Bad Mergentheim

Moritz und Lux Autorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani erzählt ihre Geschichte / „33 Bogen und ein Teehaus“ ist preisgekrönter Roman

Schaurig-schöne Flucht-Geschichte

Eigentlich ist die Geschichte, die Zaeri-Esfahani im Moritz und Lux zum Besten gab, bitterer Ernst. Die Meisterleistung bestand darin, ihre Zuhörer mitunter trotzdem zum Lachen zu bringen.

Bad Mergentheim. Beinahe wie ein orientalisches Märchen klingt das zunächst, wie eine Erzählung aus „Tausendundeine Nacht“, was Mehrnousch Zaeri-Esfahani berichtet. Dabei geht es in ihrem 2016 erschienenen, preisgekrönten autobiografischen Roman „33 Bogen und ein Teehaus“ eigentlich um ihre strapaziöse Flucht aus dem Iran nach Deutschland.

Frei, stehend, gestikulierend verzaubert sie in heiterer Laune das Publikum auf Anhieb. Die Zuhörer sind sichtlich gefesselt von ihrer bildreichen Sprache, ihrem liebevollen, zuweilen selbstironischen Witz und ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, zwischen bitterem Ernst und schwebender Heiterkeit zu changieren.

Gerade mal zehn Jahre alt ist die 1974 in Isfahan geborene Zaeri-Esfahani, als ihre Eltern 1985 beschließen, ihre Heimat zu verlassen, um den zunehmenden Repressionen unter der Schreckensherrschaft Ayatollah Khomeinis zu entkommen. Dabei hatte man so viel Hoffnung in den Mann mit dem schwarzen Turban, dem langen weißen Bart und dem strengen Blick gesetzt, der nie einen Hehl daraus machte, einen Gottesstaat errichten zu wollen – und den er dann auch wenige Tage nach seiner Rückkehr aus dem Exil ausrief. Auch die Familie Zaeri-Esfahani sehnte sich einen solchen politischen Wandel herbei, nicht ahnend, welche weitreichenden Konsequenzen dieser mit sich ziehen würde. „Mein größter Wunsch zu meinem sechsten Geburtstag war es, dass Ayatollah Khomeini unser neuer Führer wird“, erinnert sich Zaeri-Esfahani zurück. Die Revolution beschreibt sie wie ein riesen Volksfest: „die Menschen gingen auf die Straßen, sie versammelten sich auf den Dächern, auf den großen Plätzen der Stadt, riefen Parolen, trommelten, schnipsten und tanzten.“

Folgen der Revolution

Doch die Freude über den Regimewechsel hielt nicht lange an, die Hoffnungen wurden jäh zerschlagen. Sichtlich betroffen erzählt Zaeri-Esfahani von den Folgen, die die Revolution mit sich zog, den einschneidenden Restriktionen und den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen: „Frauen mussten von nun an ein Kopftuch tragen und eigentlich galt eine Kleiderordnung für alle – man durfte nur noch lange Sachen tragen. Die meisten Sportarten und Spiele wie ‚Monopoly’ und ‚Mensch ärgere dich nicht’ waren ganz plötzlich verboten, das Fahrradfahren und sogar das Rennen war Frauen und Mädchen ab sechs Jahren untersagt. Im Fernsehen gab es nur noch Propaganda, Trauergesänge und öffentliche Hinrichtungen.“

Bedrohung der Sittenwächter

Die Pasdaran, weder der Polizei, noch den Soldaten des Militärs zugehörig, sondern eher eine Art Sittenwächter, taten dann auch ihr Bestes, um sicherzustellen, dass jene Verbote vom iranischen Volk eingehalten wurden: „Sie waren ein zweites Militär, das nicht die Feinde außerhalb der Grenzen bekämpfte, sondern die Feinde im Innern des Landes.“ Die Willkür, mit der sie vorgingen, breitete sich schnell in der ganzen Gesellschaft aus und schürte das Misstrauen bald auch untereinander. So beschreibt Zaeri-Esfahani, wie schwierig es gerade im Kindesalter gewesen sei, die Menschen in ihrer Umgebung nicht zu denunzieren. Als mit dem Ersten Golfkrieg, dem Iran-Irak-Krieg, ein Gesetz erlassen wurde, mit dem allen männlichen Mitbürgern ab fünfzehn Jahren die Ausreise aus dem Land strikt untersagt war – um sie als Reserve für den Kriegseinsatz bereitzuhalten – ergriff die Familie Zaeri-Esfahani kurzerhand die Flucht, da sie das Leben ihres ältesten Sohnes bedroht sah. Nach einem sechsmonatigen Zwischenstopp in Aksaray, einem Stadtteil Istanbuls in der Türkei, gelangt die Familie schließlich über die DDR nach West-Berlin. „Wir waren als Mauerflüchtlinge in die Bundesrepublik gelangt“, unterstreicht sie und kann sich ihr verdutztes Lachen nicht verkneifen. Von dort aus wird der Familie, nach dem sie mehrere Flüchtlingsunterkünfte durchläuft, schließlich eine Sozialwohnung in Heidelberg zugewiesen.

Dort beschließt man, alles hinter sich zu lassen und den Blick nach vorn zu richten: „Heidelberg war für uns wie ein Reset-Knopf; stillschweigend entschieden wir, alles zu vergessen“, erklärt die Autorin. Heute weiß die studierte Sozialpädagogin, die sich seit 1999 in der Flüchtlingsarbeit engagiert und vielfach für ihre Projekte ausgezeichnet wurde, dass von einer gelungenen Integration nur dann die Rede sein kann, wenn man sich seiner Vergangenheit nicht verschließt. Diese Erkenntnis gab ihr den Anstoß, ihre Fluchterfahrung auch literarisch zu verarbeiten: „Ich wollte mich erinnern“, sagt sie.

Der Blick des Kindes

Es ist der Blick des Kindes, den sich Zaeri-Esfahani bewahrt hat und aus dessen Sicht sie die grausamen, schmerzhaften und zugleich fröhlichen, mitunter schillernd komischen Erfahrungen jener Jahre schildert. Mehr noch als in ihrer Autobiografie, kamen jene ergötzlichen, die Traurigkeit der Fluchterfahrung ironisch brechenden Anekdoten in der abendlichen Veranstaltung, die von der Buchhandlung Moritz und Lux, Amnesty International und der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Mergentheim organisiert wurde, zum Tragen.

Das Publikum zeigte sich offenkundig begeistert, immer wieder brach es in unbeschwertes Gelächter aus. Der Ernsthaftigkeit dieses heiklen und noch immer höchst aktuellen Themas tut dies allerdings keinen Abbruch – im Gegenteil. Gerade in Zeiten, in denen das politische Klima beherrscht wird von Migrantenfeindlichkeit, ist es nicht nur erfrischend, die Krise aus der kindlichen Sicht mitzuerleben.

Sondern ist eine solche literarische Verarbeitung vor allem auch ein wertvoller Beitrag, wenn es darum geht, mehr Verständnis füreinander zu schaffen.