Bad Mergentheim

Rechtsextremismus Aktivist und Politikwissenschaftler Timo Büchner stellte „Der Begriff ‚Heimat’ in rechter Musik. Analysen, Hintergründe, Zusammenhänge“ vor

Rap und Rock im braunen Kleid

Archivartikel

Bad Mergentheim.Es war die letzte Veranstaltung der Buchhandlung vor der längeren coronabedingten Pause, als Timo Büchner sein neues Buch „Der Begriff ‚Heimat’ in rechter Musik. Analysen, Hintergründe, Zusammenhänge“ vorstellte. Die Veranstaltung fand im „Moritz und Lux“ in Kooperation mit dem „Netzwerk gegen Rechts Main-Tauber“ und dem DGB Main-Tauber statt.

Politikwissenschaftler Büchner rief vor einigen Jahren die Initiative „Mergentheim gegen Rechts“ (heute: „Netzwerk gegen Rechts Main-Tauber“) ins Leben. Seitdem recherchiert er zur rechten Szene in Nordwürttemberg. 2018 veröffentlichte er im Namen des Netzwerks die umfangreiche Broschüre „Organisierte rechte Strukturen zwischen Tauber, Kocher & Neckar“. „Heimat ist en vogue“, demonstrierte Büchner anhand einer kleinen Auswahl an Büchern, die im Laufe der vergangenen ein, zwei Jahre erschienen sind. Ob „Heimat.

Ein deutsches Familienalbum“ (Krug, 2018), „Eure Heimat ist unser Albtraum“ (Aydemir/Yaghoobifarah, 2019) oder „Herkunft“ (Stanii, 2019): Heimat ist, so stellte Büchner fest, eine komplexe Frage der Perspektive.

Zwei Definitionen von Heimat

Das wird deutlich, wenn man die Stimmen derjenigen Menschen hört, die eine Migrationsgeschichte haben und in Deutschland von Rassismus betroffen sind. Ein und derselbe Mensch kann – im Übrigen unabhängig von der Herkunft – mehrere Heimaten besitzen. Heimat ist ein Wort, das einen Plural kennt.

Laut Büchner sei entscheidend, ob Heimat inklusiv oder exklusiv definiert wird. Der inklusive Erzählstrang bestimme Heimat als intimes Wort, das mit emotionalen Bedürfnissen wie Geborgenheit und Vertrautheit verknüpft sei.

Der exklusive Strang hingegen mache Heimat von Herkunft und Religion abhängig und behaupte, Heimat werde durch „Fremde“ bedroht. Büchner betonte, ein exklusives Heimatverständnis spreche Migranten, die in Deutschland leben, eine Heimat in der Bundesrepublik ab.

Der exklusive Erzählstrang ist mit Blick auf die systematische Entrechtung, Ausgrenzung und Vernichtung durch das NS-Regime historisch belastet.

Heimatverständnis der Rechten

Timo Büchner zeigte anhand mehrerer Hörbeispiele, wie die Neue und extreme Rechte ihr exklusives, völkisches Heimatverständnis vertont: Der Rapper „Komplott“, der sich im Umfeld der „Identitären Bewegung“ bewegt, erzählt in seinen Tracks die Legende eines 2000-jährigen Befreiungskampfes des „deutschen Volkes“ gegen ihre Feinde. Indem Fakten mit Fiktionen vermischt werden, solle erzählt werden: Damals habe Frankreich die Deutschen unterjochen wollen, heute unterjoche „der Islam“ die Deutschen. „Der Track ist reine Propaganda, der Stimmung gegen Muslime schüren soll“, betonte Büchner.

Der Liedermacher Frank Rennicke, der seit Mitte der 1980er in der Neonazi-Szene aktiv und ein einflussreicher Kader der NPD ist, pflegt ein ähnliches Heimatverständnis. Rennicke produzierte über 30 Tonträger. Heimat ist das zentrale Thema seiner Balladen. Viele Lieder klingen harmlos, er singt über die Pracht und Schönheit der Berge, Felder und Küsten. Aber er vermischt die Erzählungen mit tapferen Heldengeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg und mit sehnsüchtigen Erinnerungen an die ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches. Büchner resümierte: „Rennicke gelingt, Jung und Alt mit seinen Balladen, die Heimat als nationalsozialistisches Großdeutschland begreifen, zu begeistern – und das ist brandgefährlich.“ In der Diskussion zeigte sich mancher Besucher der Buchvorstellung empört.

Sie erkundigten sich, wie Jugendliche in den Schulen auf solche Zeilen reagierten und was man gegen diese Musik unternehmen könne. Büchner, der in schulischen Einrichtungen über die Botschaften extrem rechter Musik aufklärt, empfahl, die Musik, mit denen Jugendliche in ihrem Alltag konfrontiert werden, im Unterricht zu besprechen.

Die unzähligen Gespräche, die er bereits mit Lehrkräften und Schülern führte, hätten gezeigt: Es braucht dringend eine Sensibilisierung für die Inhalte, die in der Musik besungen werden. lux

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