Boxberg

Historischer Rückblick Max Thoma aus Wöchingen schildert in seinem Tagebuch die Geschehnisse zum Jahreswechsel 1944/45

Die Zeiten des Elends hautnah miterlebt

Archivartikel

Wölchingen.Angriffe gegen Großstädte, die Befreiung von Auschwitz und Hitlers Aufruf zum Volkssturm: Der Zweite Weltkrieg trat vor 75 Jahren in die Endphase. Der Wölchinger Fleischbeschauer Max Thoma führte über „Das Kriegsende im Raum Boxberg-Wölchingen“ Tagebuch. Unsere Zeitung veröffentlicht daraus leicht gekürzte Auszüge:

„Durch die Heranziehung von sieben Millionen Fremdzwangsarbeitern und die dadurch bedingte Unsicherheit des flachen Landes und Entlastung der Gendarmerie wurde ausgangs 43 die Landwacht gegründet. Erst waren wir vier Mann und unser Führer Bürgermeister Weber. Dann wurden es 15 Mann und zuletzt alle wehrhaften Männer. Wir hatten Unterricht über Verhaltung von Verhaftungen und beim Gebrauch der Waffen, die wir gestellt bekamen und die wir überall, sogar bei landwirtschaftlichen Arbeiten, mitführen sollten.

Die Hauptsache wurde uns ja verschwiegen, dass wir bei eventuellen Volksaufständen oder Aufruhr eingesetzt werden sollten. Wir traten in Tätigkeit bei Verdacht auf Fallschirmspringer, suchten die Wälder der ganzen Gemarkung ab und waren sogar beim Fangen des geflüchteten französischen Generals Giroud ergebnislos beteiligt.

Die meiste Arbeit hatten wir über die Feiertage von Weihnachten 44 und Neujahr 45. Durch die Kämpfe der Amerikaner an der Saar mussten alle Fremdarbeiter der Pfalz zurückgeschafft werden. Bei Kälte und Schnee kamen die „Trecks“, meist Bulldogs mit Anhänger und Lastkraftwagen, voll besetzt mit Russen und Polen, von Adelsheim angefahren. Sie wurden in Boxberg in der Schafwiese „verpflegt“ und dann mittels Bauernwagen nach Mergentheim weiterbefördert.

Wer noch einen Funken Gefühl im Leib hatte, konnte sich den Jammer kaum ansehen. Männer, Frauen und Kinder, vollständig verwahrlost. Die Männer hatten alle lange Bärte wie Nikoläuse. Mit armseligem Gepäck wurden sie von der Gendarmerie zur „Küche“ getrieben und getreten wie Vieh. Dort gab es Kartoffelwassersuppe und ein Stück Brot. Aborte waren keine vorhanden und wo sie sich „hinsetzen“ wollten, wurden sie weggejagt. Meist legten sie sich auf den Bauch in den Schnee und tranken ihre Suppe aus allen denkbaren Gefäßen, meist alte Wagenschmierbüchsen.

Manche waren, scheinbar durch lange Märsche, fußkrank und bedienten sich mit alten Brettern als Krücken. Einer hatte wohl chronischen Durchfall. Die Hose war durchfault und aufgerissen, hing mit großen „Kotbollen“ voll. Er drückte sich stinkend an das Gepäck, um seine hintere Blöße zu verbergen. Einer Frau starb sogar das Kind im Arm.

Sie musste aber mit der kleinen Leiche weiterfahren nach Mergentheim. Wozu wurden wir da mit Gewehren hingestellt? Die zu bewachen hätte der Boxberger Landwachthauptmann Behringer allein fertiggebracht.

Hitler rief den Volkssturm, nach einigen Wochen im Witz „Landwind“ von den Teilnehmern benannt, auf, als der Krieg schon praktisch verloren war. Alle Männer von 15 bis 60 Jahren sollten dem Feind das Betreten deutschen Bodens verwehren. Die Aufnahme wurde für die umliegenden Gemeinden in der Turnhalle in Boxberg durch die Kreisleitung und betreffende Ortsgruppenleitung vorgenommen.

In „Reih und Glied“

Das Resultat der Musterung wurde uns erst später bei der Vereidigung droben Hüttli bekanntgegeben. Dabei wurde erst das Lied gesungen „Volk und Gewehr“, das spottschlecht ging. Dann wurden einige herausgezogen und legten die Hände auf die Hakenkreuzfahne. Wir mussten in Reih und Glied stehend drei Finger hochheben und die Schwurformel nachsprechen. Vermessungstechniker und Ortsgruppenführer Waller nahm die Zeremonie vor. Das Bataillon wurde durch die umliegenden Ortschaften gestellt, unsere Kompanie durch die Orte Uiffingen, Angeltürn und Wölchingen. Unser Hauptmann wurde Lehrer Blum von Uiffingen, der sein „a ä“ Weltkriegsoffizier nicht verbergen konnte. Unser Zugführer wurde Exbürgermeister Weber. Sorgen hatten wir ja nicht wegen unseren Wölchingern Vorgesetzten, dass sie uns zu weit nach vorne ins Feuer führen würden. Trotzdem waren wir alle überzeugt, dass sie richtige Draufgänger sind. Aber unser Hoffen, dass wir beim eventuellen Ausrücken beieinanderbleiben würden, war nichts. Die Sache war viel raffinierter und boshafter ausgedacht. Waller gab nach der Vereidigung bekannt, dass der Volkssturm in vier Klassen besteht. I: die ganz „Fähigsten“; II: nicht ganz fähig, aber auch noch fähig; III: halb Kranke; IV: ganz Kranke, vollständig untauglich. Dazu gehörten auch, wie wir später erfuhren, die Parteigenossen. Das sagte er natürlich nicht. Dank meines hohen Ansehens der Wölchinger Hoheitsträger war ich im Volkssturm I. Bis März sollte der Volkssturm mobil sein. Jetzt hatten wir jeden Sonn- und Feiertag von 1 bis 5 Uhr Exerzieren, Schießen und Gefechtsübungen. Wir „riegelten“ den Angeltürner Berg ab, wir schlichen „getarnt“ durch das Dorf, um dem Feind den Einmarsch in Wölchingen zu verhindern. Bei Schneesturm hatten wir Unterricht im Schulsaal.

Bei der Lumpensammlung mussten wir auch helfen, gingen von Haus zu Haus mit Schubkarren und Körben, und nötigten den Bewohnern Kleider und Stoffreste ab. Dabei bekamen wir auch „Braunhemden, Nazikäppi“. Diese sollten gefärbt werden, um dann den „Volkssturm I“ reinschlüpfen zu lassen.“ dt