Bad Mergentheim

Tag der Seelischen Gesundheit am 10. Oktober Professor Dr. Dr. Bergemann, Ärztlicher Direktor der Kitzberg-Kliniken, spricht von „immenser Herausforderung“

Psychische Erkrankungen haben zugenommen

Bad Mergentheim.Weltweit ist der 10. Oktober der seelischen Gesundheit gewidmet. Der diesjährige Internationale Tag der psychischen Gesundheit steht unter dem Motto „Psychische Gesundheit für alle“ und fordert eine bessere Finanzierung entsprechender Einrichtungen und Hilfen sowie einen besseren Zugang dazu. Vor allem aber steht dieser Tag und die Aktionswoche um diesen Tag im Zeichen der psychischen Gesundheit in der Corona-Pandemie. Professor Dr. Dr. Bergemann, Ärztlicher Direktor der Kitzberg-Kliniken in Bad Mergentheim, berichtet anlässlich des Tags der Seelischen Gesundheit über die psychischen Folgen der Corona-Krise.

Der Internationale Tag der Seelischen Gesundheit wurde 1992 von die World Federation for Mental Health mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation ins Leben gerufen. Mit diesem Tag soll die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema psychische Erkrankungen gelenkt werden. Vor allem soll der Tag dazu beitragen, über psychische Erkrankungen zu informieren und sie zu entstigmatisieren. Dies ist laut Bergemann dringend gefordert, denn psychische Störungen sind weit verbreitet – in Deutschland erkrankt pro Jahr etwa jeder dritte Einwohner an einer psychischen Störung. Zudem soll mit dem Tag der psychischen Gesundheit der Forderung Ausdruck verliehen werden, dass psychische Erkrankungen nicht anders zu betrachten sind als körperliche Erkrankungen. „In diesem Jahr steht der Tag der psychischen Gesundheit ganz im Zeichen der Corona-Pandemie und den vielfältigen psychischen Belastungen, welche diese mit sich bringt“, so Professor Dr. Dr. Bergemann. „Sie stellt eine immense Herausforderung dar, nicht nur in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht, sondern auch für jeden Einzelnen, und zwar in einem für viele Menschen zuvor unbekannten Ausmaß.“

Am Anfang der Corona-Pandemie hätten vor allem Angst und Verunsicherung im Hinblick auf das Virus im Vordergrund, über das Vieles noch nicht bekannt war, gestanden. Die Angst vor einer hochansteckenden Erkrankung, gegen die weder Medikamente noch eine Impfung existieren. Dies habe Ängste begründet, selbst zu erkranken, oder Befürchtungen ausgelöst, dass Angehörige erkranken. Diese Angst und Verunsicherung kehre nun bei wieder steigenden Infektionszahlen zurück.

Soziale Isolierung

Der Lockdown sei zwar auch mit einer großen Welle der Solidarität einhergegangen, für viele aber auch mit einem Zustand der sozialen Isolierung und Vereinsamung. In den letzten Monaten habe sich gezeigt, dass sich neben der Angst vor dem Virus viele Menschen vor den sozialen und ökonomischen Folgen fürchten. Besonders vor dem Hintergrund der aktuell wieder ansteigenden Infektionsrate würden viele Menschen einen erneuten Lockdown befürchten. Belastungen wegen Kurzarbeit, Insolvenzen und Arbeitsplatzunsicherheit führen laut Bergemann bei vielen Menschen zum Gefühl des Kontrollverlustes und zu erheblichen Stress.

Langanhaltender Stress stelle ein hohes Risiko für die Entwicklung psychischer Erkrankungen dar. Zu den Stressfolgeerkrankungen zählen vor allem Burnout, Depressionen und Angsterkrankungen. Die psychischen Belastungen zeigen sich nicht selten in Schlafstörungen, starkem Grübeln und Erschöpfung. In den letzten Monaten habe sich eine Zunahme von psychischen Erkrankungen gezeigt, sowohl Neuerkrankungen als auch Rückfälle bei Menschen mit bekannten psychischen Erkrankungen. Besonders schwerwiegende Risiken stellen, so der Ärztliche Direktor, mangelnde soziale Unterstützung und Vereinsamung dar, die in Zeiten der Corona-Krise vor allem ältere Menschen in Altersheimen oder Menschen treffe, die alleine leben und welche die sozialen Beschränkungen besonders belastend empfinden.

Was kann den psychischen Belastungen entgegengesetzt werden? Einer der wichtigsten Faktoren zur Stärkung der Resilienz, der psychischen Widerstandskraft, sei die soziale Unterstützung, Kontakte zu Freunden und Angehörigen, auch wenn sie im Rahmen eines Lockdowns oft nur über soziale Medien möglich seien. Auch der offene Umgang mit belastenden Gefühlen angesichts von Arbeitsplatzunsicherheit und Furcht vor einem neuen Lockdown können psychisch entlastend sein. Während es für den einen hilfreich sei, so viele Informationen wie möglich über das Corona-Virus zu erhalten, sei für den anderen die Information darüber mehrfach am Tag eine anhaltende Belastung. „Wir können aber auch versuchen, in schwierigen Zeiten die positiven Aspekte zu betonen: wenn das soziale Leben eingeschränkt ist, gibt es mehr Zeit für die Familie und enge Freunde. Insgesamt sollten die Erfahrungen mit den psychischen Belastungen des Lockdowns im Frühjahr dieses Jahres dazu motivieren, alles zu tun, um einen zweiten Lockdown zu verhindern“, erklärt Bergemann. Wenn es zu ernsthaften psychischen Belastungen und Störungen komme, die längere Zeit andauern, könne auch der Kontakt zu professioneller Hilfe geboten sein.

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