Bad Mergentheim

„La Finesse & Band“ im Kursaal Grieg, Beethoven und Led Zeppelin / Musiker beherrschten ihre Instrumente exzellent

Weihnachtsgeschenk der besonderen Art

Archivartikel

Was tun am zweiten Weihnachtsfeiertag? Neben dem Verdauungsspaziergang gab es noch zwei Möglichkeiten: Zirkus und „La Finesse“. Wer sich für die Musik entschied, bekam kräftig auf die Ohren.

Bad Mergentheim. Irgendwie ist man weihnachtsmäßig gesättigt – vom guten Essen, feinen Getränken, Geschenken und – ja, da fehlt doch noch etwas. Wie wäre es mit Unterhaltung? Musik? Und bitte nicht das Übliche; es darf gerne mal ein etwas anderes Konzert sein. „Aber ja doch“, sagte die Kurverwaltung und präsentierte „La Finesse & Band“ im Kursaal.

Vier junge Damen, die die Grenzen zwischen Klassik und Rock übertreten – ein anderes Streichquartett mit einem anderen Programm eben. Dazu eine Band. Und eine andere Optik: Die Besucher im gut gefüllten Kursaal bekommen viel zu sehen, denn das Quartett erscheint (im ersten Teil) als „Ladys in Red“, nach der Pause im „kleinen Schwarzen“ und knallengen Leggins: Hagit Halaf und Anna-Maria Barth (Violine), Anne Eberlein (Viola) und Birgit Förstner (Cello) sind „La Finesse“. Die Band - Tristan Schulz (Flügel), Chris Adam (Gitarre), Samy Saemann (Bass) und Chris Maldener (Drums), er wirkte, da unauffällig gekleidet, im Hintergrund. Soweit zur Optik.

Doch halt, zur Optik gehört auch die Bühnenshow. Nicht steif sitzend wie die Ölgötzen musizieren die Künstler, sondern stehend und mit viel Schwung, weil ständig in Bewegung. Da wird das Angekündigte schnell übertroffen, die Damen agieren fast wie Rockstars aus der Zeit, als noch nicht alles durcharrangiert wurde und die Künstler als Hupfdohlen auftraten. Und ja, sie haben es drauf. Zusehen macht an diesem Abend genau so viel Spaß wie das Zuhören. Hagit Halaf hat übrigens in Tel Aviv studiert. Israel-Fans wissen es: Jerusalem betet, Haifa arbeitet und Tel Aviv feiert. Diese Stimmung hat die Violinistin mitgebracht und zeigt ihre ganze musikalische Lebensfreude auf der Bühne.

Das Repertoire ist groß, und es ist eine Schnittmenge von Klassik, modernen Kompositionen und Rock-Titeln, die über das bloße Pop-Genre herausgehen – ein etwas anderes Konzert, aber mit viel Niveau halt.

Den Einstieg bildet ein Stück aus der Holberg-Suite von Edvard Grieg, und dem folgen Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Bei „Frühling“ und „Sommer“ steigt die Band ein, und das macht gehörig Eindruck. „Da schau her“, denkt sich der Zuhörer und -seher, „so machen die das also: Zuerst das Quartett, dann zusammen mit der Band.“ Dieser Wechsel prägt den Abend, macht die Musik doppelt hörenswert, zumal alle Musiker auf der Bühne ihr Instrument exzellent beherrschen.

Mit der Klingel in der Hand

Wer kennt es nicht, das „Typwritter“-Stück von Leroy Anderson. Und weil da auch die Klingel betätigt werden muss, holt eine der Damen einen völlig Unbeteiligten aus dem Kreis der Besucher. Der Mann ist überrascht, folgt aber artig dem „blonden Gift“, der großgewachsenen Geigerin Anne-Marie Barth, auf die Bühne und bekommt seine Klingel.

Dann geht’s auch schon los, und der Neue macht begeistert mit – ebenso wie die Zuhörer. So mancher tippt regelrecht auf der virtuellen Schreibmaschine (ja, das gab es einmal. . .) mit.

„Baby Elephant“ von Henry Mancini lässt die Stimmung weiter ansteigen, und nach „Somewhere over the rainbow“ aus dem „Wizard of Oz“, bei dem die Cellistin ihr Instrument mit der Säge vertauscht, folgt ein echter Kracher, das James Bond-Thema. Das kommt richtig knackig, angereichert mit einem beeindruckenden Drum-Solo.

Es folgen zwei weitere Stücke, dann ist ist Pause und damit eine gute Gelegenheit, das Gesehene und Gehörte „sacken“ zu lassen.

Zurück im Saal kommen die Damen leicht verändert (wie vorhin beschrieben) auf die Bühne. Und es wird noch rockiger: „Star Wars“ passt ja irgendwie immer, und Perris „1000 Years“ ergänzen sich wunderbar. „Viva la Vida“ von Coldplay lässt wieder aufhorchen, denn der Bassist zeigt seine ganze Virtuosität mit einem knackigen Solo.

Beim „Game of Thrones“-Thema sind dann wieder alle Musiker vereint am Werk; und es folgen zwei echte Höhepunkte: „Kashmir“ von Led Zeppelin präsentieren „La Finesse“ und Band derart gut, dass die Akteure (besonders der Gitarrist) sicherlich Szenenapplaus von Jimmy Page bekommen hätte, wenn der Meister dem Konzert gelauscht hätte. Beim folgenden abschließenden Showact „Classic on Catwalk“ zeigen die Damen und die Herren noch einmal, wie beeindruckend klassische Musik diverser Komponisten neu interpretiert werden kann – das geht ins Ohr und regt an. Dermaßen, dass die Musiker mit Standing Ovations zurück auf die Bühne gerufen werden. Und natürlich legen sie nach: Zwei Zugaben gibt es, und sowohl die Akteure wie auch das Publikum sind zufrieden mit dem Abend.

Bleibt nur noch ein Tipp an die Kurverwaltung: Gerne wieder!

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