Bad Mergentheim

„Sterbecafé“ in der Kurstadt Offenes Gesprächsklima im geschützten Raum / „Die unterschiedlichsten Empfindungen und Betrachtungsweisen“

Viele Fragen zum Umgang mit dem Tod

Archivartikel

Es hat sich etabliert: das „Sterbecafé“. Regelmäßig trifft sich die Gruppe im Restaurant Alexander. „Wir sind kein todtrauriger, sondern ein munterer Kreis“, sagt die Initiatorin Elisabeth Burger.

Bad Mergentheim. Das Thema „Sterben“ wird gerne verdrängt, gleichwohl trifft es uns alle. „Irgendwann müssen wir uns damit auseinandersetzten“, sagt Elisabeth Burger, die Initiatorin dieser besonderen Selbsthilfegruppe namens „Sterbecafé“. Das Thema ist „nicht die Trauerbewältigung“, betont Burger im Gespräch mit unserer Zeitung. Vielmehr gelte es, das Thema Sterben und Tod in seiner ganzen Vielfalt zu besprechen und dabei auch „Ängste abzubauen und einen eigenen Weg zu finden, mit der Thematik umzugehen“.

„Da gibt es ja viele Details mit unterschiedlichsten Empfindungen und Betrachtungsweisen“, weiß Pastoralreferent Jens Jörgensmann von der katholischen Kirchengemeinde, die das Projekt unterstützt. „Wir sind offen für Gläubige aller Religionen, das ’Sterbecafé’ ist kein auf Katholiken beschränktes Angebot“, betont der Pastoralreferent.

Zusammen mit Elisabeth Burger leitet Jens Jörgensmann die rund zweistündigen Treffen. Dass das „Alexander“ den Raum unentgeltlich zur Verfügung stellt, stellt Burger besonders heraus. „Wir sind dafür sehr dankbar, denn großen Umsatz machen wir ja nicht.“ Bei den Treffen kommen mittlerweile jedes Mal „sieben, acht“ Teilnehmer zusammen. Noch sind es überwiegend Frauen, doch Burger und Jörgensmann sind zuversichtlich, dass im Lauf der Zeit mehr Männer dazukommen.

Die Gesprächsrunde hat ganz unterschiedliche Fragen und Anmerkungen, wie unser Reporter erfuhr. Die FN durften nämlich „Mäuschen“ spielen, also zuhören, was die Gruppenmitglieder an Fragen und Anmerkungen in die Diskussion warfen. Wie bei allen Selbsthilfegruppen, gilt auch beim Sterbecafé die Regel, dass „im Raum bleibt, was im Raum gesprochen wird“. Diese Diskretion ist eine Grundvoraussetzung für ein offenes Gesprächsklima, und das ist bei einem solch sensiblen Thema wie dem Sterben auch unverzichtbar. Das „Sterbecafé“ soll ein Anlaufpunkt sein für alle, die das Gespräch ebenso wie den Austausch mit anderen suchen. Und alle Teilnehmer können sicher sein, dass die gebotene Diskretion gewahrt bleibt. Daran hält sich natürlich auch unsere Zeitung. Gesagt werden kann aber, dass die Teilnehmer alles andere als verbissen an das Thema herangehen. Es wird – ja, tatsächlich! – auch mal gelacht.

Elisabeth Burger hat eine ganzen Rucksack voller Bücher mitgebracht, die sich mit dem Sterben und dem Tod sowie dem Umgang damit beschäftigen. Die Vielzahl der Bücher beziehungsweise der Titel zeigt, dass es viele Menschen gibt, die Rat suchen, Fragen zu diesem Thema haben und und Antworten wollen. Gerade Letzteres ist, wie sich bald zeigt, aber nicht immer einfach.

Und was bringen die Teilnehmer mit zu den Treffen? Da ist viel – im positiven Sinn – Neugierde dabei, aber eben noch viel mehr Fragen. Zum einen die nach dem ganz persönlichen Umgang. Ein Todesfall, egal, ob in der Familie oder im Bekanntenkreis, „bewegt immer. Er führt zu Fragen und will Antworten“, erklärt Burger. Und das wird auch in der Gesprächsrunde deutlich.

Wie reagieren (und verarbeiten), wenn die Betroffenen ganz anders als erwartet oder üblich (mit allen dabei anzutreffenden Differenzierungen) damit umgehen? Kommt der Tod plötzlich, etwa wegen eines Unfalls, nach langer Krankheit oder in hohem Alter? Schnell wird deutlich, dass auch die Gruppenmitglieder individuell empfinden und reagieren – und die Verarbeitung dann ebenso individuell erfolgt. Das gilt auch für den Fall, dass ein nach langer Krankheit bereits vom Tode gezeichneter Mensch Abschied nimmt und/oder man selbst sich von ihm verabschiedet. Auch hier zeigt sich ein sehr individuelles Erleben und ein ebensolcher Umgang.

Und dann kommt noch eine ganz wichtige Frage: „Was geschieht eigentlich beim Sterben?“ Da folgt dann schnell das „was passiert dann?“ – und da wird es noch schwerer mit den Antworten. „Man kann ja niemanden fragen“, sagt Burger. Denn was das Sterben selbst angeht, gibt es nur Berichte von Menschen mit Nah-Tod-Erfahrung, und die „schildern immer die gleichen Phänomene“.

„Nach allem, was wir wissen“, ergänzt Jörgensmann, „ist es wohl so wie in diesen Berichten geschildert“. Aber ob das so geschildert wird, weil es ja immer wieder so berichtet wird und das dann auch durch die Medien geht? Gibt es da, tief in uns allen verborgen, eine Erwartungshaltung? „Eine vollständige Antwort gibt es nicht, eben weil wir es nicht wissen.“

Der Tod, das Sterben, sie bleiben ein Mysterium, das nur biologisch leicht zu erklären und somit nachvollziehbar ist.

„Aber der Mensch hat ja eine Seele“, sagen alle Religionen, und auch, wer nicht religiös ist, kommt daran kaum vorbei. Die Frage nach dem „Danach“ beschäftigt die Menschheit seit ihren Anfängen.

Klar wird: Wichtig ist, dass darüber gesprochen werden kann. So, wie auch über die vielen anderen Fragen, die sich beim persönlichen Umgang mit dem Sterben stellen. Das „Sterbecafé“ ist dafür die richtige Adresse.

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