Bad Mergentheim

Neue genetische Erkenntnisse in der Archäologie Althäuser Hockergrab in wissenschaftliche Studie einbezogen / Männer blieben daheim, Frauen kamen von weither

Soziale Ungleichheiten auch in der Bronzezeit

Althausen.Schon vor 4000 Jahren herrschte in Süddeutschland soziale Ungleichheit – und unterschiedliche Mobilität: In wohlhabenden Familien gab es nur zugezogene Frauen, während arme Leute blieben, wo sie waren. Das ist die Kernaussage einer aufwändigen archäogenetischen Studie, die im Oktober in der weltbekannten wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde.

Die Frage, ob die durch die Studie belegte strikte gesellschaftliche Trennung in „oben“ und „unten“, auch auf Haushalte in den vorgeschichtlichen Siedlungen des Taubertals zutrifft, bleibt allerdings vorläufig offen.

Mehr als 100 Tote

Die überraschenden neuen Erkenntnisse der Archäologen und Humangenetiker des Max-Plank-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena und der Ludwig-Maximilians-Universität in München basieren auf Forschungsarbeiten an über 100 Toten aus bronzezeitlichen Gräberfeldern im Lechtal bei Augsburg. Zwar integrierten die Wissenschaftler die vier Individuen des Hockergrabs aus Bad Mergentheim-Althausen in ihre Untersuchungen, doch sind diese „ Außenseiter“ angesichts eines Verhältnisses von „100:4“ für das Gesamtergebnis eher unbedeutend.

Durch die Auswertung von Gendaten, Isotopenanalysen und archäologischen Untersuchungen entstand ein neues Bild von den Lebensumständen in der Bronzezeit (2200 bis 800 vor Christus): Eine Elite, erkennbar an ihren wertvollen Grabbeigaben, vererbte über Generationen ihren Wohlstand nur an ihre Söhne weiter. Dabei ehelichten sie ebenfalls nur in Wohlstand aufgewachsene Frauen aus der Fremde – und schickten die eigenen erwachsenen Töchter zwecks Heirat in die Ferne.

Der Forschergruppe ist es erstmals gelungen, aus den Grabfeldern bei Augsburg vorgeschichtliche Familienstammbäume über vier bis sechs Generationen zu rekonstruieren. Überraschenderweise bestätigen sich dabei aber nur männliche Verwandtschaftslinien. Die Mütter der Söhne waren stets mobile Frauen, die aus bis zu 600 km Entfernung eingewandert waren – und so auch zum Wissenstransfer beitrugen.

Ohne oder mit Grabbeigaben

Aus den Lechtaler Gräberfeldern lässt sich auch herauslesen, dass die gut situierte Familie auf ihrem großen bäuerlichen Anwesen umgeben von einer Vielzahl an Armen lebte. Diese sind jedoch ausschließlich Einheimische, vermutlich Knechte und Mägde oder sogar Sklaven. Doch Arme und Reiche blieben innerhalb der Hofgemeinschaft auch über den Tod hinaus vereint. Alle Verstorbenen wurden auf dem zur Ansiedlung gehörenden Friedhof bestattet, jedoch entsprechend ihrer sozialen Stellung ohne oder mit Grabbeigaben.

Die ältesten untersuchten Funde aus dem Lechtal stammen aus der Frühphase der Bronzezeit. Sie sind so genannte Schnurkeramiker und ungefähr 4500 Jahre alt. Das gilt auch für die vier Individuen, die 1939 in Althausen beim Bau des Sportplatzes neben dem neuen Schulhaus in einem Hockergrab entdeckt wurden.

Damals fand man bei den Toten keine Grabbeigaben von Wert. Nur die liebevolle Art der Bestattung der vier Verstorbenen lässt einen herausgehobenen Status vermuten.

Das Althäuser Hockergrab ist im Bad Mergentheimer Deutschordensmuseum einer der sehenwerten Höhepunkte in der vom Museumsverein 2015 eingerichteten Abteilung „Vor 4500 Jahren. Im Taubertal zuhause“. Heidi Deeg

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