Bad Mergentheim

Kaufmännische Schule Zwei Lehrer der Kaufmännischen Schule über das Programm "Erasmus+" zu Gast in Stockholm

Schweden bei Inklusion vorbildhaft

Bad Mergentheim.Die Europäische Union fördert seit Jahren den internationalen Bildungsaustausch und bietet damit auch Lehrern die Möglichkeit, die eigene Unterrichtspraxis mit Auslandserfahrung zu erweitern.

Das sogenannte "Erasmus+"-Programm widmet sich vor allem dem Schulbereich. Die Kaufmännische Schule Bad Mergentheim (KSM) hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema "Inklusion" genauer unter die Lupe zu nehmen. In Bildungsfragen steht der Inklusionsgedanke in Deutschland eher im Hintergrund, in schulischen Alltag rückt er aber immer mehr in den Vordergrund. Für die KSM ist es ein besonderes Anliegen, Menschen mit Behinderung zu unterrichten. In Baden-Württemberg haben Eltern von Kindern mit Handicap seit 2015 die Möglichkeit zu entscheiden, ob ihr Kind an einer allgemeinen bzw. beruflichen Schule oder an einem sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum lernen soll.

Was die Inklusion in Schulen angeht, wird Schweden oft als Vorbild genannt, weil besonders viele Kinder mit Behinderung in reguläre Klassen gehen. Um herauszufinden, ob dieses Modell wirklich besser funktioniert, besuchten die beiden Lehrer der KSM, Vera Einsiedler und Dietmar Breitenbacher, mehrere Schulen in Stockholm/Sollentuna. Zusätzlich führten sie Gespräche mit verantwortlichen Pädagogen und zuständigen Personen der schwedischen Schulverwaltung.

An Schulen hospitiert

Die Lehrkräfte hospitierten unter anderem an einer kommunalen Grundschule (Rösjöskolan) und an einer privaten Spezialschule (Häggvics gymnasium), an der ausschließlich Schüler mit geistiger bzw. körperlicher Behinderung unterrichtet werden. Staatliche Förderschulen, wie es sie in Deutschland gibt, sind in Schweden "so gut wie abgeschafft". Insgesamt gesehen gehen von 900 000 Grundschülern nur etwa 12 000 Kinder auf Sonderschulen (Särskolan), die ausschließlich geistig behinderte Kinder unter einer festgelegten IQ-Grenze aufnehmen. 10 000 weitere besuchen den normalen Grundschulunterricht.

Den Lehrkräften der KSM fiel allerdings auf, dass Schüler mit Handicap oft in Sondergruppen unterrichtet werden. Sie haben aber die Möglichkeit, stundenweise in den Regelunterricht zu wechseln. Diese Flexibilität wird dadurch ermöglicht, dass die sogenannten Sondergruppen räumlich in einer Regelschule integriert sind. Es ist auch üblich, dass sowohl Schüler ohne Beeinträchtigungen als auch Kinder mit Handicap gemeinsam in der schuleigenen Mensa zu Mittag essen. Dies führt dazu, dass mögliche Berührungsängste unter den Kindern abgebaut werden und die Inklusion nicht nur im Unterricht, sondern auch außerhalb desselben stattfindet.

Hohe Erfolgsquote

Die Lehrkräfte der KSM hospitierten zusätzlich in einer weiterführenden Schule, der Rudbecksskolan, welche die Schüler auf ein Universitätsstudium vorbereitet. Dort erlebten sie, wie Inklusion in vorbildlicher Weise gelebt und realisiert wird. Die Schule besteht aus "Regelklassen" und einer angeschlossenen Gruppe (unit), in der ausschließlich autistische Schüler (ohne Intelligenzminderung) unterrichtet werden.

Die Jugendlichen, die sich in der Unit befinden, haben jederzeit die Möglichkeit, entweder stundenweise oder in vollem Umfang in den Regelunterricht zu wechseln. Die separate Gruppe soll nur eine Übergangslösung sein. Sie kann als eine Art Nachhilfe gesehen werden. Das Ziel der Schule ist es, die Schüler möglichst schnell in reguläre Klassen zu inkludieren. Dabei erzielt die Rudbecksskolan eine hohe Erfolgsquote, die nicht nur auf die Arbeit der Lehrer, sondern auch auf ein breites Unterstützungssystem zurückzuführen ist. So unterrichten zum Beispiel oft zwei Lehrer gleichzeitig in einer Klasse - der Fachlehrer und ein Sonderpädagoge - und für die autistischen Kinder stehen mehrere pädagogische Assistenten, ein Beratungslehrer, ein Psychologe, eine Krankenschwester und ein Arzt zur Verfügung. Damit hat die Schule ein nahezu ideales Betreuungsverhältnis.

Während ihres Aufenthalts in Stockholm konnten sich die beiden Lehrer der KSM davon überzeugen, dass das schwedische Schulsystem im Bereich der Inklusion ein Vorbild für Deutschland sein kann. Nach der Auffassung der beiden Pädagogen ist das zum einen auf die finanzielle und personelle Unterstützung und zum anderen auf die große Offenheit für Inklusion zurückzuführen. dibr