühe haben unterwegs vom Gras gefressen und so sich angesteckt. Wir hatten die Seuche als erste im Stall. Im Stall waren vier Kühe, und wir haben zwei verloren, auch ein Kälbchen. Der Vater musste eine Nacht in Tauberbischofsheim im Polizei-Revier bleiben, das war schlimm . . . auch später das Gerede von manchen Leuten. Wir durften Haus und Hof nicht verlassen. Die Tante Sofie Hertlein brachte uns Milch ans Fenster.“

Zu den Schutzmaßnahmen vor Ort gehörten Impfungen und ein Verbot für „Versammlungen jeglicher Art“ in der Gemarkung Wölchingen. Bald folgten andere Gemeinden – doch die Seuche schritt weiter voran. Am 16. Oktober 1937 verbot TBB „die Abhaltung von Weinfesten, Kirchweihfesten und Tanzveranstaltungen“ im gesamten Bezirk Tauberbischofsheim, ebenso den „Hausierhandel mit Waren jeglicher Art“ in den meisten Gemeinden.

Auswärts Arbeitende mussten täglich mehrmals ihr Schuhzeug desinfizieren. Sämtliche Einwohner im Sperr- und 15 Kilometer Umkreis mussten Desinfektionsflüssigkeit (Sägemehl oder Torfmull, genügend getränkt mit Natronlauge) an den Hauseingängen und an den Stalltüren bereitstellen. An den Ortseingängen, Milchsammelstellen, Lagerhäusern und Bahnhöfen waren drei bis vier Meter breite Desinfektionsstreifen auszulegen, die man täglich mindestens zweimal anfeuchten musste. Am 30. Oktober 1937 akzeptierte der Landrat in Tauberbischofsheim die Anordnung des Oberamtes Mergentheim, „dass die Arbeiter aus den badischen Seuchengemeinden bis auf weiteres in Mergentheim verbleiben müssen“. Sie wurden in der dortigen Jugendherberge untergebracht.

Nur sporadische Berichte

Leider berichtet das Archiv nur sporadisch über die Zustände in auswärtigen Bezirken oder in Baden. Infektionsstand am 6. November 1937 in Baden: MKS in 124 Gemeinden mit insgesamt 1788 Gehöften. Chaotische Zustände am größten Schlachthof in Unterbaden, in Mannheim: viel zu viele Tiere nach Weideabtrieb und Angstverkäufen und ungeordneter Anlieferung. Minister Pflaumer besuchte in der ersten Novemberwoche im Amtsbezirk TBB die MKS-Orte Tauberbischofsheim, Königshofen und Schweigern. „Überall in den verseuchten Gebieten musste man an aufgestellten Wachtposten vorbeifahren, die eine strenge Kontrolle durchführen, um jedes Einschleppen in seuchenfreie Gemeinden zu unterbinden ... In Schweigern nahm man Kenntnis von der Opferfreudigkeit der Bevölkerung, die mit 50 Pferden Tag und Nacht arbeitet und sich gegenseitig unterstützte, um die Kartoffeln und Rüben vom Feld heimzufahren. Das ist die wahre Volksgemeinschaft, die man gerade in diesen Zeiten der Not mit besonderer Freude draußen überall im Land feststellt“.

Landrat Tellenbach warnte freilich auch vor übertriebener Desinfektion: Es genüge die Bereifung der Autos und sonstigen Fahrzeuge zu desinfizieren. „Das Abspritzen von Kraftfahrzeugen mit Desinfektionsflüssigkeit muss unterbleiben, weil diese die Lackierung der Fahrzeuge vollständig zerstört. Ein Abbürsten der Kleidungsstücke mit Desinfektionsflüssigkeiten halte ich wegen des hierdurch entstehenden Schadens für unzulässig. Für Schuhzeug genügt ein Betreten des Desinfektionsstreifens.“

Die rigorosen Schutzmaßnahmen schädigten Tierhalter und Handel, verunsicherten die Menschen, gefährdeten allmählich wohl auch die Lebensmittelversorgung in den Städten. Anfang November durfte Milch unter bestimmten Bedingungen wieder abgeliefert werden, auch aus verseuchten Gemeinden. Nach weiteren Erlassen aus Berlin und Karlsruhe konnte auch das Bezirksamt TBB zurückrudern (23. November 1937): Der Personenverkehr wurde in den meisten verseuchten Gemeinden wieder zugelassen, Schulen und Kirchen geöffnet, ebenso Wirtschaften. Verseuchte Gehöfte blieben weiter streng abgesperrt. Für ausreichende, gut getränkte Desinfektionsstreifen war zu sorgen.

Kleine Zeitungsnotiz

Am 12. Dezember 1937 meldet eine winzig kleine Zeitungsnotiz: „Nachdem in den Gemeinden Marbach und Wölchingen die Maul- und Klauenseuche erloschen ist, werden die für den Sperrbezirk und diese Gemeinden erlassenen Anordnungen aufgehoben. Die Gemeinden selbst werden in das Beobachtungsgebiet einbezogen.“ Im Amtsbezirk Tauberbischofsheim entspannte sich die Lage nur zögerlich. Sehr erleichternd wirkte, dass bei Seuchenbefall nicht mehr die gesamte Gemarkung der Ortschaft, sondern nur noch das befallene Gehöft zum Sperrbezirk erklärt wurde.

Doch die Angst oder Gefahr vor einem erneuten Seuchenausbruch hielt an. So beschloss auch der Boxberger Gemeinderat am 30. März .1938: kein Zuchtviehmarkt, kein Maimarkt: „Die diesjährige Maimesse wird mit Rücksicht auf die in der Gegend noch herrschende Maul- und Klauenseuche nicht abgehalten.“