Boxberg

Vergangene Spuren Die Brüder Jakob und Wolf Freudenberger arbeiteten als Makler und Viehhändler / Jüdische Gemeinde wurde 1913 aufgelöst

Das Schicksal der letzten Juden aus Angeltürn

Archivartikel

Angeltürn.Über die Geschichte der letzten Juden aus Angeltürn sind einige Details bekannt. Dort bestand eine jüdische Gemeinde ab dem frühen 18. Jahrhundert bis 1913. Mitte des 19. Jahrhunderts stellten die Juden fast ein Viertel der Bevölkerung. Der Höhepunkt war 1867 mit 74 Personen erreicht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zogen die Juden verstärkt ab: nach Eubigheim zur neuen Bahnstation, in Städte und nach Amerika. Zum 11. Dezember 1913 wurde die jüdische Gemeinde aufgelöst, die Synagoge versteigert, später als Scheune und Stall genutzt.

Tod in Theresienstadt

In Angeltürn existierte also 1933 keine jüdische Gemeinde mehr, im Unterschied zu Eubigheim, Krautheim, Grünsfeld oder Bad Mergentheim. Bei der Deportation der Juden aus Baden und Saarpfalz am 22. Oktober 1940 wurde niemand aus Angeltürn oder Boxberg „wegverbracht“.

Aber sechs in Angeltürn Geborene fielen der Judenverfolgung zum Opfer, drei wurden von anderen Wohnorten nach Gurs deportiert, wo zwei von ihnen starben. Die anderen drei gebürtigen Angeltürner wurden 1942 in den Osten deportiert. Zwei starben im Ghetto Theresienstadt, einer im Vernichtungslager Treblinka. Aus Boxberg wurde Luise Gutmann-Ellstätter, die Tochter des ersten und einzigen jüdischen Finanzministers in Baden, nach dreijährigem Verstecken, im August 1942 ins Todesghetto Theresienstadt abtransportiert.

Über das Schicksal der letzten Juden von Angeltürn haben Rolf Barth und Dieter Thoma recherchiert. 1933 lebten noch drei jüdische Bürger in der kleinen Ortschaft, die Geschwister Freudenberger. Zerline Freudenberger starb 1936 im Alter von 77 Jahren in Angeltürn. Die Verstorbene war vor ihrem Haus aufgebahrt, ein Rabbi hielt eine Rede. Dann kam der Sarg auf eine geschmückte Kutsche und langsam zogen die Pferde die Straße herunter durch den Ort. Viele Einwohner folgten der Kutsche bis ans Ortsende. Dort schlug der Kutscher mit der Peitsche, und die Pferde trabten fort Richtung Bödigheim, zum jüdischen Verbandsfriedhof, wo die Verstorbene beerdigt wurde.

Umzug nach Südbaden

Die Brüder Jakob und Wolf Freudenberger waren Makler und Viehhändler. Wolf richtig kräftig gebaut, Jakob eher schmächtig. Wolf hatte die Gewohnheit in den letzten Jahren immer auf dem Sofa in der Post zu sitzen, stundenlang. Bis sich eines Tages ein Post-Nachbar beschwerte, dann durfte er nicht mehr dort sitzen. Im September 1938 zogen die Brüder ins jüdische Altersheim nach Gailingen in Südbaden, nahe der Schweizer Grenze. Dort starb Jakob Freudenberger im April 1940 im Alter von 76 Jahren. Sein Bruder Wolf Freudenberger, geboren am 25. Mai 1861, musste im Oktober 1940 noch die Deportation nach Gurs mitmachen, wo er wenige Wochen später, am 9. Dezember 1940 umkam. dt