Bad Mergentheim

Sommerfestival von „Literatur im Schloss“ Vier Veranstaltungen im Klanggarten des Kurparks Bad Mergentheim vom 28. bis 30. August

Zwischen Familie und Dichterolymp

Archivartikel

Das letzte Augustwochenende steht unter dem Label „Literatur im Schloss“ ganz im Zeichen neuer Bücher – Open-Air-Lesungen gibt’s im Klanggarten des Kurparks.

Bad Mergentheim. Das „Literatur im Schloss“-Sommerfestival in Bad Mergentheim bringt endlich wieder Autorinnen und Autoren mit neuen Büchern in die Stadt – Open Air und trotz Abstands hautnah: Vier Veranstaltungen mit Anna Katharina Hahn, Karl-Heinz Ott, Helmut Böttiger, Katrin Schumacher, Friedrich Ani und Beatrice Faßbender erwarten die Besucher vom 28. bis 30. August im Klanggarten des Kurparks Bad Mergentheim.

Der Corona-Lockdown war eigentlich gar keine so schlechte Zeit für Literatur: Man hatte ein bisschen mehr Zeit zum Bücherlesen. Wer Autorinnen und Autoren allerdings in den letzten Monaten hautnah erleben wollte, schaute in die Röhre oder auf einen Computerbildschirm: Online wurden etliche Lesungen angeboten. An das Live-Erlebnis und die Begegnungen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern allerdings kam das doch nie heran.

„Literatur im Schloss“ hat sich deshalb zusammen mit der Stadt und der Kurverwaltung Bad Mergentheim etwas Besonderes einfallen lassen.

Weil in den Räumlichkeiten des Deutschordensmuseums Lesungen nur in sehr eingeschränktem Maße möglich wären, findet die Veranstaltungsreihe nun an der frischen Luft statt (die bekanntlich den Viren nicht gut bekommt): Das große „Literatur im Schloss“-Sommerfestival geht am letzten Augustwochenende im Klanggarten des Kurparks über die Bühne – frei nach Hölderlins Vers „Komm! ins Offene, Freund!“. Und das mit einem hochkarätigen Programm.

Die Stuttgarter Autorin Anna Katharina Hahn ist am Freitag, 28. August, um 20 Uhr mit ihrem neuen Buch „Aus und davon“ zu Gast. Mit diesem wunderbar vielschichtigen und entlarvenden Familienroman, der im bürgerlichen Stuttgarter Milieu angesiedelt ist und bis in die USA ausgreift, ist ihr ein wahrer Bestseller dieses Frühjahrs und ein Kritikerliebling gelungen. Paul Jandl schrieb in der NZZ: „Das macht Anna Katharina Hahns subtile Kunst aus: Es geht nicht darum, die Menschen zu durchschauen, sondern sie wirklich zu sehen. Auch in ‚Aus und davon’ werden mit großartiger Detailschärfe eher Gewohnheiten beschrieben als Eigenschaften. ... Wer in hundert Jahren etwas über das deutsche Familienleben erfahren will, etwas darüber, wie es einmal war, der lese dann ‚Aus und davon’.“

Blicke auf Celan

Der Samstagabend – ebenfalls 20 Uhr – führt auf den Dichterolymp: Friedrich Hölderlins Geburtstag jährt sich dieses Jahr zum 250. Mal, Paul Celan würde 100. Der eine ist der bedeutendste Dichter des 19., der andere der wichtigste des 20. Jahrhunderts.

Es sind in den letzten Monaten etliche Bücher zu diesen beiden Jubiläen erschienen. Die beiden besten Neuveröffentlichungen werden an diesem Abend vorgestellt: Der Essayist und Romancier Karl-Heinz Ott, der letztes Jahr sein Beethoven-Buch in Bad Mergentheim präsentierte, widmet sich auf erzählerische, kluge und vielschichtige Weise „Hölderlins Geistern“.

Und der Autor und Kritiker Helmut Böttiger, ein Stammgast bei „Literatur im Schloss“, beschäftigt sich mit „Celans Zerrissenheit“ – sein bereits viertes Buch über Paul Celan, das dem Genie und der Verzweiflung des Dichters ganz nahe kommt. Was Hölderlin und Celan außerdem miteinander verbindet, wie man sie heute lesen kann und welche ihrer Texte bleiben –das wird bei diesem Gipfeltreffen ebenfalls geklärt. Ein Abend über die Magie des Poetischen.

Am Sonntag, 30. August, gibt es gleich zwei Veranstaltungen: Vormittags um 11 Uhr macht uns Katrin Schumacher, Autorin und Literaturredakteurin des MDR, mit einem legendären Tier näher bekannt: Der Fuchs, seit den antiken Fabeln Sinnbild des listigen und verschlagenen Zeitgenossen, hat sich in den letzten Jahrzehnten zum Sympathieträger des Tierreichs gewandelt. Doch was hat dieser charmante Halunke an sich, dass sein flüchtiges Auftauchen im gleichen Zuge Anziehung und Verunsicherung auslöst, während wir ihm früher unerbittlich mit der Flinte nachjagten? Katrin Schumacher spürt in ihrem gerade in den hübschen „Naturkunden“ von Matthes & Seitz erschienenen Porträt Reineke Fuchs nach - dem inzwischen auch in unseren Städten heimisch gewordenen tierischen Nachbarn und dem in verschiedenster Gestalt durch die Kulturgeschichte streifenden Wesen.

Spannend wird es am Sonntagabend um 20 Uhr: Statt sich bei einem drögen ARD-Tatort zu langweilen, kann man bei „Literatur im Schloss“ einen Meister des Kriminalromans erleben. Friedrich Anis Bücher um die Ermittler Tabor Süden, Polonius Fischer oder Jakob Franck werden kultisch verehrt. In seinem jüngsten Werk „All die unbewohnten Zimmer“ lässt Friedrich Ani sie aufeinandertreffen, um den Mord an einer Bibliothekarin und an einem Streifenpolizisten aufzuklären. „All die unbewohnten Zimmer“ schlägt eine Schneise durch das Gestrüpp der politischen und individuellen Verfasstheit unserer Zeit – ein ebenso überraschungsreicher Krimi wie abgrundtief böser Gesellschaftsroman. „Ziemlich große Krimi-Literatur“, hieß es dazu lässig im Stern.

Durch das „Literatur im Schloss“-Sommerfestival im Klanggarten des Kurparks führt Beatrice Faßbender. Die in Berlin beheimatete Lektorin, Übersetzerin und Journalistin war in den letzten Jahren immer wieder als Moderatorin zu Gast. Bei schlechtem Wetter werden die Lesungen übrigens nach nebenan in die Wandelhalle verlegt - wo alle Corona-bedingten Maßgaben zur Sicherheit des Publikums ebenso erfüllt werden können wie im Klanggarten.

Die im Frühjahr ausgefallenen Lesungen mit Anne Weber und Lukas Bärfuss werden im kommenden Jahr nachgeholt, sobald es die Umstände wieder zulassen. lis

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