Bad Mergentheim

WG Markelsheim 170 aktive Mitglieder aus sieben Weinbaugemeinden und rund 180 Hektar Anbaufläche / Klimawandel erschwert die Produktion / „Junge Leute steigen ein“

Weingärtner erwarten einen guten Jahrgang

Trockenheit, Spätfrost und der Strukturwandel setzen Landwirten immer mehr zu. Auch vor dem Weinbau machen die neuen Herausforderungen nicht Halt.

Markelsheim. Die Markelsheimer Weingärtner erzählen im Gespräch mit unserer Zeitung, wie sich ihr Handwerk verändert und was sie sich von diesem Jahrgang versprechen.

„Der Klimawandel ist real“, meint Michael Schmitt, geschäftsführender Vorstand der Markelsheimer Weingärtnergenossenschaft (WG), „das merken wir im Weinbau schon seit 25 Jahren, selbst, als das von der Öffentlichkeit noch gar nicht so wahrgenommen wurde“. Im Schnitt treiben die Reben nun zwei bis drei Wochen früher aus als noch vor ein paar Jahrzehnten, wodurch sich die Ernte immer weiter nach vorne verschiebt.

„Früher war der Oktober der traditionelle Erntemonat“, erinnert sich der Winzer, „das ging dann meistens bis November, da war es oft schon sehr kalt, einmal mussten wir sogar im Schneeregen lesen“. Mittlerweile beginnt die Ernte etwa zwei Wochen früher als noch in den 1980ern. So war die Lese im Jahr 2017 bereits Ende September abgeschlossen.

Risiko steigt

Was zunächst positiv klingen mag, bringt einige Probleme mit sich. „Je früher die Reben austreiben, desto größer ist das Risiko, dass noch einmal Kaltluft reinkommt“, gibt Michael Schmitt zu bedenken, „wir haben jetzt viel öfter mit Spätfrost zu kämpfen. 2016 und 2017 hatten wir dadurch große Einbußen“. Nur etwa 60 Prozent der normalen Ernte konnten damals eingeholt werden. „Da fehlen dann schnell 40 Prozent des Gehalts.“

Auch 2019 startete für die Winzer in der Region mit einigen frostigen und daher unruhigen Nächten. „Wir sind dieses Jahr ganz knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert“, erzählt der Markelsheimer, „wäre es im Mai nur ein halbes Grad kälter gewesen, hätte es sehr schlecht ausgesehen. Das war wirklich knapp.“

Vom Frost im Frühjahr zu Höchsttemperaturen im Sommer. Nicht nur kalte Nächte, auch anhaltend heiße Tage gefährden die begehrte Traube zunehmend. Gerade ungeschützte, das heißt nicht von Blättern verdeckte Früchte „verkochen“ regelrecht am Rebstock. Das macht besonders dem zukünftigen Weißwein zu schaffen, weiß Kellermeister Peter Kilburg. Seit 15 Jahren ist er in der Markelsheimer Weingärtnergenossenschaft unter anderem für die Erfassung und Begutachtung der Trauben und die Qualität des Endprodukts zuständig.

Dem neuen Jahrgang sieht er grundsätzlich positiv entgegen. „Wir rechnen dieses Jahr mit einer sehr guten, sogar überdurchschnittlichen Qualität der Trauben. Die Bedingungen sind eigentlich gut, nur was mit der Säure im Weißwein passiert, ist ungewiss. Für eine Prognose ist es noch zu früh.“

Bei ausreichender Wasserversorgung profitieren die Trauben normalerweise von heißen Temperaturen. Was dem Rotwein zugutekommt, kann dem charakteristischen Säuregehalt des Weißweins jedoch schaden. „Durch den höheren Zuckergehalt enthält der Wein mehr Alkohol und ihm fehlt diese gewisse interessante Säure“, erklärt der Kellermeister, „er schmeckt dann einfach langweilig“. Um dem vorzubeugen, kommen zunehmend verschiedene Techniken zum Einsatz. So können die hellen Trauben beispielsweise verfrüht geerntet werden, bevor ihr Zuckergehalt zu hoch wird. Auch durch ein schnelleres Abpressen, die Beigabe von Gerbstoffen oder die Unterbrechung der Gärung kann die nötige Säure erhalten werden.

Lese verstärkt in Nachtstunden

Damit die Trauben nicht zu heiß zur Weiterverarbeitung gelangen, wird die Lese in besonders aufgeheizten Erntewochen verstärkt in die Nachtstunden verlegt. „Früher war das anders“, erzählt Peter Kilburg, „da haben wir wegen der Kälte oft mit Handschuhen lesen müssen, heute ernten wir teilweise nachts im T-Shirt. Das ist eine beunruhigende Entwicklung“.

Für traditionell in der Region beheimatete weiße Rebsorten, wie den Riesling, könnte es in Zukunft daher kritisch werden, befürchtet er. „Tendenziell wird man sich in 20 bis 30 Jahren wohl an der Neuanpflanzung anderer Rebsorten versuchen müssen.“

Laut Vorstand Michael Schmitt mache man sich über derartige Veränderungen schon jetzt intensiv Gedanken. „Wir müssen an Maßnahmen für die Zukunft denken“, mahnt der Winzer, „wo kann man eventuell Brunnen bohren? Wie können wir die Bewirtschaftung noch wassersparender gestalten? Vielleicht müssen langfristig auch die Anbauflächen aus der direkten Südlage wegverlegt werden“.

Eine jüngere Entwicklung, die man mit Sorge betrachte, sei zudem die Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit. „Der Landwirtschaft wird leider häufig der schwarze Peter zugeschoben, wenn es um den Klimawandel geht“, findet Michael Schmitt, „dabei sind wir eigentlich am stärksten betroffen. Wir wollen die Leute sensibilisieren und zeigen, dass wir uns der Sache bewusst sind und etwas dagegen unternehmen“.

Gerade aufgrund der erschwerten Bedingungen, sieht er es als wichtige Aufgabe der Genossenschaft an, den Beruf des Weinbauers für die rund 170 aktiven Mitglieder aus sieben Weinbaugemeinden attraktiv zu halten und das Gemeinschaftsgefühl zu pflegen. „Man kann nicht sagen, dass Winzer ein sterbender Beruf ist“, meint der Markelsheimer, „vor 30 Jahren war hier noch beinahe jede Familie im Weinbau tätig. Natürlich haben viele aufgehört und haben ihre Flächen verpachtet oder verkauft, dadurch wachsen die übrigen Betriebe. Aber in den letzten Jahren steigen auch immer wieder mehr junge Leute ein, die zum Beispiel den Weinberg von ihrem Opa übernehmen. Darüber sind wir sehr glücklich.“

Dennoch könnte es in Zukunft schwierig werden, einige Flächen, die mit den Erntemaschinen nicht befahrbar sind, am Leben zu erhalten. Sie müssten teilweise gerodet werden und lägen dann brach. Noch seien die rund 180 Hektar Anbaufläche jedoch relativ stabil. Auch die Mitgliederzahlen, die vor einigen Jahren durch den Wegfall vieler älterer Winzer einen deutlichen Knick erlitten hatten, hätten sich wieder stabilisiert.

Helfende Hände willkommen

Helfende Hände seien trotzdem immer gerne gesehen. Wer Lust hat selbst einmal im Weinberg Hand anzulegen, kann sich gerne bei der Genossenschaft melden und wird dann an einen der Winzer vermittelt. „Es kommt oft vor, dass Kunden anfragen, ob sie bei der Lese helfen dürfen. Danach meinen viele, dass ihnen gar nicht bewusst war, was für ein Knochenjob das ist, und dass sie ihren Wein jetzt viel bewusster genießen“, lacht Michael Schmitt: „Wein ist einfach ein emotionales Produkt, auch wenn der Weg dahin immer aufwändiger wird.“

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