Bad Mergentheim

Prozess vor dem Amtsgericht Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und Nötigung angeklagt / Bewährungsstrafen und Auflagen

Nach geplatztem Deal auf Beutezug

Archivartikel

Wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) und wegen gemeinsamer Nötigung mussten sich bei einem Prozess vor dem Amtsgerichts drei Angeklagte verantworten.

Bad Mergentheim. Aufgrund der Corona-Krise fand der Prozess gemäß den Landesverordnungen und sonstigen Bedingungen unter strengen Hygieneregeln statt: Mundnasenschutz für alle im Saal anwesenden Personen während der Verhandlung, Aufbau von transparenten Spuckschutzscheiben unter anderem vor der Vorsitzenden Richterin und dem Staatsanwalt, Vorkehrungen zur Einhaltung der Abstandsregelungen zwischen Verteidigern, Angeklagten und Zuschauern sowie Hand-Desinfektionsmittel am Eingang des Gerichtssaals.

Der heute 24-jährige H. aus dem Raum Würzburg hatte zwischen April und September 2018 in 23 Fällen am Würzburger Hauptbahnhof je 15 Gramm Marihuana für den Eigenkonsum erworben. Insbesondere aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten und zur Finanzierung seines Konsums hatte der Berufs- und Arbeitslose die Idee, bei dem Dealer K. aus dem Altkreis Bad Mergentheim für 1000 Euro Rauschgift zu kaufen, um es zumindest teilweise gewinnbringend weiter zu veräußern.

Neben einem Eigenanteil von 400 Euro lieh sich der 24-Jährige zur Beschaffung 600 Euro von seinem heute 25-jährigen Freund G. aus dem Landkreis Würzburg, dem zweiten Angeklagten in dem Prozess.

Der vermeintliche Deal im August 2018 platzte jedoch, weil sich K. mit den 1000 Euro ohne jegliche Gegenleistung der versprochenen 500 Gramm Marihuana davon machte. Dies wollten die beiden Geprellten allerdings nicht auf sich sitzen lassen. Um sich das Geld wiederzuholen, begaben sie sich kurze Zeit später gemeinsam mit sechs weiteren jungen Männern aus dem Raum Würzburg, die teilweise mit einem Baseballschläger und einer Schreckschusspistole bewaffnet waren, zu dem Haus, in dem der Dealer wohnte. Bei Ankunft der achtköpfigen „Gang“ flüchtete K. zusammen mit vier anwesenden Besuchern durch den Hinterausgang.

Festnahme nach „Gang“-Auftritt

In einer Gegenaktion schafften die beiden Angeklagten und ihre Komplizen anschließend zahlreiche Wertgegenstände als Faustpfand aus dem Haus, das K. bei seiner Flucht unverschlossen hinterlassen hatte. Dazu zählten unter anderem ein Flachbild-TV-Gerät, ein Notebook, ein Akku-Bohr-Schrauber, eine Playstation und Lautsprecherboxen sowie etliche Flaschen mit Spirituosen. Nach diesem illegalen Beutezug wurden von der Polizei die Beteiligten vorläufig festgenommen und die Gegenstände sichergestellt.

Den entsprechenden Tatbeständen gemäß war der in allen Belangen geständige H. bei dem jetzigen Strafprozess wegen vorsätzlichem unerlaubtem Erwerb und dem Versuch des unerlaubten Handels von Betäubungsmittel sowie wegen gemeinschaftlicher Nötigung angeklagt. Gegen G., der gleichsam die vorgeworfenen Punkte eingeräumt hatte, lautete die Anklage Hilfeleistung zum unerlaubten Handel von Rauschmitteln und desgleichen gemeinschaftliche Nötigung.

Da die Straftaten im Altkreis Bad Mergentheim erfolgte, wurde am dortigen Amtsgericht verhandelt. Nicht zu dem Prozess vor dem Schöffengericht erschienen war der dritte Angeklagte, der den Kontakt zwischen H und dem Dealer hergestellt hatte sowie sich ebenfalls wegen Hilfeleistung zum unerlaubten Handel von Rauschmitteln und gemeinschaftlicher Nötigung zu verantworten gehabt hätte. Er sei davon ausgegangen, dass der Prozess aufgrund der Corona-Krise vertagt werde, und sei nicht von seinem Anwalt über die Durchführung benachrichtigt worden, ließ der Angeklagte telefonisch verlautbaren, nachdem er von der Polizei an seinem Wohnort im Main-Spessart-Kreis angetroffen worden war.

„Abgerutscht“

Um den Prozess zügig fortsetzen zu können, verzichtete das Gericht jedoch aus zeitlichen Gründen, ihn polizeilich vorführen zu lassen. Hingegen beantragte Richterin Susanne Friedl gegen den dritten Angeklagten wegen unerlaubten Fernbleibens von der Verhandlung in Verbindung mit den vorgeworfenen Straftatbeständen einen Strafbefehl über sechs Monate Haft auf Bewährung, 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit sowie 120 Tagessätzen – ersatzweise weitere drei bis vier Monate Haft auf Bewährung. Sein im Gerichtssaal anwesender Verteidiger stimmte dem Vorschlag der Amtsrichterin ebenso zu wie der Staatsanwalt.

H. sei zum Zeitpunkt seiner Taten vor allem nach erfolgter partnerschaftlicher Trennung in einer persönlich und psychisch schwierigen Situation gewesen, teilte dessen Anwalt mit. Speziell auch deshalb und nach gleichzeitigem Verlust seiner Arbeitsstelle sei er in den Drogenmissbrauch und in finanzielle Probleme abgerutscht. Inzwischen sei H., wie eine vorgelegte Haarprobe belegen könne, seit mehreren Monaten „clean“. Zudem habe ihm die Arbeitsagentur einen Ausbildungsplatz im Kfz-Handel in Aussicht gestellt.

„Eine Dummheit reihte sich an die andere“, meinte Susanne Friedl insbesondere auch in Hinsicht der Nötigung, für die sich H. mit Bedauern hauptverantwortlich zeichnete. Eine solche Art von „Selbstjustiz“ könne in keiner Weise akzeptiert werden, betonte die Richterin. K. wurde in einem Prozess mittlerweile wegen Betrugs zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Falscher Freundschaftsdienst

Er habe gewusst, dass sich H. mit dem von ihm geliehenen Geld unerlaubt Rauschmittel besorgen wolle, lautete einer der Hauptvorwürfe gegen G. Ein falscher Freundschaftsdienst, allerdings habe er weder jemals Drogen konsumiert noch seinerseits irgendwelche Profitinteressen verfolgt. Zudem sei der inzwischen 25-jährige Angestellte damals nach dem Tod seines Bruders und kurz darauf seines Vaters psychisch sehr angeschlagen gewesen.

Ein Jahr und sechs Monate Freiheitsentzug, ausgesetzt auf eine dreijährige Bewährungszeit und dem Einsatz eines Bewährungshelfers, zudem 50 Stunden gemeinnützige Arbeit – mit diesem Urteil gegen H. folgten Richterin Susanne Friedl weitgehend den Anträgen des Staatsanwalts und des Verteidigers wie auch beim Urteilsspruch über G. Damit kam der 24-jährige H. aufgrund seiner begünstigend erscheinenden Sozialprognose als auch seiner Geständnisse und Schuldeinsichten sowie andererseits trotz mehrerer Voreinträge im Strafregister wie etwa wegen Diebstahl um eine bewährungslose Haftstrafe herum.

Dies galt auch für den geständigen und schuldeinsichtigen G., der zu einem Jahr und fünf Monate, ausgesetzt auf eine vierjährige Bewährungszeit, der Begleitung durch einen Bewährungshelfer und 1500 Euro Geldbuße verurteilt wurde.

Obwohl gegen ihn ebenso einige Einträge im Vorstrafenregister vorlägen, hielt ihm das Gericht zum einen zu Gute, dass diese Taten bereits zahlreiche Jahre zurücklägen und eine günstige Sozialprognose ersichtlich sei, ohne dass er sich erneut etwas zu Schulden kommen habe lassen.

Damit sprach sich das Bad Mergentheimer Amtsgericht am Ende auch bei dem 25-jährigen Angeklagten für eine Bewährungsstrafe aus, zwar unter Berücksichtigung der Anklage- und Urteilspunkte des Landgerichts Würzburg, jedoch gegen dessen Urteilsspruch, in dem G. vor kurzem bereits zu einer Haftstrafe ohne eine Bewährung verurteilt worden war.

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