Bad Mergentheim

Herzwoche in Bad Mergentheim Kurverwaltung und Kardiologen geben Auskunft / Interview-Reihe mit Experten / „Das Wichtigste ist, den Infarkt zu verhindern“

„Sterberate nach Herzinfarkt leider unverändert“

Das Robert-Koch-Institut meldet für Deutschland etwa 280 000 Herzinfarkte pro Jahr. Die Deutsche Herzstiftung verweist auf jährlich rund 65 000 Todesfälle infolge plötzlichen Herzstillstands.

Bad Mergentheim. Das Herz ist unser wichtigster Muskel und er rückt jährlich im November durch vielfältige Aktionen der Deutschen Herzstiftung deutschlandweit ins Zentrum der Aufmerksamkeit, so auch in Bad Mergentheim.

Coronabedingt können diesmal aber keine Live-Veranstaltungen im Rahmen der Herzwoche in der Kurstadt stattfinden. Das Institut für Bad Mergentheimer Kurmedizin, Gesundheitsbildung und medizinische Wellness – eine Institution der Kurverwaltung – wollte 2020 gemeinsam mit Bad Mergentheimer Kardiologen wichtige Informationen der interessierten Öffentlichkeit weitergeben und suchte nun neue Wege dafür.

Weil Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland in der Statistik zu den häufigsten Todesursachen zählen, war für die Herzexperten und den Veranstalter klar, dass sie die Einwohner im Main-Tauber-Kreis trotzdem gerne für die Herzgesundheit auch in diesen besonderen Zeiten sensibilisieren wollen und so nutzt man nun die Möglichkeiten der Fränkischen Nachrichten. Verschiedene Experten kommen hier in den nächsten Tagen zu Wort.

Den Anfang macht heute Dr. Ulrich Hahn. Er ist Internist, Kardiologe und Notfallmediziner in Bad Mergentheim.

Herr Dr. Hahn, wie steht es um die Herzgesundheit unserer Bevölkerung?

Dr. Ulrich Hahn: Der jährlich erscheinende Herzbericht für Deutschland zeigt eine Zunahme der Herzerkrankungen, aber auch einen Rückgang der Sterberate durch verbesserte Behandlungsmöglichkeiten. Die Sterberate nach Herzinfarkt bleibt leider unverändert.

Woher weiß ich, ob ich vom Herzinfarkt bedroht bin?

Hahn: Jeder kann für sich überprüfen, ob er durch Risikofaktoren wie erhöhtes Cholesterin, Diabetes mellitus oder erhöhten Blutdruck betroffen ist und damit ein erhöhtes Herzinfarktrisiko aufweist. Rauchen ist besonders schädlich für das gesamte Herz-Kreislaufsystem. Kommen in meiner Familie häufiger Herzinfarkte vor, könnte auch mein persönliches Risiko höher sein.

Warum entsteht eigentlich ein Herzinfarkt?

Hahn: Unter Einwirkung der genannten Risikofaktoren können sich Ablagerungen an den Herzkranzgefäßen ausbilden. Wir sprechen von Arteriosklerose der Koronararterien. Beim Herzinfarkt führt ein Aufbrechen dieser Ablagerungen zu einem Gefäßverschluss mit einer resultierenden Durchblutungsstörung und einem Gewebsuntergang des Herzmuskels.

Welche Symptome macht der Herzinfarkt?

Hahn: Nicht selten gehen einem Herzinfarkt Brustbeschwerden unter körperlicher oder psychischer Belastung voraus. Eine solche Symptomatik sollte man unbedingt seinem Hausarzt mitteilen. Häufig tritt ein Herzinfarkt aber auch ohne vorherige Symptomatik auf und macht sich durch einen heftigen Schmerz hinter dem Brustbein bemerkbar. Bei diesen Beschwerden, aber auch bei jedem anderen anhaltenden Schmerz im Brustkorb sollte der Rettungsdienst unter Telefon 112 alarmiert werden.

Wie kann ich mich vor dem Herzinfarkt schützen?

Hahn: In dem ich meine Risikofaktoren erkenne und gemeinsam mit meinem Hausarzt bespreche. In meiner Praxis beobachte ich häufig, dass viele Menschen ihren Cholesterinwert nicht kennen.

Ob ein erhöhter Blutzucker oder ein erhöhter Blutdruck vorliegt, ist den Patienten dagegen meist bekannt. Eine leichte Erhöhung des Cholesterinwertes kann durch eine Lebensstiländerung behandelt werden. Krankhaft erhöhte Cholesterinwerte lassen sich durch eine Ernährungsumstellung häufig nicht ausreichend behandeln, sondern müssen medikamentös therapiert werden.

Man hört oft den Vorwurf, es werden zu häufig Medikamente bei erhöhtem Cholesterin eingesetzt.

Hahn: Wir besprechen dieses Thema fast täglich in der Praxis. Es ist tatsächlich so, dass die medikamentöse Behandlung des erhöhten Cholesterins in Medien und durch selbst ernannte Experten häufig in Frage gestellt wird. Während dies bei anderen Risikofaktoren wie Diabetes mellitus oder erhöhtem Blutdruck nicht der Fall ist.

Vielleicht fehlt es beim Thema Cholesterin an einer mangelnden Aufklärung oder es liegt an einer gewissen Komplexität der Vorgaben, bei wem und vor allem mit welchem Zielwert behandelt werden soll. Hierfür gibt es klare Empfehlungen unserer Fachgesellschaft, die wir mit jedem Patienten besprechen.

Was zeichnet die Herzinfarktversorgung im Main-Tauber-Kreis aus?

Hahn: Das Wichtigste ist, den Herzinfarkt zu verhindern, weshalb die Arbeit unserer hausärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen so bedeutsam ist. Ist der Herzinfarkt einmal eingetreten, spielt das DRK mit seinem effektiven Rettungssystem die entscheidende Rolle, den Betroffenen rasch der lebensrettenden Behandlung zuzuführen – der Wiedereröffnung der verschlossenen Herzkranzarterie. Diese Behandlung ist im Herzkatheterlabor des Caritas-Krankenhauses 24 Stunden an sieben Tagen der Woche möglich.

Eine schnelle Verbringung des Patienten in das Herzkatheterlabor kann größere Schäden des Herzmuskels verhindern. Daten aus früheren Untersuchungen belegen eine im Bundesvergleich sehr gute Versorgung der Herzinfarktpatienten im Main-Tauber-Kreis.

Wie erfolgt die Weiterbehandlung nach einem Herzinfarkt?

Hahn: Nach der Eröffnung des verschlossenen Gefäßes und einem in der Regel kurzen stationären Aufenthalt ist eine Anschlussheilbehandlung empfohlen.

In Bad Mergentheim haben wir sehr gute Rehabilitationseinrichtungen, die diese Behandlung anbieten. Nach meiner Erfahrung wird diese Versorgung von Patienten auch sehr gerne angenommen.

Gelegentlich ist nach einem Herzinfarkt auch eine Bypassoperation erforderlich, welche beispielsweise an der Herzchirurgie in der Uniklinik Würzburg durchgeführt werden kann.

Welche Rolle spielt Ihre Praxis bei der Versorgung der Herzinfarktpatienten im Main-Tauber-Kreis?

Hahn: Neben der fachärztlichen Betreuung von Patienten nach Herzinfarkt, untersuchen wir hausärztlich zugewiesene Patienten hinsichtlich ihrer Herzinfarktgefahr und führen sie gegebenenfalls einer Behandlung zu. Wir nennen das Risikostratifizierung. In Abhängigkeit der Beschwerden und des Risikoprofils kommen verschiedene apparative Methoden zur Klärung des Herzinfarktrisikos zur Anwendung. Die meisten Untersuchungen können wir in unserer Praxis durchführen. Andere wiederum, wie beispielsweise eine Herzkatheteruntersuchung oder eine Schrittmacherimplantation, können wir über ein Kooperationsmodell im Caritas-Krankenhaus durchführen. Die gute Zusammenarbeit mit dem Caritas und der Medizinischen Klinik 1 unter der Leitung von Privatdozent Borst stellt einen wichtigen Baustein bei der Versorgung aller Herzpatienten im Main-Tauber-Kreis dar.

Was raten Sie abschließend Ihren Herzpatienten in Zeiten der Corona-Pandemie?

Hahn: Bewegen Sie sich regelmäßig an der frischen Luft, schützen Sie sich vor Infektionen und bleiben Sie guten Mutes. Es kommen auch wieder bessere Zeiten!

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