Bad Mergentheim

30 Jahre Deutsche Einheit Pressegespräch mit den Bundestagsabgeordneten Katharina Landgraf und Nina Warken in Edelfingen

Wiedervereinigung aus DDR-Sicht beleuchtet

Edelfingen.Nach Auflösung der Volkskammer zählte Katharina Landgraf zu den 144 Delegierten, die von den 400 Volkskammerabgeordneten ausgewählt waren, bis zur Neuwahl im Dezember 1990 nach Bonn in den noch bestehenden Bundestag einzuziehen, dem sie seit 2005 wieder und bis heute dauerhaft angehört. Damit ist sie inzwischen die einzig verbliebene Abgeordnete ihrer Fraktion und damit eine der insgesamt vier übrig gebliebenen Mitglieder der ehemaligen Volkskammer der DDR, die noch dem Bundestag angehören.

Auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Nina Warken (CDU) führte die in Thüringen geborene sowie im Landkreis Leipzig aufgewachsene und lebende Katharina Landgraf, seit 1988 Mitglied der CDU, ein Pressegespräch im Edelfinger Hof.

In dem sowohl aus historischer als auch politischer Sicht interessanten und informativen Gespräch beleuchtete die Bundestagsabgeordnete und Zeitzeugin insbesondere auch, wie die Wiedervereinigung im Kopf der Menschen vollzogen worden sei. Die im März 1990 frei gewählte Volkskammer der DDR bezeichnete sie nicht nur historisch, sondern ebenso inhaltlich und organisatorisch als einzigartige Geschichte mit teilweise „sehr seltsamen Situationen“.

„Ein Apparat mit rund 400 Abgeordneten für circa 16 Millionen Einwohner. Während nur drei Prozent der 1990 gewählten Abgeordneten der vorherigen Volkskammer angehörten und sich die vier bis dahin maßgeblichen Blockparteien von der SED lösten, waren die Mitarbeiter fast durchweg eingeschworene SED-Leute. Zugleich haben wir gemerkt, dass sich die Rädchen immer schneller drehten sowie die gefassten Beschlüsse und Normen zunehmend auf ein entsprechendes Grundgesetz ausgerichtet waren“, beschrieb Landgraf die damalige Situation.

Gleichzeitig zu den Umbruchstendenzen habe es beispielsweise einerseits noch politische Häftlinge in DDR-Gefängnissen gegeben, andererseits habe Joachim Gauck für die Stärkung von Bürgerrechtlern plädiert. Auch sonst sei es eine merkwürdige Zeit mit besonderen Ereignissen gewesen: 1990 ein Bombenalarm im Berliner Palast der Republik, in dem die Volkskammer tagte, sowie die Attentate im Bundestagswahlkampf auf Oscar Lafontaine im Frühjahr und auf Wolfgang Schäuble nur wenige Tage nach der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands – und im folgenden Frühjahr der Mord an dem Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder.

Zukunft ungewiss

Anfangs habe sie nicht an die Wiedervereinigung geglaubt, andererseits konnten sich die meisten Bürger keine „bessere DDR“ vorstellen, so dass der Großteil nicht gewusst habe, wie es weitergehen und worin es münden könnte. „Die Ostdeutschen spielten ein Spiel, dessen Regeln sie nicht kannten“, zitierte Landgraf einen weit verbreiteten Spruch.

„Wir wollten nicht am 7. Oktober 1990 noch den 41. Jahrestag der DDR feiern müssen“, konstatierte sie. Daher habe man sich im August in einer aufregenden Debatte für den 3. Oktober als Datum für den Beitritt entschieden.

„Wir haben diesen Tag wirklich herzlich gefeiert, denn es gab in der DDR sehr viel Druck, was man wem gegenüber äußern könnte oder nicht“, erzählte Landgraf exemplarisch aus ihrem näheren Umfeld. Insofern sei es nicht vordergründig um wirtschaftliche frühere Einschränkungen und neue Aspekte gegangen, sondern vor allem um Werte wie Freiheit und Demokratie. „Ich konnte in meiner Jugend beispielsweise viele Bücher nicht lesen – das lässt sich wie so manches andere auch kaum mehr nachholen“.

Dezentralisierung, Kommunalrecht, Länderföderalismus, Subsidiarität nannte die Politikerin als gut gelungene und wertvolle Neuerungen im Rahmen der Wiedervereinigung. „Die haben zu viel an Produkten zerschlagen, so dass daher viele Arbeitsplätze verloren gingen“, habe eine häufige Kritik an der Treuhandgesellschaft gelautet. „Aber wären diese oft künstlich hochgehaltenen Produkte überhaupt marktfähig gewesen?“, stellte sie als Frage kritisch in den Raum. „Auch heute haben wir im Bundestag oft noch Debatten über die Angleichung von Ost und West. Und manche Dinge sind bis heute weitgehend ungelöst wie etwa die Regelungen damaliger Zwangsadoptionen von Kindern“, berichtete die langjährige Abgeordnete. „Darüber hinaus gehen nun aktuell wieder viele Menschen gegen Staat und Politik gerichtet zu Demonstrationen auf die Straße, wenn auch aus anderen Motiven als in der früheren DDR, so dass es keine vergleichbaren Parallelen dazu gibt. Aber das Recht auf Meinungsfreiheit und Demonstrationen war dort alles andere als selbstverständlich“, gab Landgraf zu bedenken.

MdB Nina Warken erinnerte an Helmut Kohl: „Die Deutsche Einheit brauchte diesen Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden. Als Christdemokrat besaß er jenen Glauben, an dem die CDU immer festgehalten hat: den Glauben an die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit. Und er stand stellvertretend wie kein anderer für die christdemokratische Überzeugung: Es gibt zwei deutsche Staaten, aber nur eine deutsche Nation.“ pdw

Zum Thema