Bad Mergentheim

Historisches Von wem stammen die Verse, mit denen die Kurstadt Bad Mergentheim einst so heftig warb?

„Wer müd’ vom Leben oder krank“

Archivartikel

„Wer müd’ vom Leben oder krank / Dem ist zu helfen, Gott sei Dank / Wenn er sich kann vergunnen / Den Mergentheimer Brunnen!“

Bad Mergentheim. Mit diesem Satz in Versform machte die Mergentheimer Kurverwaltung mehrere Jahrzehnte Werbung für einen Kuraufenthalt im Karlsbad und für die Produkte ihrer Quellen. Man findet diesen Text ohne Verfassernamen zuerst im Jahr 1930, und zwar in dem 96-seitigen „Sonderheft Bad Mergentheim“ der „Monatsschrift Württemberg“, die von der „Gesellschaft der Freunde des Württembergischen Landesamtes für Denkmalpflege“ herausgegeben wurde. Auf dem Umschlag heißt sie interessanterweise abweichend „Monatsschrift im Dienste von Volk und Heimat“. Der „Schriftleiter“ war August Lämmle (1876 bis 1962), der zunächst Lehrer war, neben hochdeutsch auch im schwäbischen Dialekt dichtete und sich zu einem bedeutenden Volkskundler in Württemberg entwickelte.

Ein Raketenfeuer von Tönen

Lämmle war zur Vorbereitung des Sonderheftes im Frühsommer 1930 in der Badestadt. Er schrieb, dass eine Nacht im Kurpark für ihn unvergesslich geblieben sei, und veröffentlichte dies mehrfach: „Da plötzlich – was war das? Ein Geigenstrich? Eine Flöte? Ein wundersam heller Ton kam aus den Rosenbüschen am Bach; er verklang, und doch schwebte er immer noch in der Luft; der Nachhall ging durch den ganzen weiten Raum. Dann ward es still. … Und das Herz, steht es stille? Da, da kommt der Klang wieder … und ein Raketenfeuer herrlichster Töne folgt, sich drängend und überstürzend, dass alle zusammenklingen in einem sprühenden Akkord. … Das Lied der Nachtigall aus den Rosenbüschen an der Tauber und die blaue Nacht im Mergentheimer Park – niemals werde ich sie vergessen.“

1930 konnte Lämmle Hans Heinrich Ehrler veranlassen, einen sehr ausführlichen Text, „Die Macht der Heimat“, zu verfassen, in der sich der 1872 in Mergentheim geborene Dichter seiner Jugend im Taubertal erinnerte. Zudem machte er sich Gedanken zu einigen von Eduard Mörikes Gedichten und fragte sich, aus welchem Anlass und wo die Verse wohl entstanden seien?

Der leitende Kurarzt Dr. Hermann Haug schrieb über die wohltuende Wirkung der Mergentheimer Quellen, Georg Wagner über die Geologie und die deshalb vorhandenen Salze von Quellen im nördlichen Württemberg und Dr. med. Artur Bofinger über die „Sanatorien in Bad Mergentheim“.

Vor allem Kunsthistoriker, Archäologen und Volkskundler kamen in dem Heft zu Wort. Richard Schmidt stellte dar, welche Kunstwerke in der Region, in und um Mergentheim, in Weikersheim und Creglingen, herausragenden Rang haben. Der Stuttgarter Prähistoriker und Denkmalpfleger Peter Goeßler, der ein Jahr Lehrer in Mergentheim war, schrieb einen Artikel über „Die Erhaltung des Stuppacher Madonnenbildes“.

Über die Entwicklung und Geschichte der Stadt Mergentheim sind fünf Aufsätze zu finden, unter anderem vom späteren Ehrenbürger Professor Karl Schuhmacher, von dem Mergentheimer Archivar Gustav Adolf Renz und von Peter Goeßler, der sein Amt als Leiter des Landeskonservatoriums 1934 aufgeben musste.

Inwieweit dieses Sonderheft, das zehn Seiten mit Anzeigen Mergentheimer Kurhäuser und Geschäfte enthielt, geholfen hat, das Bad bekannter und attraktiver zu machen, ist heute kaum abzuschätzen. Vielleicht hat es aber die Abnahme der Kurgastzahlen in der Weltwirtschaftskrise abgemildert.

Im Januar 1932 schien nämlich über die Aktiengesellschaft des Mergentheimer Karlsbades eine Katastrophe hereinzubrechen. Für viele Angestellte und Arbeiter der Bad Mergentheim AG war die Krise schon vorher spürbar. Ihnen waren wie den Beamten des Staates aufgrund der Deflationspolitik der Regierung Brüning die Gehälter oder Löhne gekürzt worden – bis zu 36,5 Prozent.

Die Zahl der Kurgäste stieg

Der größte Aktionär, das Stuttgarter Bankhaus Schwarz, war 1931 insolvent geworden. Deshalb musste der Besitz der Aktiengesellschaft versteigert werden. Ob die Auffanggesellschaft, die alle Grundstücke und Gebäude der AG sowie das Inventar erwarb, den Kurbetrieb ohne Unterbrechung weiterführen könnte, war zunächst durchaus nicht sicher. Aber es gelang, und schon bald stieg die Zahl der Kurgäste wieder. Froh verkündete man Ende 1933 den Anstieg um 1153 Personen gegenüber dem Vorjahr. Dazu mag auch geführt haben, dass Stadt und Kur in einigen Medien gewichtige Fürsprecher fanden. So veröffentlichten „Westermanns Monatshefte“ im April 1933 einen achtseitigen Artikel mit neun Abbildungen von Ölgemälden und Aquarellen. Der Autor war August Lämmle, dessen Hymne auf die Mergentheimer Nachtigallen schon zitiert wurde.

Aber nicht nur der Gesang der Vögel hatte es ihm angetan. Über die Stadt denkt er: „Ja, ein anmutiges Wesen umfängt hier den Gast; es ist, als wollten Häuser und Platz, die Blumenfenster und die hellen Glockentöne der Schlosskirchenuhr sagen: ‘Lieber, es ist gut, dass du nun da bist. Gib deinen Sorgenpack nur gleich am Tore ab und lass dir’s eine Weile bei uns gefallen.’ Ja, alles atmet hier Behagen und Sicherheit“. So jedenfalls umschreibt Lämmle das Gefühl, das für ihn aus Mörikes Gedicht „In ein freundliches Städtchen tret’ ich ein...“ spricht.

Die Stadt Neuenstadt, wo Mörike Bürgerrecht hatte, reklamiert diese Verse mit Recht für sich. Ehrler aber hatte sie seinem Text von 1930 vorangesetzt, so dass Leser wahrscheinlich glaubten, dass mit dem Städtchen Bad Mergentheim gemeint ist. Lämmle stellt sich natürlich auch die Frage, was es mit dem „Mergentheimer Gesundbrunnen“ auf sich hat. Er lässt deutsche Ärzte zu Worte kommen, die behaupten, dass Bad Mergentheim den wirksamste Stoffwechselbrunnen Mitteleuropas habe und dass dieser „einzig in seiner Zusammensetzung von Glauber- und Bittersalz“ sei. Zudem hat er ein Lob auf die Kur gefunden, einen Satz von Mörike, der 1837 als Kurgast an einen Freund schrieb: „Der kristallhelle Quell löste mir gleich den ganzen Unrat von der Seele.“

Für seinen großen Aufsatz konnte Lämmle vieles aus den Aufsätzen der „Monatsschrift Württemberg“ verwenden. Der Text gefiel den Verantwortlichen in der Stadt und bei der Kur, so dass sie einen Sonderdruck der acht Seiten herstellen ließen, der an Personen versandt wurde, die sich für eine Kur in Bad Mergentheim interessierten. Die Zahl der Gäste stieg nach 1933 wieder stetig an wie in den 1920er Jahren.

Heizbare Wandelhalle

Gerade ihnen wollte man entgegenkommen. Bislang konnten die Patienten zwar bei schlechtem Wetter auf einem glasüberdeckten Weg wandeln und ihr Mineralwasser schlürfen, jetzt aber wollte man ihnen eine heizbare Wandelhalle mit zwei angrenzenden Brunnentempeln für die Mineralwasserausgabe bieten. Dadurch konnte man auch die Kursaison verlängern. Der Stuttgarter Architekt Eduard Krüger plante die Gebäude, die am 25. Mai 1935 mit zahlreichen Reden und Musik eingeweiht wurden.

Ob zu diesem Zeitpunkt der anfangs zitierte Vers schon in einem der Tempel angebracht war, wie es spätere Ansichtskarten zeigen, ist nicht mehr festzustellen. In Berichten der Tauber- Zeitung und auswärtiger Blätter findet man keinen Hinweis darauf. Es werden aber bis heute Vermutungen geäußert; eine besagt, dass der Architekt Krüger den Text erfunden habe und Mörikes Namen darunter gesetzt habe. Er hat den Text wohl gefunden, aber nicht erfunden. Eine andere lautet, dass Mergentheimer Honoratioren sich schon vor 1930 den Vers ausgedacht haben.

„Ein großer Tag für das deutsche Karlsbad“, so lautete die Überschrift einer Zeitung zur Einweihung der Wandelhalle. Sie verwendete einen „Kampfbegriff“, der seit den zwanziger Jahren häufig gegen das böhmische, dann „tschechische“ Karlsbad benutzt wurde. Der Begriff „Deutsches Karlsbad“ für Bad Mergentheim wurde verboten, als das böhmische Karlsbad 1938 in das Deutsche Reich eingegliedert wurde.

Die Verse aber machten Karriere. Hans Löschel, der Redakteur der TZ, setzte sie 1936 in seinem „Führer und Heimatbuch“ mit dem Namen „Ed. Mörike“ unter den Teil über das Bad – und zwar in Kursivschrift und Fettdruck. Von der zweiten Auflage an (1949) bis zur sechsten (1967) standen sie als Motto vor dem entsprechenden Abschnitt.

Schließlich wollte die Kurverwaltung nicht zurückstehen. In dem Prospekt, der 1939 in einer Auflage von 270 000 Exemplaren gedruckt und auch noch in der Nachkriegszeit verschickt wurde, ist der Vers mit Mörikes Namen neben einem Bild der Mineralwasserausgabe platziert.

„In tiefster Erd ward ich gefunden / mein bittres Naß will zwar nicht munden / Doch wer mich trank, spürt neue Kraft / die segensreich mein Heilquell schafft.“ So lautet ein weiterer Vers – ohne Verfasserangabe, der in einem der neuen Gebäude zu sehen war. Er ist auf mehreren Ansichtskarten groß abgebildet. Von dem angeblichen Mörike-Vers ließ sich nur eine solche Karte finden. Allerdings kann man ihn auf einigen Fotografien der Ausgabestelle für das Bitterwasser mehr als nur erahnen.

Mineralwasser an der Theke

Dieser Vers bekam aber später, um 1960, einen ganz prominenten Platz, als die Wasserausgabe verändert wurde: Die Kurgäste wurden nicht mehr von einem Brunnenfräulein bedient, sondern mussten sich das Mineralwasser an einer gerundeten „Theke“ mit zwölf Wasserhähnen selbst holen. Die Vorderfront dieser Theke war mit hellen Mosaiksteinen verkleidet, in die die angeblichen Mörike-Verse mit dunklen Steinen eingelegt waren.

Für ein Merian-Heft „Rothenburg und die Tauber“ besuchte der Erzähler und Hörspielautor Wolfgang Weyrauch (1907- 1980) im Februar 1963 „als Späher“ die Stadt. Er schrieb danach den Text „Dreimal Mergentheim“, nämlich über die Stadt und die Kur, über Mörikes Haushaltungsbuch sowie über Grünewalds Madonna. Er beginnt mit einem Satz, der als Warnung verstanden werden muss: „Ich fürchte, ich werde Bad Mergentheim nicht gerecht.“

Weyrauch fährt aber damit fort, die Stadt zu loben: „Hingegen sah ich, als ich da und dort spazieren ging oder verweilte, in den Straßen und Gassen und Wegen, die nach Bäumen und Blumen oder nach Begebenheiten der Geschichte benannt waren, eine ungemeine Bewegung, die zwar nachts recht nachließ, doch nicht aufhörte. Natürlich, was sonst, ist Mergentheim doch gewissermaßen ein doppelter Ort, zumal, wenn in Momenten des Wärmerwerdens, der Wärme und des Kühlerwerdens die Fremden kommen und Heilung suchen und zweifellos oft finden.“

Der „Späher“ Weyrauch fühlte eine „imaginären Fahndungsliste im Kopf, hoffentlich auch im Herzen. Erst war die Liste leer, nun quillt sie über, wie mir scheint, fast wie die Ausgabenkladde Mörikes...“, über den er im zweiten Teil schreibt. Diesen Text schließt er mit der Bemerkung: „Weniger heiter scheint mir der folgende Vierzeiler zu sein: ‘Wer müd’ vom Leben oder krank, dem ist zu helfen Gott sei Dank, wenn er sich kann vergunnen, den Mergentheimer Brunnen.’ Mergentheim ist zu begreifen, dass es die vier Zeilen zum Slogan gemacht hat. Mörike ist nicht zu verstehen, er, der einen der erlesensten und prägnantesten Gedichtanfänge geschrieben hat, einen Satz, worin sich bereits, hundert Jahre vor Heym, die Lyrik aktivierte: ‘Gelassen stieg die Nacht ans Land ...’“

Ein „anderer Eduard“

Weyrauch hatte ein richtiges Gefühl, als ihn Zweifel an der Urheberschaft Mörikes von diesen Zeilen überkamen. Sie seien dem großen Lyriker von einem anderen Eduard untergeschoben worden, hat Carlheinz Gräter später einmal formuliert. Mit dem „anderen Eduard“ ist der Architekt der Wandelhalle gemeint, auf dessen Veranlassung die Mörike zugeschriebenen Verse mehrere Jahrzehnte die Ausgabestelle der Karlsquelle zierten.

Gräter vermied 1976 in seiner kurzen Darstellung der Kurgeschichte, die berühmt-berüchtigten Verse zu zitieren. Sie sind verständlicherweise in der historisch-kritischen Ausgabe von Mörikes Werken nicht abgedruckt. Allerdings beginnt ein Arzt in einem Merian-Heft von 1978, „Rothenburg und das Taubertal“, einen Artikel über „Kuren in Bad Mergentheim“ noch einmal mit den angeblichen Mörike-Versen, aber mittlerweile hat man Gräters Forderung erfüllt, sie zu entfernen.

Manch einer benutzt sie noch wie früher, einige andere aber können sie nur noch ironisch zitieren. Vielleicht ist die Aussage der Verse aber gar nicht falsch, wenn man bedenkt, was vier Wochen ohne Arbeit, aber mit Bedienung und ärztlicher Betreuung bewirken kann.