Bad Mergentheim

800 Jahre Deutscher Orden Zweiter Teil der Serie über das Bad Mergentheimer Schloss / Zauber der gemütlichen Weinstuben / Hilfreicher Blick auf den Bläserturm

Wankender Schritt und schwere Zunge

Archivartikel

Was es mit gemütlichen Weinstuben und dem Bläsertum des Schlosses auf sich hat, erfahren wir von einem weinseligen Stadtführer.

Bad Mergentheim. In unserer ersten Folge über das Deutschordensschloss am 18. Mai haben wir einen Eindruck von der weitläufigen Anlage aus der Sicht des Stuttgarter Architekten Eugen Eger gewonnen, der vom Marktplatz in den 1920er Jahren kommend sich enttäuscht zeigte von der „langweiligen Baumasse“. Und Museumsdirektorin Maike Trentin-Meyer hat erklärt, warum Eger nicht auf ein prunkvolles und repräsentatives Barockschloss gestoßen ist, sondern auf eine „Verwaltungsresidenz“ für Deutschordensbeamte, die zudem noch als Kaserne zweckentfremdet wurde.

Während allerdings Architekt Eger in seinem Stadtführer aus dem Jahre 1925 angesichts des Mergentheimer Schlosses eine „ungegliederte“ Baumasse sah, „aus der der kahle Blaserturm unvermittelt einsam und blöd gen Himmel starrt“, geht Peter Niemann in seinem Stadtführer von 1972, der den Titel „Bummel durch Bad Mergentheim“ trägt, vorbei an einladenden Gasthöfen, Weinkellern, Cafés und Boutiquen und strebt dem Marktplatz zu.

Dort angekommen, rät er dem Publikum: „Werfen Sie noch einen Blick zurück auf den Bläserturm“, der „eine romantische Melodie in diese blitzende Sauberkeit der Straßen, in das verlockende Angebot der modernen Auslagen“ und „in die unbeschwerte Kur-Stimmung“ zaubert.

Und ganz anders als Eger, der von dem „Blaserturm“ geradezu angeödet war, ist Peter Niemann geradezu entzückt von den Diensten, die der Bläserturm den Gästen der Stadt leisten kann, „dann nämlich, wenn Sie dem Zauber einer der gemütlichen Weinstuben erlegen sind“, was natürlich nur passieren dürfe, wenn es die Kur-Diät erlaube, „und sich schließlich mit etwas wankendem Schritt und schwerer Zunge, doch glücklich und um ein paar frohe Lebensstunden reicher, auf den Heimweg machen, dann also wird der Bläserturm Sie unfehlbar durch das Schlosstor hin zum Kurviertel geleiten. . . “.

Solch ein Zauber der gemütlichen Weinstuben war offensichtlich Eugen Eger nicht zuteil geworden, sonst hätte er vielleicht auch ganz anders über den „Blaserturm“ geurteilt. Peter Niemann dagegen erlag offensichtlich immer wieder dem Zauber der Weinstuben, denn bei seinem „Bummel durch Bad Mergentheim und das liebliche Taubertal“ traf er auch auf Weikersheim, wo er dem Gast rät: „Verträumen Sie ruhig einige Stunden in diesem Städtchen, unweit von Bad Mergentheim, und versäumen Sie auch nicht, seinen Wein zu kosten! Er wird Sie vollends sorgenfrei und glücklich machen.“

Genug aber jetzt von der Weinseligkeit. In unserer nächsten Folge wollen wir uns wieder dem Schloss in Mergentheim zuwenden und der Frage nachgehen, warum aus der unbedeutenden Wasserburg der Hohenlohe die Regierungsresidenz des Deutschen Ordens wurde und damit auch das „Zentrum einer europäischen Organisation, deren Ritter durch verwandtschaftliche Beziehungen und Tätigkeiten in Diplomatie und Militär weit über die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation hinaus vernetzt waren“, wie Hochmeister Frank Bayard in seinem Grußwort zu „800 Jahre Deutscher Orden in Bad Mergentheim“ erklärt.