Bad Mergentheim

Museumskonzert Duo Pawel Zalejski und Matan Porat feierte im Roten Saal des Deutschordensschlosses einen Riesenerfolg

Zwischen Klagegesang und trotziger Lebensfreude

Bad Mergentheim.Einen Riesenerfolg konnten der Pianist Matan Porat und der Geiger Pawel Zalejski beim letzten Museumskonzert der abgelaufenen Saison im erfreulicherweise voll besetzten Roten Saal verbuchen. Dies mit einem nicht alltäglichen Programm fast ausschließlich aus Werken der jüdischen Musik des vergangenen Jahrhunderts, dessen erste Hälfte für das jüdische Volk die schlimmste Katastrophe in einer fortlaufenden, sich über 2000 Jahre erstreckenden Reihe von Verfolgungen mit sich brachte. Naturgemäß haben sich diese geschichtlichen Erfahrungen über Generationen hinweg auch in der Eigenart der Musik niedergeschlagen, die sich in erster Linie von orientalischen und osteuropäischen Traditionen entwickelte.

Wie könnte man sie am besten charakterisieren? Beredtes Pathos, ausdrucksvolle Klage, ein manchmal fast endlos sich fortspinnender Klagegesang, der klingt, als wäre er schon zu Zeiten des Exils „an den Wassern zu Babel“ geweint worden, und eine urwüchsige, trotzige und ausgelassene Lebensfreude als Gegensatz, dies sind wohl die beiden entgegengesetzten Pole, zwischen denen sich der Ausdrucksbereich der jüdischen Musiktradition bewegen, und so erlebten es auch die Zuhörer im Roten Saal beim Konzert des Duos Porat-Zalejski, zwei noch jungen Musikern, die es auf ihrem Gebiet beide schon zu internationalem Renommee gebracht haben.

Stilistische Vielfalt

Der aus dem polnischen Bydgoszcz (ehemals Bromberg) stammende Geiger Pawel Zalejski als Primarus des Apollon Musagète Quartetts und mehrfacher Preisträger bei internationalen Wettbewerben, sein in Israel geborener Partner, der Pianist Matan Porat und Komponist als vielbeschäftigter Solist und Kammermusiker und nicht zuletzt als vielseitiger Komponist. Einige Kostproben der stilistischen Vielfalt von traditioneller jüdischer Musik bildeten den Auftakt des Abends: Ein Nigun (der hebräische Ausdruck für etwas wie eine „Melodie ohne Worte“) von Ernest Bloch (1880-1959), dem bei uns etwas zu Unrecht in Vergessenheit geratenen, schweizerisch-amerikanischen Komponisten, ein jüdischer Tanz von Joel Engel (1868-1927) und eine „hebräische Melodie“ von Joseph Achron (1886-1843), zwei jüdischen Musikern aus Russland bzw. Litauen.

Das sind alles Stücke, die sehr aus einer bestimmten Stimmung oder einem Lebensgefühl heraus geschaffen sind, die manchmal wehmütig, sehnsüchtig und bittersüß (in der „Melodie“ von Achron), manchmal munter und lebhaft (wie der „Freilach“ von Joel Engel) und manchmal düster wehklagend und seufzend (wie in den „Drei chassidischen Stimmungen“ einer Suite von Ernest Bloch) daherkommen, mehr oder weniger improvisiert anmutend und damit eine willkommene Gelegenheit für den Violinvirtuosen Zalejski, sein Erzmusikantentum auf mitreißende, packende Art zu demonstrieren – mit herrlich kraftvollem, energischen und dabei bodenständigem Ton und dem erdigen Feuer eines Zigeunerprimas.

Eigenständige Romantik

Eine eigenständige jüdische Romantik offenbart sich diesen Stücken, heimwehkrank einerseits und und zugleich aus den Quellen der Tradition ihren unversieglichen Lebensmut und ihre gegenwärtige Kraft beziehend. Ergänzend dazu gab es ein weitere Duo-Komposition in Gestalt von Aarvo Pärts „Fratres“, in dem für den estnischen Komponisten typischen Stil, der mit dem des Minimalismus eng verwandt ist – ein technisch ebenso schwieriges wie eindringlich meditatives Stück Musik.

Der musikalische Schwerpunkt des Abends war dem Werk Mieczyslaw Weinbergs (1919-1996) vorbehalten. Der jüdisch-polnisch-russische Komponist war ein großer Verehrer von Dmitri Schostakowitsch, von dem er gefördert und protegiert wurde und dem er seine fünfte Sonate für Violine und Klavier widmete. Sie weist manches für Schostakowitsch Typische auf: Der Kontrast zwischen lyrischer Empfindsamkeit des elegischen Andante con moto, mit dem entgegen der Tradition das Werk beginnt, mit den folgenden Allegrosätzen, der erste mit brutaler Motorik und einer nervös wechselnden Rhythmik und Metrik, der zweite als eine Art von grotesker Walzerparodie bis zum sechsteiligen, sehr unruhigen Finale mit ständig wechselnden Vortragsbezeichnungen.

Enorme Prägnanz des Ausdrucks und Spannungsgeladenheit zeichneten dabei die Interpretation des Duos Zalejski/Porat aus. Zuvor schon hatte Pianist Matan Porat als Solist an dem vergleichsweise leichtgewichtigen, aber reizend idyllischen Klavierzyklus Weinbergs, dem „Kinderheft“ op. 16 die Vielseitigkeit dieses in Europa noch zu wenig bekannten Komponisten demonstriert. Dass auch Pawel Zalejski selbst komponiert, wollte er – im zweiten Teil des außergewöhnlichen Abends – seinem Publikum nicht vorenthalten: Sein eigener hochexpressiver „Nigun“, ein instrumentales Klagelied, abwechselnd für Violine und Bratsche solo, dient dem Gedenken an die unter Naziherrschaft grausam zugrunde gegangene jüdische Gemeinde von Bydgoszcz/Bromberg und bereichert dessen traditionelle Tonsprache mit modernen Elementen, mit col legno-Spiel, diversen Tanz-Rhythmen orientalischer und osteuropäischer Herkunft (inklusive Tango), Zitaten von Kollegen und am Ende sogar mit eigenen, spröden aber eindringlichen Gesangeinlagen.

Spontane Begeisterung

Es war die Nummer des Abends, die vom Publikum mit spontaner Begeisterung aufgenommen wurde. Für die große Anteilnahme bedankten sich die beiden Interpreten noch mit einem weiteren hebräischen Tanz von Joseph Achron.

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