Bad Mergentheim

Schuhhaus Schneider in der Kirchstraße Die vierte Generation ist auch die letzte / Seit 1936 in der Kurstadt

Weiteres Fachgeschäft schließt die Türen

Archivartikel

Seit 1936 gibt es das Schuhhaus Schneider in der Kurstadt. Nun ist Räumungsverkauf, das traditionsreiche Fachgeschäft schließt seine Türen. Anvisiert ist das Jahresende, „aber wir sind flexibel“.

Bad Mergentheim. Es ist unübersehbar, das gelbe Transparent mit der roten Aufschrift „Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“ vor der Fensterreihe im ersten Stock. Dabei gehört das Schuhhaus Schneider sozusagen zum „Bestand“ in der Kur- und Badestadt – hier gab es nicht nur Schuhe, sondern auch die begehrten „Lurchi“-Hefte, an die sich heute nur noch die Älteren erinnern können. Die Marke aus Kornwestheim sicherte sich damit beständiges Interesse bei den Kindern – und die Eltern gingen beim Schuhkauf ebenfalls ins Fachgeschäft, das – auch daran können sich nur noch die Älteren erinnern – damals mit drei weiteren die Anlaufstelle in Sachen Schuhe war.

„Uns gibt es seit 1936 in Bad Mergentheim; mein Großvater und Urgroßvater kamen aus Wertheim. Auch dort hatten sie schon ein Schuhgeschäft“, sagt Wilhelm Schneider im Gespräch mit unserer Zeitung. Er ist die vierte Generation, und „mit mir endet die Epoche Schneider“. Gründe fürs Aufhören „gibt es viele, das Alter ist dabei nur einer. Aber ich scheide mit zwei weinenden Augen, denn das Geschäft, das war und ist mein Herzblut“, sagt Schneider.

Zu den Gründen für seinen Entschluss zum Aufhören gehört auch, dass „es nie zur Debatte stand, dass unsere Tochter das Geschäft übernimmt“. Doch das sei nur ein weiterer Aspekt. „Es gibt wichtigere“, betont der Geschäftsmann und zählt sie auf: „Die Umsätze im Schuhfachhandel sinken, ebenso wie in anderen Fachgeschäften. Und in der Innenstadt nimmt die Kundenfrequenz beständig ab.“ Dazu komme, dass es „in der Stadt insgesamt zu viel Schuhverkaufsfläche, ja insgesamt zu viel für ein höherwertiges Angebot gibt“. Schneider sieht eine „insgesamt schwieriger werdende Marktlage“ – ein Umstand, der von vielen Anbietern „unterschätzt wird“. Dennoch: „Mit all diesen Faktoren könnten wir umgehen“, aber ein weiterer Punkt käme noch hinzu: „Der Internethandel bedrängt sowohl die Fachgeschäfte als auch die großen Märkte.“ Und die böten ja „nicht nur Billigware“.

Kurzum: Für die Kunden bedeutet jedes fehlende Fachgeschäft ein „deutliches Weniger an Beratung“. Die werde von „jungen Leuten mit gesunden Füßen“ zwar weniger in Anspruch genommen, doch auch diese Klientel „fordert unsere Beratung und bestellt dann im Internet“ – ein Kundenverhalten, mit dem alle Fachgeschäfte zunehmend konfrontiert sind.

Doch abgesehen von all diesen Problemen gebe es noch ein weiteres Feld, das „den gesamten Einzelhandel“ betreffe. Schneider verweist auf die Personalsituation: „Es ist unheimlich schwierig, Fachkräfte zu finden. Und das gilt auch für Angelernte.“ Das liege zum einen an den Arbeitszeiten, zum anderen auch an der Vergütung. „Und die korreliert mit den Margen, die ja auch nicht steigen.“

Schneider kennt nach eigener Aussage die Branche, in der er „von der Pike auf“ sein gesamtes Berufsleben tätig war. Als er das Geschäft 1987 von seinem Vater übernahm, war das Kundenverhalten noch „ein völlig anderes als heute“. Zum einen seien die Kunden heute „angebotsorientiert“, zum anderen „kaum bereit, mehr auszugeben“. Die Schuhpreise selbst spiegeln das, „ganz anders als die allgemeine Preisentwicklung sind sie nämlich erstaunlich stabil: Markenschuhe beginnen bei rund 50 Euro, vor 20 Jahren waren es 99 oder 100 DM“, erinnert sich Schneider. Kurzum: Fachgeschäfte und der Schuhfachhandel im besonderen „beackern ein schwieriges Feld. Die Umsatzkeule trifft uns alle!“ Ein langfristiges Überleben könne alleine mit einem stationären Geschäft nicht gesichert werden, „ohne Versand, also Onlinehandel, kann man nicht überleben“. Das Problem dabei: „Der Online-Markt ist bereits besetzt. Sich da zu etablieren, erfordert entsprechende Investitionen und einen langen Atem.“

Trotz all dieser Gründe „fällt es mir nicht leicht, das Geschäft zu schließen“, sagt Schneider. Und auch an seine mitarbeitende Frau und die Angestellten – „wir sind ein tolles Team, bei uns gab es nie Probleme“ – denkt der Geschäftsmann. „Aber irgendwann muss man seine Entscheidung halt treffen. Bei mir halten sich die Emotionen und die Betriebswirtschaft die Waage.“ Dass er in den vergangenen Tagen „vielfach angesprochen wurde, weil unser ’Aufhören’ die Kunden mitnimmt“, das geht ihm nicht leicht über die Lippen. „Die Leute, oftmals langjährige Kunden, fragen uns, wo sie denn dann ihre Schuhe kaufen sollen“, erzählt Schneider. Noch können sie im Schuhhaus einkaufen, der Abverkauf läuft. „Beratung gibt’s natürlich auch noch.“

Was mit dem Geschäftshaus zukünftig geschehen wird, ist noch offen. „Zwei Interessenten haben sich schon gemeldet. Aber das ist jetzt noch zu früh, da müssen wir abwarten“, sagt Wilhelm Schneider.

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