Bad Mergentheim

Berufliche Schule für Ernährung, Pflege und Erziehung (EPE) „Praxisintegrierte Ausbildung zum Erzieher“ (PiA) startet im September in Bad Mergentheim

Neue Wege, um Fachkräfte zu gewinnen

Archivartikel

Im Land fehlen Erzieher. Der Fachkräftemangel in Kitas und Kindergärten bringt die Kommunen und damit auch die Eltern in große Nöte. In Bad Mergentheim werden jetzt neue Wege beschritten.

Bad Mergentheim. Die Berufliche Schule für Ernährung, Pflege und Erziehung (EPE) bietet ab September einen neuen Weg, um sich zum staatlich anerkannten Erzieher beziehungsweise zur Erzieherin ausbilden zu lassen: die dreijährige „Praxisintegrierte Ausbildung“, kurz PiA.

Damit will man Quereinsteigern und höher qualifizierten, jungen Leuten, die zum Beispiel über eine abgeschlossene Ausbildung verfügen, den Nachweis über das Führen eines Familienhaushalts von mindestens drei Jahren erbringen oder die Fachhochschulreife/das Abitur in der Tasche haben, den Schritt in diesen Beruf ermöglichen. Geld gibt es ab dem ersten Tag, aber durch die monatliche Vergütung (im ersten Ausbildungsjahr um die 1100 Euro im Monat, im dritten rund 1300 Euro) haben die Auszubildenden keinen Anspruch auf Schulferien und gelten als Arbeitnehmer mit Urlaubsanspruch, der in der unterrichtsfreien Zeit zu nehmen ist.

Die Ausbildung läuft dual – im Prinzip so wie an der damit höchst erfolgreichen Dualen Hochschule – in Theorie- und Praxisphasen über drei Jahre. Bei der PiA heißt das: zwei Tage beispielsweise in der Kindertagesstätte, drei Tage in der Schule, Woche für Woche. Und in den Schulferien stehen die Azubis ihrem Arbeitgeber zur Verfügung.

Der klassische Weg zum Erzieher war im Main-Tauber-Kreis bislang der mittlere Bildungsabschluss, dann ergänzend das einjährige Berufskolleg „Sozialpädagogik“ an der EPE und danach der Besuch der Fachschule für Sozialpädagogik, ebenfalls an der EPE als zweijährige schulische Vollzeitausbildung mit anschließendem einjährigem Anerkennungsjahr. Mit 30 Schülern ist die Klasse momentan voll besetzt.

Zweite Schiene

„Jetzt gibt es aufgrund des großen Fachkräftebedarfs eine zweite attraktive Schiene“, sind EPE-Schulleiterin Anke Mund und Bernd Brunner, Abteilungsleiter „Erziehung“, überzeugt. 18 Auszubildende haben einen Vertag mit einer Einrichtung abgeschlossen und starten nach den Sommerferien in der neuen PiA-Klasse.

Erzieherinnen und Erzieher arbeiten hauptsächlich in Kindergärten, Kinderkrippen sowie Horten oder Heimen für Kinder und Jugendliche. Sie sind auch in Erziehungsheimen, Jugendzentren und Wohnheimen für Menschen mit Behinderung tätig. Aktuell sind die Berufschancen durch den stetigen Ausbau der Kinderbetreuung nach Ansicht von Experten sehr gut.

2013 hat die EPE laut Mund und Brunner einen ersten Versuch im Landkreis gestartet, die „Praxisintegrierte Ausbildung“ als neue Schulart für angehende Erzieher in Bad Mergentheim zu schaffen. Damals jedoch winkten die Kommunen und Träger der Betreuungseinrichtungen noch mehrheitlich ab. „Während die Großstädte bereits vom Fachkräftemangel stark betroffen waren, konnte der Bedarf an pädagogischem Personal im Main-Tauber-Kreis noch einigermaßen gut abgedeckt werden“, erinnert sich Bernd Brunner. Die EPE-Pläne verschwanden in der Schublade und wurden 2019 wieder herausgeholt.

„In der Zwischenzeit haben sich die Betreuungszeiten in den Krippen, Kindergärten und im Hort deutlich erweitert und der Anteil der Kinder unter drei Jahren, die in Einrichtungen betreut werden, hat auch in der ländlichen Region sehr zugenommen. Somit wurden auch hier die Personalsorgen bei Trägern und Leitungen immer größer. Die Bereitschaft, über die praxisintegrierte Ausbildung neue Fachkräfte zu gewinnen ist nun gegeben“, erklärt Brunner.

„Dank Bad Mergentheim“

„Wir haben es der Stadt Bad Mergentheim zu verdanken, das PiA jetzt in Schwung kommt, weil hier allein acht Stellen durch die Stadt finanziert werden, um den Personalbedarf in den örtlichen Kindertagesstätten und Kindergärten langfristig abzudecken“, sagt Bernd Brunner und betont, dass damit viel in Gang gekommen sei – seit vergangenem Herbst. Außer in der Kurstadt finden sich (ab September) weitere Ausbildungsorte in Bütthard, Großrinderfeld, Tauberbischofsheim, Lauda, Edelfingen, Markelsheim, Weikersheim und Schrozberg. „Die Azubis selbst kommen auch aus der Region“, so Brunner: „Und wenn ich mir die Biografien der Azubis anschaue, dann sehe ich höhere Bildungsabschlüsse, die sonst nicht in diesen Beruf einsteigen würden.“

Von Kollegen im Regierungspräsidium Stuttgart hat Brunner schon viel Gutes über PiA gehört, dort läuft das Angebot schon seit längerer Zeit: „Die Schulen berichten von motivierten Auszubildenden. Die Einrichtungen selbst profitieren und merken, dass da Kräfte regelmäßig da sind, jede Woche, und in das Team hineinwachsen. Bevor eine Festanstellung ausgesprochen wird, kann die künftige Fachkraft drei Jahre lang beobachtet werden. Und: Bei der Übernahme ist sie bereits gut eingearbeitet. Ich hoffe, dass sich diese Vorteile weiter herumsprechen.“ Schulleiterin Mund ergänzt: Ziel sei es, jedes Jahr eine neue PiA-Klasse an den Start gehen zu lassen. „Das könnten wir leisten, aber es kommt auch auf die Träger und die Finanzierung der Stellen an.“

Mit Blick auf die Corona-Krise meint Anke Mund, dass nach derzeitiger Planung ab Mitte September wieder mit dem regulärem Unterricht begonnen werden soll und die Maskenpflicht auf den Wegen im Schulhaus gilt. Die Einhaltung der Abstandsregeln hält sie für utopisch, wenn bei vollen Klassen – mit 30 Schülern – alle da sind. Da könne nur der Schichtbetrieb und die Teilung in Präsenzunterricht und Homeschooling helfen. Die Vorgaben dazu müsse das Kultusministerium machen, so Mund, die aber für die 18-köpfige PiA-Klasse derzeit keine Einschränkungen sieht.

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