Bad Mergentheim

100 Jahre SPD-Ortsverein Bad Mergentheim, Teil 1 Die Geschichte beginnt 1918 / Nach dem Ersten Weltkrieg, zu Beginn der Weimarer Republik

SPD-Reichsprominenz kam gerne vorbei

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es einige Mitglieder der SPD in Bad Mergentheim. Auf Ortsebene waren sie aber nicht organisiert – erst ab 1918.

Bad Mergentheim. Am morgigen Freitag, 9. November, feiert der SPD-Ortsverein sein 100-jähriges Bestehen im festlichen Rahmen.

In der Presse wird der Der SPD-Ortsverein Mergentheim erstmals am 20. Dezember 1918 erwähnt. An diesem Tag wird in einer Anzeige für denselben Abend zu einer Versammlung mit Vorstandswahlen eingeladen. Hierin heißt es unter anderem: „Wegen der letzten zurückgestellten Vorstandswahl ist vollständiges Erscheinen aller Mitglieder erforderlich.“

Aus den wenigen erhaltenen Belegen jener Tage ergibt sich folgendes Bild: Es muss vor dem 20. Dezember 1918 eine SPD-Versammlung mit einer nicht durchgeführten Vorstandswahl gegeben haben. Wahrscheinlich war dies die geplante Gründungsversammlung des Ortsvereins. Mit Sicherheit hatte der Ortsverein aber erst ab dem 20. Dezember 1918 einen ordnungsgemäßen Vorstand. Deshalb ist der 20. Dezember als der eigentliche Gründungstermin anzunehmen. Eine Gründungsurkunde ist leider nicht vorhanden.

Erster Vorsitzender wurde der Motor der Gründung, Georg Eichhorn. Bei der Kommunalwahl 1919 waren er und Albert Bott die beiden ersten Sozialdemokraten im Mergentheimer Gemeinderat. Wie auch auf Reichsebene hatte man sich sicherlich einen größeren Stimmenanteil erhofft, aber bedenkt man den sehr geringen Arbeiteranteil an der Mergentheimer Einwohnerschaft und dass die SPD damals weitgehend als Klientelpartei für die Arbeiter angesehen wurde, dann waren 10,2 Prozent und zwei der 18 Sitze ungefähr das, was man bei realistischer Betrachtung erwarten konnte.

Der Ortsverein entwickelt in den ersten Jahren seiner Existenz eine rege Aktivität, arbeitete auf örtlicher Ebene wiederholt mit der DDP zusammen, erscheint harmonisch, gut funktionierend, wohlgeordnet und verfügt sogar über einen eigenen Bibliothekar. Neben seinem Anspruch auf politische Teilhabe war er also auch bildungsorientiert. Im Jahr 1919 setzt er sich vehement für das Frauenwahlrecht ein. Seine Mitglieder waren damals übrigens ausnahmslos männlich!

Schreinermeister und Werkführer Georg Eichhorn war in der Frühzeit der Mergentheimer Sozialdemokratie ihre treibende Kraft. Er war nicht nur Vorsitzender und Stadtrat, sondern auch der SPD-Bezirksvorsitzende und 1920 Landtagskandidat Er prägte das örtliche Erscheinungsbild der Partei in der Weimarer Zeit.

Die Besuche des Reichspräsidenten Friedrich Ebert, der sich nach eigenem Bekunden in Bad Mergentheim sehr wohl fühlte, sind Höhe- und Glanzpunkte in der Geschichte der Mergentheimer SPD. Friedrich Ebert war zwar der Gast mit dem höchsten politischen Amt, keineswegs aber der einzige hochrangige SPD-Politiker in der Stadt und bei den Sozialdemokraten. Bei der SPD-Reichsprominenz scheint sich während der Weimarer Republik eine gewisse Vorliebe für einen Kuraufenthalt in Bad Mergentheim gebildet zu haben. Selbstverständlich war man immer auch zu Gast im Ortsverein. Die neben Ebert bekanntesten Gäste waren Reichskanzler Hermann Müller, Reichstagspräsident Paul Löbe und Louise Schroeder, Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt und 1947/48 amtierende Oberbürgermeisterin von Berlin.

Dieses positive Bild der Orts-SPD ist aber nur die halbe Wahrheit. Die allgemeine Situation in Deutschland und die Erfolglosigkeit auf Ortsebene lähmte die Vitalität des Ortsvereins. Der Wahlanteil bei Kommunalwahlen sank von 6,1 Prozent 1922 auf 3,2 Prozent 1925.

Schon 1922 konnte die SPD für die Kommunalwahl von neun möglichen Kandidaten nur drei aufstellen und auch das nur in Verbindung mit den Gewerkschaften. Vor diesem Hintergrund ist das Wahlergebnis von 6,1 Prozent geradezu noch ein Erfolg.

1925 kandidierte Georg Eichhorn nicht mehr auf der SPD-Liste, sondern auf einer „Freien Liste“. Dies musste sich natürlich negativ auf die Attraktivität der Liste auswirken, war Eichhorn doch die örtliche sozialdemokratische Gallionsfigur. Der Grund für dieses Verhalten lässt sich nicht mehr ermitteln. Man kann nur darüber spekulieren.

Ab 1928 bis zum Ende der Weimarer Demokratie tritt die SPD bei Kommunalwahlen nicht mehr mit einer eigenen Liste an. In den letzten Jahren der Republik erscheint die SPD Mergentheim im wesentlichen nur noch als Organisator von Versammlungen und führt Maifeiern durch.

Was die genaue Mitgliederzahl bei der Gründung angeht, so gibt die Quellenlage leider keine genaue Auskunft darüber. Doch grundsätzlich kann gesagt werden, dass es 1918 ein Start auf ziemlich niedrigem Niveau war. Nach einer kurzen positiven Entwicklung war nach 1921 die Mitgliederzahl stetig leicht rückläufig. Das Reservoir an aktiven Mitgliedern war dürftig, was auch die immer bescheidener werdende Außenwirkung erklärt.

Unter dem Druck des Terrorregimes der Nazis hörte der SPD-Ortsverein 1933 auf zu existieren. Am 10. Mai 1933 ordnete der Generalstaatsanwalt in Berlin an, das Vermögen der gesamten Sozialdemokratischen Partei Deutschland einzuziehen.

Am 5. Juli 1933 teilte das württembergische Innenministerium mit: „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands – Bezirksverband Württemberg und Hohenzollern, die bekanntlich seit einigen Wochen nurmehr ein Schattendasein geführt hat, ist nunmehr auch in Württemberg in aller Form [...] aufgelöst und das Vermögen beschlagnahmt worden.“

Das war auch für den SPD-Ortsverein in Bad Mergentheim das Ende – vorübergehend! Morgen folgt Teil 2. Klaus-Dieter Brunotte