Bad Mergentheim

Prinz-Constantin-Konzert „Kuss Quartett“ und Dirk Mommertz begeisterten mit Stücken von Poppe, Mozart, Reimann und Schumann

Mit leidenschaftlichem Spiel verzaubert

Beim Prinz-Constantin-Konzert im Weikersheimer Rittersaal zeigten Dozierende des „64. Jeunesses Musicales International Chamber Music Campus“ ihr Können.

Weikersheim. Ein Höhepunkt des internationalen Kammermusikkurses der Jeunesses Musicales Deutschland in der Musikakademie Schloss Weikersheim ist das traditionelle Prinz-Constantin-Konzert der international renommierten Dozenten. In diesem Jahr begeisterten das Kuss Quartett und der Pianist Dirk Mommertz das Publikum mit leidenschaftlichem Spiel und überragender Qualität.

Das Markenzeichen des Kuss Quartetts sind konzeptuelle Programme, die stets einen roten Faden haben und womit sie sowohl dem traditionellen Publikum als auch neuer Hörerschaft einmalige Erlebnisse bieten wollen.

Die Geigerin Jana Kuss und ihr Kollege Oliver Wille spielen schon seit über 25 Jahren Seite an Seite – mit William Coleman (Viola) und Mikayel Hakhnazaryan (Cello) suchen sie mit einer besonderen Neugierde nach der Bestätigung des ewigen „Muss es sein?“ des Streichquartettspiels. Mit einer Mischung aus bekannteren Werken und zwei zeitgenössischen Kompositionen zog das Quartett die Konzertgäste im voll besetzten Rittersaal in seinen Bann.

Eröffnung mit Bagatellen

Das Konzert wurde mit sieben Bagatellen von Aribert Reimann eröffnet, die 2017 für das Kuss Quartett komponiert wurden. Sie sind als instrumentale Vor-, Zwischen- und Nachspiele zum Liederzyklus von Theodor Kirchner auf Gedichte von Heinrich Heine von Reimann für Streichquartett und Sopran umgearbeitet worden, können aber auch, wie an diesem Abend, als eigenständige Komposition aufgeführt werden. Das Kuss Quartett vermittelte mit diesem Stück eindrucksvoll, dass Kammermusik Kommunikation bedeutet und mit welchen Facetten sie musikalisch umgesetzt werden kann. Der Bezug zur menschlichen Stimme, mal im Zwiegespräch, mal in temperamentvoller Verwebung aller Stimmen, war sehr eindrucksvoll in dem lebendigen Zusammenspiel mitzuerleben. Das Kuss Quartett zauberte in dem relativ kurzen Werk eine hohe Dichte an ganz unterschiedliche Stimmungen und Klangfarben in den Rittersaal.

So waren die Zuhörenden sensibilisiert, mit offenen Ohren und allen Sinnen das sogenannte „Jagdquartett“, das Streichquartett B-Dur KV 458 von Wolfgang Amadeus Mozart, zu genießen. Wegen des an ein Jagdhorn erinnerndes Dreiklangsmotivs im Kopfsatz erhielt dieses Quartett später diesen Beinamen.

Mozart widmete seine Streichquartette seinem Freund Joseph Haydn, dem er sie ihm in einem Brief wie Kinder ans Herz legte. Diese liebevolle Zugewandtheit übertrug das Kuss Quartett in seiner Interpretation des Werks auf das Publikum. Mit sehr nuancenreichem Spiel brachten die Musiker das Stück zum Leuchten und die Gäste erlebten ein kammermusikalisches Feuerwerk. Das Quartett knüpfte an die dichte Kommunikation des Eröffnungsstücks an und übermittelte dem Publikum in den vier Sätzen mit wunderschön und lebendig gestalteten musikalischen Phrasen seine Sichtweise des Stücks. Die Zuhörenden lauschten aufmerksam dem spannungsreichen Spiel und waren sichtlich fasziniert von der energiegeladenen Ausdruckskraft des Ensembles.

Streichquartett „Freizeit“

Nach der Pause fing das Ensemble die Aufmerksamkeit des Publikums mit einer weiteren, sehr kurzweiligen und durchaus humorvollen Auftragskomposition von Enno Poppe wieder ein: Mit dem in 2016 komponierten und in Hannover uraufgeführten Streichquartett „Freizeit“ verzauberte das Quartett die Konzertgäste durch eine ungeheure Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, Klangfarben und viel Kreativität.

Das Ensemble gestaltete und verband die 14 kurzen Teile zu einer überzeugenden musikalischen Einheit. Ein besonderer Reiz der Komposition liegt im Wechsel zwischen den Elementen Spielen und Umblättern. Letzteres wird durch leere Zwischenseiten in der Komposition verzögert und von den Interpreten in diesen erzwungenen Pausen, der sogenannten „stummen Freizeit“, frei gestaltet. Poppe notierte in die Partitur: „Es bleibt dem Geschmack und dem performativen Talent der Spieler vorbehalten, im Verlauf des Stückes den Vorgang des Umblätterns unterschiedlich zu gestalten.“ Auch in diesem Werk bewies das Ensemble, wie perfekt die vier Musiker aufeinander eingespielt sind und eine gemeinsame musikalische Vorstellung und Empfindung als Basis haben: Sie verstehen sich offensichtlich sehr intuitiv.

Auch dieses Stück hatte den Charakter eines Gesprächs, bei dem fast immer der Cellist das letzte Wort hatte, mit einem immer wieder anders – manchmal auch trotzig – eingeworfenen Abschlusston. Das brachte die Konzertgäste zum Schmunzeln.

Zum großen Finale mit dem Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann erweiterte sich die Quartettbesetzung um den Pianisten Dirk Mommertz. In der romantischen Tonsprache fand sich die Quintettformation vom ersten bis zum letzten Ton zu einer so homogenen und gemeinsam agierenden Einheit zusammen, als würde diese Besetzung auch bereits seit 25 Jahren gemeinsam spielen. Mommertz fügte sich perfekt in den edlen Klang des Quartetts ein und sorgte mit seinem einfühlsamen Spiel und auch herausblitzenden Akzenten für Gänsehautmomente. Die fünf Musiker ließen Schumanns Klavierquintett zu besonderer Schönheit erblühen mit scheinbar unendlichen Spannungsbögen und kontrastreich gestalteten Sätzen.

Sehr schön gelungen war als Gegensatz zu den lebhaften und leidenschaftlichen Hauptsätzen der zweite Satz in der parallelen Molltonart mit einem sich durch die Stimmen bewegenden Thema im Charakter eines Trauermarschs und mit immer wiederkehrenden Trugschlüssen.

Das Klavierquintett Schumanns begeisterte schon zu seiner Zeit nicht nur Mendelssohn und Wagner oder seine Frau Clara Schumann, die an der Uraufführung beteiligt war. Letztere bescheinigte dem Werk, es sei „wunderschön, voller Kraft und Frische“ und zudem „äußerst brillant und effektvoll“. Diese Meinung teilten am Konzertabend auch die Zuhörer und spendeten langanhaltendem Applaus.

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